Traube Tonbach

Luxus 0-3 Sterne, einer in der Mitte, da waren wir
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Leider hat es nicht ins 3 Sterne Restaurant gereicht, aber 1 Stern war auch sehr gut und vielleicht etwas legerer. Das vegetarische Menü ist dort um ca. 1/3 günstiger, so konnten wir viel sparen. Auch in einer unteren Kategorie sind die Zimmer groß und nicht nur die Aussicht beeindruckend. Hotel Traube Tonbach gehört zum oberen Segment, was man schon an den geparkten Autos leicht erkennt.

Da besteht natürlich die Gefahr, dass man mit zweifelhaften Leuten, die zu wenig Steuern bezahlen und politisch grauenhaft sind, die Umgebung teilen muss. Aber der Abstand zwischen den Tischen ist groß genug. Wir kosteten den einzigen slowenischen Wein, der aber an der Grenze zu Österreich wächst, also eher zu uns gehört, wie uns die Sommeliere vermittelt. Die Flasche steht im Kühler schräg hinter mir, was für mich zu nahe ist, trotz des vielen Personals. Insgesamt arbeiten in dem Hotel wohl über 300 Angestellte. Ob sie in einer Gewerkschaft sind und sein können oder dürfen? Das frage ich den Besitzer leider nicht, als er sich kurz unserem Tisch nähert. Leider lerne ich niemanden vom Personal kennen, wir sind nur eine Nacht hier. Die wird aber ausgenutzt. Nach dem Essen, wo es nichts zu beanstanden gibt, gehen wir zur Bar, wo ein Pianist und Sänger, ein Alleinunterhalter, Tanzmusik macht. Sehr nett, es tanzen aber nur 2 bis 3 Paare ab und an.
Scheint, die Tanzkultur ist nicht mehr im Bürgertum zu Hause, eher, wenn ich an unsere Tanzschule denke, in der unteren, aber aufstiegsorientierten Mittelschicht.
Die Dame gibt dem freundlichen Musiker ein Trinkgeld, soweit ich das mitbekommen habe, war sie die einzige. Schade, denn viel wird der Mann nicht bekommen.

Das Essen ist auch bei einen Stern gourmetmässig, dh. ich mag z. B. keine Erbsen. Die waren aber Teil meines vegetarischen Menüs. Die Dame beruhigt mich, die fielen kaum auf. Tatsächlich sind alle Essenskomponenten extrem fragmentiert und minimiert. Aber alle Gänge sind schön bunt und anzusehen. Satt wird man irgendwie trotzdem. Die Bedienung erklärt jedes Mal, was wir da vorgesetzt bekommen; wie immer vergesse ich das sofort, verstehe auch nicht alles. Es scheint mir aber auch nicht wirklich wichtig. Vielleicht ist, was in der Philosophie Dekonstruktion, beim Essen das, was wir serviert bekommen. Dazu gibt es eine große Erzählung...

Ein Hotel wie unseres bietet viel seinen erschöpfen Gästen. Vergessen wir den Spa(ß)-Bereich, was spannender ist, dass es hier von morgens bis abends Yoga und Fitness gibt. Dieses, auch das Poweryoga, ist ganz in den oberen Sphären angekommen. Da mir meine Mitte schon vor langer Zeit abhanden gekommen ist, hasse ich alle Vulgärpsychologie, die die Leute wieder ins Gleichgewicht, erden, will. Dazu ist es zu spät. Das intellektuelle Niveau ist schon so weit gesunken, dass es nur noch auf gymnastische Weise gehoben werden kann. Nichts gegen Yoga, obwohl mir Qigong lieber ist, aber darum geht es nicht.
Leider bin ich nicht wirklich mutig, sonst würde ich das im nächsten Hotel, so Gott oder die Dame will, mal mitmachen. Endlich wäre mal der Raum voller schwarzen Wolken, die um mich kreisen... Das könnte ein Yoga der Tränen werden, aber das wollen wir doch nicht.

Übrigens scheint die Kundschaft hier von der harten Sorte: Ein Programmpunkt des Tages ist der ländliche Vierkampf: Wer ist der Schnellste mit der Säge, der Stärkste mit dem Hammer und melkt die Kuh am besten? Überall Leistung und Konkurrenz... Wenn auch partiell eher als Parodie.

Bei der Wanderung im schönen Schwarzwald habe ich mir dann auf der Hütte des zweiten Luxushotels bei günstigen Fleischküchle den Magen verdorben. Aber zum Glück: der Wald sieht und hört usw. nichts.

Beim Frühstück gibt es eine Maschine. Man wirft oben Orangen rein, wie die Bälle beim Lotto, dann muss man an einer Kurbel drehen, und die Maschine gibt den ausgepressten Orangensaft ins Glas. Der Mann vor mir dreht eifrig. Ich zu ihm, dass wir unseren O-Saft hier hart erarbeiten müssten. Er versteht das falsch und meint, das ginge ganz leicht. Ich dann, das wäre ein Scherz gewesen! Das wurde dann nicht der Beginn einer neuen Freundschaft, da der Mann lieber schnell mit seinem Saft verschwand. Die Maschine erinnert an die Handarbeit, die zwar und eigentlich in diesem Hotel nicht von den Gästen verrichtet wird, aber in Gestalt dieser Saftpresse als Parodie überlebt. Der junge Mann am Nachbartisch ist vom Saft oder der Maschine so begeistert, dass er sich immer wieder neuen holt und kurbelt. Ich vermute, das Kurbeln hat es ihm angetan.
Entfremdung, überall Entfremdung, aber hier ist der gemütliche Teil derselben.

PS: Vielleicht ist die Maschine aber auch ein Symbol für etwas ganz anderes: das reiche Publikum kurbelt ganz leicht - und wir sind die Orangen?

10:46 07.07.2019
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