Waldheim Gaisburg, Stuttgart

Friedrich Westmeyer-Haus Matinee
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Heute Mittag wurde bei bestem Wetter das Waldheim Gaisburg wieder eröffnet mit neuem Pächter. Und es gab eine Veranstaltung zu Ehren Friedrich Westmeyers, der nun sich in der Namensergänzung des Waldheims wieder findet.

Nun, wer kennt Westmeyer nicht, den Führer der Stuttgarter Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg, der Freund und Genosse von Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, August Thalheimer, Fritz Rück und anderen aus dem marxistischen Teil der SPD?

Wolfgang Haible eröffnete die Matinee, indem er kurz die Entstehungsgeschichte der dort vorgelegten Broschüre skizzierte. Dann folgte eine auszugsweise Lesung zweier Texte von Westmeyer, einer zum Wohnungselend in Stuttgart und einer zur Waldheimgründung in Sillenbuch, die der in Gaisburg voranging. (Für Nicht-Stuttgarter: es gibt zwei Waldheime in Stuttgart, die in der Tradition der radikalen Linken stehen, aber natürlich für alle neugierigen und kulturinteressierten Besucher offen stehen - ja, immer noch und wieder!)

Unterbrochen wurden die Beiträge durch Lieder von Brecht (Klavier und Gesang). Auch die Legende von toten Soldaten wurde aufgeführt.

Zum Abschluss wurde die damals berühmte Mairede von 1912 vorgelesen, in der der Satz fiel, der später von Liebknecht im 1. Weltkrieg aufgegriffen wurde: Der Hauptfeind steht im eigenen Land.

(Fragt hier jemand nach Aktualität?)

Später spielte im Waldheim noch die Ton Steine Scherben Coverband Einheizfront. Man kann nur hoffen, dass der Neustart gelingt und das Waldheim viele Besucher bekommt, damit dieser Teil einer anderen, sozialistischen Kultur nicht verloren geht.

Inzwischen ging eine Mail herum, die Besucher interessiert besonders ein Zitat zur Waldheimgründung:

"Es wäre blöde Utopie, die 'soziale Frage' durch solche Unternehmungen auch nur teilweise lösen zu wollen.
Wirklich frei machen kann die Arbeiterschaft - ganz gleich, ob sie mit dem Kopfe oder mit der Hand arbeitet,
ob sie dem Privatkapital oder dem Staate frondet - nur die Vernichtung des kapitalistischen Wirtschaftssystems überhaupt.
Der
'Zukunftsstaat' läßt sich nicht parzellenweise zusammenkaufen.
Aber einem kann und soll das Waldheim dienen, nämlich dem Besitzlosen für seine paar Freistunden,
in den er dem Kapital nicht fronden braucht, ein Plätzchen zu sichern, auf dem er als Gleicher unter Gleichen sprechen kann:
Hier bin ich Mensch, hier kann ich`s sein!"

Also verehrte LeserInnen, wenn Sie Interesse haben an Westmeyer:

1. Bergmann, Theodor, Wolfgang Haible u. Galina Iwanowa: Friedrich Westmeyer. Von der Sozialdemokratie zum Spartakusbund – eine politische Biographie. Hamburg 1998 (Leider vergriffen, vielleicht gibt es aber in diesem Jahr noch eine Neuauflage)

2. Wolfgang Haible: Friedrich Westmeyer (1873-1917). Sozialist - Friedenskämpfer - Begründer der Waldheimidee. (Broschüre, der Unkostenbeitrag von 2 € (+ Porto) kommt dem Waldheim zugute. Sie kann über den Autor bestellt werden: dr.wolfganghaible@gmx.net)

3. Und noch besser, wir sehen uns dort irgendwann...

20:40 29.04.2018
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