Wir sind bei uns Zuhause -

Eine Beschwörung Stuttgart, Frau Heller und Frau Jelinek
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"Wir sind bei uns Zuhause". Der immer wieder wiederholte zentrale Satz in Elfriede Jelineks "Wolken.Heim". Gesehen am 3.6. in Stuttgart im Kammertheater. Regie Friederike Heller, die wie im Programmheft steht, noch jung war, als das Stück entstand (1988), und der Nationalismus in D. durch den Mauerfall stark befeuert wurde.

Auf dem Begleitheft sieht man eine der drei Schauspielerinnen, die in Käfigen auf der Bühne agieren, diese werden von einer vierten Frau gelegentlich hin und her geschoben; keine leichte Aufgabe.

Die Frau auf dem Umschlag sieht aus wie aus den 50er Jahren, mit Lockenwicklern und einem Kleid, das nach Polyester aussieht. Ihrer Mitspielerinnen springen von Generation zu Generation bis in die 90er Jahre. - Die Regisseurin erzählt im Begleitheft von erschreckenden Jugenderfahrungen, um sogleich ihren Kotau vor der Totalitarismustheorie zu machen: "Ich denke, dass Jelinek im Sinne hatte, die strukturelle Ähnlichkeit radikaler und totalitär übersteigerter Systeme aufzuzeigen, egal wo sie sich verorten". Solche "Gedanken" sind wohl Voraussetzung, will man RAF-Texte überhaupt nur zitieren, und in Stuttgart arbeiten.

"Es scheint eine deutsche Sehnsucht zu geben...". Ich denke, da ist jemand, dem, was er bekämpfen will, auf den Leim gegangen: dem deutschen Wesen. Da hilft, mir fällt im Moment nichts anderes ein, immer noch Georg Lukacs: Die Zerstörung der Vernunft; kein einfacher Text, aber doch trotz partiell berechtigter Kritik Adornos daran, mit einem roten Faden, der kein Ende finden will.

Fragen zu stellen, sind beim Thema Nationalismus erst recht wichtig, aber führen die der Regisseurin weiter? "Wie kommt es immer wieder dazu, dass Frauen sich bereit erklären, ihren Körper, ihre Kinder herzugeben für eine Menschenverachtende Ideologie?"

Das Stück ist gut geeignet für jene Art von postmodernen Bildungsbürgen, die mit vagem oder sicherem Gefühl, das eine oder andere Zitat in diesem "Diskursstrom" erkennen. Das mag manchen erregen und unterhalten, die Frau neben mir schlief freilich ein. Das Gute ist, das Stück dauert nur ca. eine Stunde und 20 Minuten.

Ist das Sprachkritik, kommt da jemand mit? Da ist die Geistesgegenwart von gebildeten Kulturkonsumenten erforderlich, die das Vorbeirauschen der Wörter und Sinnfragmente mit der Arbeit am Begriff verwechseln, anders gesagt, wann soll hier und wie entsteht ein systemkritischer Gedanke im Rahmen der grünen Ordnung? Grüne Toleranz gegen Nationalismus, das ist kaum an der Oberfläche des Problems gekratzt.

Vielleicht kann man das Stück lesen; es anzuschauen, scheint mir eher mühsam, auch wenn man dem agieren der Frauen in ihren Käfigen manches abgewinnen mag, so der Gedanke, worin sie denn eingeschlossen sind?

Radikal war hier niemand an diesem Abend, aber vielleicht träumte meine Nachbarin ja?

09:49 04.06.2019
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