Apple weiß, wo ihr wart

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Ich erinnere mich noch sehr genau an das letzte Datenschutz-Sommerloch, es war mein Facepalm-Jahreshighlight. Eine künstlich vom Zaun gebrochene Diskussion über Streetview-Bilder, die ihren Höhepunkt dann erreicht, als vier Senioren als Panik-Barometer instrumentalisiert werden und die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ihren Facebook-Account löschen lässt. Die Empörung war groß, wieviel Überwachung wollen wir uns gefallen lassen? Ist das denn die Möglichkeit? Einer muss was unternehmen gegen diese Datenkraken! Bestimmt gab es auch ein paar Petitionen, die den Zugang zu Facebook sperren lassen wollten, weiß man's?

Jetzt, knapp ein Jahr später, kommt das Revival: Kaum kündigt Google an, Streetview mehr oder weniger einzustellen, will Microsoft mit einem Dienst namens Streetside ein Konkurrenzprodukt anbieten. Das heißt, uns steht ein toller Sommer bevor. Aber nicht nur wegen Microsoft, auch Apple ist ein absoluter Shitstorm-Garant.

Gestern berichtete der Guardian darüber, dass es - keine Apfel-Wurm-Wortspiele, versprochen - ein kleines Dateifitzelchen auf dem iPhone gebe, das alle Informationen speichere - und zwar ortsbezogen. Was heißt das? In erster Linie kann man ein Programm installieren und schon sieht man, wo man und wie lange man an welchem Ort gewesen ist - alles schön interaktiv auf einer Karte. Der Traum für misstrauische Beziehungspartner. Einfach installieren und schon sieht man, wo sich der oder die Geliebte wirklich herumtreibt - warum geht er/sie diesen Umweg in ein Restaurant? Das ist doch teuer, das macht er/sie doch niemals allein - Panik vor den Bildschirmen der Bohème! Malte Spitzkohl hätte gar nicht umständlich seine Vorratsdaten anfordern müssen, es hätte gereicht, wenn er der Zeit-Online-Redaktion sein iPhone zur Verfügung gestellt hätte (vielleicht hat Spitz aber auch gar kein iPhone, wer weiß das schon so genau?) - wie einfach alles sein kann. Wie das alles in der Praxis aussieht, zeigt der Journalist und selbsternannte Apple-Fanboy Richard Gutjahr in einem kurzen Video:






Ich an Stelle von Apple würde das ja als Hilfe für Alzheimer-Patienten verkaufen, die wenigstens auf einer Karte sehen sollen, wo sie gewesen sind, wenn sie sich schon nicht mehr daran erinnern können. Alzheimer? There's an app for that! (Video)

Aber mal ernsthaft: Erschreckt Sie diese Nachricht? Schmeißen Sie das iPhone weg, sofern sie eines besitzen? Protestieren Sie, indem Sie einer der bestimmt in diesem Moment tausendfach gegründeten "Gegen das StasiPhone"-Gruppen beitreten? Ja, kein Witz, man nennt es StasiPhone. Der Volksmund mag es witzig, da kann man ruhig auch ein wenig respektlos sein. Wie geht man damit um?

Ich habe kein iPhone, ich warte noch bis September, wenn die Version 5 rauskommt. Inklusive Livestream ins Netz - direkt aus meiner Hosentasche.

10:45 21.04.2011
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Geschrieben von

Hakan Tanriverdi

“Ein Rhizom bilden, Maschinen bauen, die vor allem demontierbar sind; ein Milieu schaffen, wo mal dies und mal jenes auftauchen kann: wie mürbe Brocken in der Suppe. Oder besser noch, ein funktionelles, pragmatisches Buch: nehmt euch, was ihr wollt."
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