Ausländerfeindlich, weil es einfach ist

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"der Freitag" hat eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie ausgeprägt konservative Ressentiments in Deutschland sind. Die Fragen, Antworten und Aufschlüsselungen nach Parteizugehörigkeit findet man hier. Auch wenn das Ergebnis wenig überraschend ist, möchte ich gerne auf einen Punkt eingehen - die Ausländerfeindlichkeit (unter Linken).

Insgesamt 49% der Befragten finden demnach, dass die Zuwanderung nach Deutschland drastisch reduziert werden sollte. Nun wird die Antwort durch die rhetorische Finte "drastisch" überdramatisiert, das Adjektiv verstärkt die Wahrnehmung. Automatisch wundert man sich, ob mehr als 49% der schwächeren Frage-Version zugestimmt hätten, also der Frage danach, ob die Zuwanderung an sich reduziert werden sollte, ohne das drastisch.

Was fällt noch auf? Am ausländerfeindlichsten sind die Mitglieder der Linken. Satte 61% finden, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben oder - wenn man es freundlich auslegen will - dass mittlerweile genug Ausländer auf deutschem Boden leben. Auch das ist nicht wirklich überraschend, zumindest nicht für mich, da ich in der Linken nie einen Hort des sozialen Verständnisses sah.

Warum?

Das Stichwort lautet Arbeiterkämpfe. Auch wenn sich die Mitglieder der Linken nach einer Studie aus allen Schichten zusammensetzen, ihr einendes Moment ist ihre Sorge um "soziale Belange". Soziale Belange ist ein anderes Wort für Arbeitskampf; und der Arbeitskampf findet statt in einem Dunstkreis der Anschuldigungen: Man fordert nämlich nicht nur höhere Löhne für die Arbeiter, sondern gleichzeitig auch, die Reichen höher zu besteuern. Es ist egal, ob die Forderung an sich richtig ist, wichtig ist, dass man einen Schuldigen hat: Die Reichen sind daran schuld, dass die Armen arm bleiben. So simpel ist das, da soll es nicht weiter stören, dass Karl Marx' Thesen die moralische Dimension eigentlich verbieten. Denn nach dem Haustheoretiker der Linken gibt es schlicht und ergreifend keine schuldige Person, auf die man mit dem Finger zeigen könnte. Der Kapitalist ist Kapitalist, weil er das sein muss, weil er sonst mit seinem Unternehmen pleite gehen würde. Bei Marx ist das System an sich das Problem; und zwar ausschließlich das System. Aber auf Menschen zeigt es sich leichter. Das ist die scheinbar notwendige Vereinfachung von Politik und Aktionismus, man braucht einfache Antworten. Und nichts sagt sich so einfach wie "Die Ausländer".

Warum sind Ausländer eine so leichte Zielscheibe?

Erstens: Man kann sie wunderbar als Block betrachten. Wenn man in der Kategorie Ausländer denkt, dann unterscheidet man sie von den Deutschen und denkt nicht mehr nach, ob es ein türkischer Müll- oder Bankkaufmann ist. Beide gehören, das ist zweitens, nicht hier her. Sie kommen eigentlich aus einem anderen Land und sind hier nur zu Besuch, darum nannte man sie ja auch so lange Gastarbeiter. Damit hat man die denkbar einfachste Antwort, denn es ist vollkommen egal, was der Hintergrund der Personen, was ihr Familien- und Kontostand ist, ob sie sich eher mit der CDU oder der SPD identifizieren. Es sind einfach Ausländer, und damit anders zu bewerten als Inländer. Nicht, weil es so sein muss (das wäre die Argumentation der NPD), sondern weil es einfach einfach ist.

(Hinzu kommt natürlich noch, dass man sich als Migrant medial nicht so effektiv in Szene setzen kann, wie reiche Menschen, die in Lobbys vernetzt sind und darüber Einfluss auf die Politik ausüben können.)

Alle Erklärungen über eine kulturelle Unvereinbarkeit mit Deutschland, eine geschichtlich ausgeprägte Distanz, ein religiöses Missverhältnis fallen hinter die grundsätzliche Bereitschaft zurück, anhand von einfachen Antworten entscheiden zu wollen. Je dringender eine Antwort benötigt wird, desto höher der Wille zur Einfachheit. Soziale Themen müssen dringend gelöst werden - immer. Hartz IV muss jetzt gerechter werden, die Löhne müssen heute steigen, die Banken hätte man am besten schon gestern an den Kosten der Krise beteiligt; das Soziale kennt nur das Jetzt als besten Zeitpunkt. Darum bleibt auch keine Zeit, sich tief in das Thema einzudiskutieren. Das erklärt meiner Meinung nach auch, warum die Linke noch vor der CDU liegt. Die CDU lehnt Ausländer ab, weil sie konservativ ist - "es gibt doch schon so viele" - die Linke entscheidet aus sozialen Gründen. Erst, wenn es "uns Deutschen" gut geht, können wir unser soziales Verhalten auch nach den "anderen" ausrichten.

Dass man zwischen Menschen unterscheiden soll und kann, wird als Annahme von allen Befragten (ich korrigiere: den zustimmenden Personen) mitgetragen. Auch von den Grünen zu wahlweise "nur" oder "immerhin" 33 Prozent. Auch das ist nicht wirklich überraschend - aber allemal erschreckend. Denn gerade die Kategorisierung nach der Wertigkeit eines Menschen will man eigentlich nicht in Nationalstaats-Kategorien beantwortet wissen. Aufklärung nennt man diese Zeit, Menschenwürde das Ergebnis.

Aber das neue Europa verabschiedet sich davon.

17:19 11.05.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Hakan Tanriverdi

“Ein Rhizom bilden, Maschinen bauen, die vor allem demontierbar sind; ein Milieu schaffen, wo mal dies und mal jenes auftauchen kann: wie mürbe Brocken in der Suppe. Oder besser noch, ein funktionelles, pragmatisches Buch: nehmt euch, was ihr wollt."
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