Dein Geld, mein Geld

Social Investing Auf Social-Investing-Plattformen legen Nutzer offen, wie sie Erspartes investieren. Damit jeder es nachmachen kann. Soll das Netz sogar die Geldanlage demokratisieren?

Was mit Kochrezepten und selbstgeschriebenen Lexikoneinträgen anfing, will auch vor dem großen Geld nicht Halt machen: Das Internet schafft bekanntlich Transparenz in allen Lebensbereichen. In sozialen Netzwerken und Foren werden nicht nur Urlaubsfotos und Klatschgeschichten miteinander geteilt, man tauscht sich auch über Arbeitserfahrungen und günstige Kredite aus, bewertet Leistungen von Hotels und Ärzten, schreibt Produkttests. Nur wie und wo man sein Erspartes anlegt, entzog sich bisher der Offenheit.

Mit dieser Verschwiegenheit könnte es nun auch vorbei sein. Online-Plattformen wie Covestor und Wealthfront versuchen, den Transparenzgedanken und das Teilen von Informationen, wie es die soziale Netzwerke vormachen, auf die Sphäre der Finanzwelt zu übertragen. Auf den US-amerikanischen Plattformen legen private oder professionelle Investoren in Echtzeit ihre Portfolios offen, damit andere ihre Transaktionen nachahmen können. Social Investing nennt sich das und soll eine neue Ära in der Finanzwelt einläuten.

Die "Demokratisierung der Geldanlage" erhofft sich etwa die Neue Zürcher Zeitung. Denn als Kleinanleger hatte man bisher einen entscheidenden Nachteil: Man bekam nicht dieselbe qualifizierte Beratung wie ein reicher Privatkunde. Einen eigenen Anlageberater kriegte nur zu Gesicht, wer ein bestimmtes Volumen investieren konnte – guter Rat ist schließlich teuer. Für alle anderen blieben meist nur Anlageprodukte von der Stange.

Hinzu kommt, dass Fondsmanager schmallippig sind. Wie viel Geld sie in welche Firma stecken, bleibt meist unter Verschluss. Dass in "zukunftsträchtige Branchen" investiert wird, ist oft der Höhepunkt an Transparenz. Es gibt allerdings auch Fonds – etwa solche, die sich explizit ethisches Investieren zum Ziel gesetzt haben –, die freiwillig monatlich oder sogar wöchentlich ihre Investitionen offenlegen. Nur in Echtzeit ließ sich bisher keiner beobachten.

Vorbild und Follower

Bei den Social-Investing-Plattformen ist das anders: Fondsmanager oder Privatleute legen hier ihre Anlagen komplett offen. Der Vermittler fällt weg – das ist nicht nur unbürokratischer, es soll auch die Kosten senken. Wer mitmachen will, beantwortet einen kurzen Fragebogen: „Wie viel Prozent Ihres Gesamtvermögens investieren Sie? Wann brauchen Sie das Geld?“ Daraus wird ein Risikofaktor abgeleitet, nach dessen Höhe dann passende Investitionsvorbilder vorgeschlagen werden. Sind die Nutzer von deren bisherigen Anlagestrategien überzeugt, entscheiden sie sich, die Investitionen nachzuahmen. In Echtzeit werden dann Aktien bei Vorbild und Followern gekauft und abgestoßen – "gespiegeltes Investieren" nennen Finanzexperten das.

Mit der im Netz oft gepriesenen Weisheit der Vielen haben die Social-Investing-Plattformen allerdings wenig zu tun. Eher folgen hier die Vielen den Weisen. Warum aber sollten professionelle Fondsmanager so generös sein und ihr Wissen mit jedem teilen? Natürlich geht es ums Geld. Von den jährlichen Gewinnen behalten die Plattformen prozentuale Anteile ein – einen Teil davon bekommt das Investitionsvorbild. Je mehr Nachahmer ein Manager oder auch ein Privatanleger hat, desto eher kommt er also an leicht verdientes Geld.

"Prinzipiell sind diese Plattformen eine interessante Sache", sagt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest. "Es ist immer sinnvoll, zu schauen, was die anderen machen." Allerdings gebe es bei Social Investing auch kritische Punkte. Man müsse seinem Investitionsvorbild etwa vertrauen, dass es die Anzahl seiner Follower nicht zu kurzfristigen Kursmanipulationen benutzt.

"Wenn Ihnen zehn Leute folgen, die jeder 5.000 Euro investieren, können Sie 50.000 Euro bei Siemens anlegen – da merkt man am Kurs gar nichts. Sie können aber auch Aktien eines kleineren Mittelständlers kaufen, bei dem das zu größeren Ausschlägen führt, mit denen Sie dann selbst Geschäfte machen", sagt Tenhagen. Um sich gar nicht erst dem Verdacht von Kursmanipulationen auszusetzen, müsste man daher von seinem Vorbild erwarten, dass es nur in Titel großer Firmen investiere. "Und da ist dann wieder die Frage, ob man das wirklich will."

Ein anderes Problem könnte die Berechnung der Jahresgewinne und die daran geknüpfte Gewinnbeteiligung zu einem festen Stichtag sein. Um die Bilanz an diesem Datum besonders gut aussehen zu lassen, könnten die Vorbilder in Versuchung geraten, kurzfristig gut dastehende Aktien anzukaufen, um sie gleich nach dem Stichtag wieder abzustoßen – das Gegenteil einer langfristigen Strategie. "Das ließe sich aber mit einer anderen Form der Gewinnbeteiligung ausschließen", meint Tenhagen.

In welche Firmen das Geld fließt, hängt bei den Plattformen dabei nur von den Entscheidungen der Investitionsvorbilder ab. Der Begriff Social Investing leiht sich "social" von Social Media, nicht von besonders sozial verträglichen Investitionen.

Portfolio von Greenpeace?

Dennoch bieten die Plattformen für das sogenannte ethische Investieren einige Möglichkeiten. Organisationen könnten dort für alle einsehbar vormachen, wie man mit ökologisch oder sozial bewusstem Aktienkauf Geld verdienen kann. "Greenpeace könnte etwa ein Portfolio aufmachen, das zeigt, wie man ökologisch korrekt investiert2, sagt Tenhagen. "Oder die IG Metall kauft für alle sichtbar nur Aktien sozial besonders vorbildlicher Unternehmen." Viele Untersuchungen zeigten, dass eine solch ethisch motivierte Anlagestrategie nicht zwingend auf Kosten des Gewinns gehen muss. Vor allem ist dann eine Rendite sicher: ein gutes Gewissen.

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12:35 02.08.2011
Geschrieben von

Hakan Tanriverdi

“Ein Rhizom bilden, Maschinen bauen, die vor allem demontierbar sind; ein Milieu schaffen, wo mal dies und mal jenes auftauchen kann: wie mürbe Brocken in der Suppe. Oder besser noch, ein funktionelles, pragmatisches Buch: nehmt euch, was ihr wollt."
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