Hakan Tanriverdi
14.04.2011 | 09:41

"In Afrika könnte die globale Vernetzung per Handy stattfinden."

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Hakan Tanriverdi

Mit “The Internet of Elsewhere” wird Cyrus Farivar im Mai dieses Jahres ein Buch veröffentlichen, das sich mit dem Internet und dessen Rolle als Katalysator befasst und wie es Kommunikation, Politik und Wirtschaft beeinflusst bzw. sogar nachhaltig verändert. Ein Interview.

Herr Farivar, wie würden Sie Ihr neues Buch in einem Tweet beschreiben?

Es ist ein Buch über die Geschichte und die Auswirkungen des Internets in vier Ländern: Estland, Senegal, Südkorea und Iran.

Warum haben Sie sich für diese Länder entschieden?

Wenn man sich das Internet als einen Strahl vorstellt, dann ist Südkorea an einem Ende und Senegal am anderen. Südkorea hat den höchsten Breitbandversorgungsgrad, prozentual gesehen sind dort die meisten Menschen online und der Internetzugang dort ist am günstigsten. Senegal hingegen ist nicht unbedingt am schlechtesten vernetzt, aber die am „besten schlechtvernetzte Gegend“. 12% der Bevölkerung haben Zugang zum Internet und das Land hat viel, das eine Internetnutzung ermöglichen sollte. Sie sind sehr nah am Untersee-Datenkabel, sie sind politisch und wirtschaftlich stabil und hatten auch den Willen.

Was ist die Stärke von Südkorea?

Das hat viel mit der Entwicklung und Geschichte des Landes zu tun. Im Jahr 1990, als sich die ersten Unternehmen gründeten, wurde der Telefonmarkt extrem dereguliert, das hatte natürlich Preiskämpfe zur Folge. Außerdem ist Korea eher klein und die Menschen leben sehr dicht zusammen, es gibt sehr viele Hochhäuser, die Bevölkerung lebt auf engem Raum, das heißt, sie kann besser vernetzt werden. Warum Estland? Estland ist nah an der Mitte. Nicht viele kennen das Land, aber Skype kennt jeder und das kommt aus Estland. Auch hier ist die Geschichte interessant: Das Land war quasi nonstop besetzt und als es unabhängig wird, entwickelt es sich derart rasant. In Estland gibt es das beste eGovernment. Die Leute stecken eine Karte in den PC und sagen dann: „Okay, jetzt ich habe gewählt.“ Das liegt natürlich auch daran, dass das Land insgesamt so viele Einwohner hat wie München und das leichter zu organisieren ist. Aber trotzdem wurde hier nach 1991 ein kompletter Neuanfang hingelegt. Warum? Das war die Frage, die mich dazu getrieben hat, dieses Buch zu schreiben.

Das Internet ist also eher Ausdruck für etwas und nichts, das für sich selbst steht?

Genau. Das Internet ist kein Akteur. Viele sagen: „Bringen wir das Internet nach China, dann kommt die Demokratie automatisch!.“ Das ist falsch. Wenn wir das Internet nach Senegal bringen, wird die Wirtschaft nicht automatisch prosperieren.

Also schlagen Sie in eine ähnliche Kerbe wie Evgeny Morozov?

Ich stimme ihm in weiten Teilen zu, auch wenn ich seinen Zynismus nicht teile. Morozov konzentriert sich auf die politischen Effekte, ich hingegen sage: Es ist nicht nur die Politik, es ist auch die Wirtschaft. Senegal wollte zum Beispiel das Internet fördern und hätte dafür Unterstützung aus den USA bekommen, dank der sogenannten Digital Freedom Initiative. Senegalesische Unternehmer sollten in einem eigens dafür eingerichteten Cybercafé lernen, wie man das Internet für das eigene Unternehmen besser nutzen kann. 2007 war das ein Café wie jedes andere Internet-Café, es hatte keine besondere Funktion mehr. Die USA bedauerten das natürlich, aber mehr können sie nicht machen, ohne automatisch die Souveränitätsrechte des Landes zu verletzen.

Sollte das Internet ein Menschenrecht werden?

Ich liebe das Internet, ich verbringe viel zu viel Zeit im Internet, wie viele hier auf der re:publica, aber ich denke, es gibt in Senegal wichtigere Sachen, die man klären muss, bevor man sich um die Verbesserung des Internetzugangs kümmert. 40% in Senegal können lesen, das heißt 60% können es nicht. Wie wollen diese Menschen partizipieren? Im Internet werden primär Texte gelesen, Katzenvideos alleine reichen nicht aus. Außerdem: Wie viele können in ihrer eigenen Sprache lesen? In Senegal ist französisch die Amtssprache, aber die lokalen Sprachen sind andere. Das Problem ist: Ich rede mit meinen Freunden automatisch anders als mit den Behörden. Die Senegalesen müssten also ein Internet in ihrer Sprache haben, ihre Sprache müsste verbreitet sein, erst so bringen sie ihre Interessen ungefiltert zum Ausdruck.

Was ist das Problem Senegals?

Nehmen wir eins davon, das Geld: In Deutschland liegt ein durchschnittliches Gehalt über 1 000 Euro, der Internetzugang kostet knapp 30 Euro. In Senegal kostet der Zugang ähnlich viel, aber die Menschen haben nicht annähernd soviel Geld. Das heißt: In Afrika ist es viel teurer, darum sind weniger Leute im Internet. Aber: Handys sind sehr weit verbreitet.

In Kenia kann man ja auch mit dem Handy bezahlen.

Das System heißt M-Pesa und ist im Prinzip ein bargeldloser Zahlungsverkehr. Man kann sein Taxi mit dem Handy bezahlen. Ich würde gerne mein Taxi bezahlen, ohne vorher zur Bank zu müssen, warum gibt es das nicht hier?

Das heißt aber auch: In Afrika könnte die globale Vernetzung über das Handy stattfinden.

Das ist auch meine These. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es mehr solcher Entwicklungen geben, die aus Afrika kommen und maßgeschneidert sind für Leute, die keinen Laptop haben, aber dafür ein Handy. Nicht unbedingt ein iPhone, aber selbst die Smartphones werden ja billiger. Die müssen sich nicht mehr mit den künstlich hohen Internetkosten auseinandersetzen, da die Preise bei den Mobilfunkanbietern sehr niedrig sind.

Was wiederum ein ökonomisches Argument ist.

Das ist genau mein Punkt. Warum kommt M-Pesa aus Kenia? Warum kommt Skype aus Estland? Warum ist Südkorea so gut vernetzt? Warum ist Deutschland so besorgt um Datenschutz? Warum kommt das Blackberry aus Kanada? Das sind die zentralen Fragen und die Antwort ist immer die gleiche: Das Internet ist kein Akteur, es kollidiert mit dem, was schon vor Ort existiert. Das Internet entwickelt sich entsprechend dem, was vor Ort vorhanden ist. Das Internet ist mehr als nur Startups in Silicon Valley. Es geht um die Geschichte und was für Effekte diese hat, im Senegal, Südkorea, Estland oder Iran.

Im Buch steht: „Wenn es in Iran je eine Chance gegeben hat, die Machthaber effektiv zu bekämpfen, dann war das 2009, im Rahmen der ‚grünen Revolution’“. Wenn wir jetzt die neuen Proteste im Nahen Osten betrachten, würden Sie diesen Satz so stehen lassen?

Ja, denn da ist ein Unterschied: Im Juni 2009 sprachen alle von der Twitter-Revolution; mein Problem ist, dass Revolution einen effektiven Umbruch mit sich bringen. Was aber passierte im Iran? Nichts.

Im Fall von Ägypten gibt es diesen effektiven Umbruch.

Ja, aber das ist zwei Jahre später.

Das ändert nichts am Argument, dass ein Umbruch stattgefunden hat.

Gut, das hat aber nichts mit dem Iran zu tun und das Zitat bezieht sich ja explizit auf den Iran. Damit meinte ich, dass es in der Geschichte des Irans, seit der islamischen Revolution, der einmalige Moment gewesen ist, an dem Leute öffentlich protestiert haben und sich trotzdem nichts geändert hat.

Warum klappt es in Ägypten und im Iran nicht?

Weil das ägyptische Militär nicht auf seine eigenen Leute schießt. Für mich ist das wesentlich wichtiger, als die Frage, ob man Facebook oder Twitter benutzt. In Ägypten wurde das Internet ja ausgeschaltet für fünf Tage. Was passierte? Die Proteste haben an Stärke zugenommen. Für mich heißt das: Das Internet hat die Revolution nicht hervorgebracht. Die Revolution hat deswegen stattgefunden, weil die Leute protestiert haben und das Militär nicht brutal eingegriffen hat.

Findet eine Überbewertung der Rolle von Twitter und Facebook statt?

Ich für meinen Teil würde Twitter und Facebook nicht zu viel Bedeutung beimessen, es ist kein alleiniger Grund. In Libyen funktioniert es ja auch nicht so einfach, weil Gaddhafi Geld zahlt, damit die Rebellen erschossen werden. Aber natürlich hilft das Internet auch, das ist keine Frage.

Eine weitere These ist, dass das Internet Menschen öffentlich macht, Ihr Beispiel ist, dass das iranische Regime Bilder der Protestler online gestellt hat, mit der Bitte, dass man sie verpetzen solle. Jetzt sagen Aktivistinnen wie Mona Seif, die in Ägypten auf dem Tahrir-Platz stand: „Das Fehlen ebendieser Privatsphäre beschützt mich. Wenn die Leute sehen, dass ich nicht mehr twittere, wissen Sie, das was nicht stimmt.

Okay, das macht Sinn. Aber gleichzeitig denke ich auch hier, das hat nichts damit zu tun, ob man Twitter benutzt, sondern damit, ob das Regime willens ist, Dich festzunehmen. Wenn man Mona Seif festgenommen hätte und die Regierung hätte sich nicht geändert, wäre sie heute immer noch in Haft. Ruhm alleine beschützt nicht, das glaube ich nicht.

Aber das Argument trifft ja auch zu im Fall von Ai Weiwei.

Es gibt ebenso viele Gegenbeispiele, nehmen wir Hossein Derakshan. Er ist Kanadier und Iraner und gilt als einer der ersten Blogger Irans. Er ist seit mehr als zwei Jahren im Gefängnis. Er wurde verurteilt, man kann keine Berufung einlegen und da passiert nichts. Das ist nur ein Beispiel, Blogger werden nonstop verhaftet. Also ja: Öffentlichkeit schützt, aber Twitter ist kein Schutzschild. Wenn ein Regime dich umbringen will, dann werden sie es tun.

Auch hier ein Beispiel: In der Türkei ist Abdullah Öcalan formell gesehen zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde aber aufgrund des massiven Protests insbesondere der europäischen Staatengemeinschaft nicht ausgeführt. Hier hätte man also den Fall eines Staatsfeindes, der durch seine Prominenz Schutz genießt.

Ja, aber warum genießt er diesen Schutz? Weil die Türkei etwas will: Sie will in die EU, also muss sie sich an deren Regeln halten. Ein Regime wie Iran ist auf diese Art der Anerkennung nicht angewiesen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.