Wedding Mitte – Der Hochzeits-Liveticker

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Berlin, 12.40 Uhr

Der nächste Pulk Menschen kommt, diesmal ultraschick angezogen, ich vermisse fast schon die Limousine. Sie stehen draußen vor der Tür und halten ihre üppigen Blumensträuße in der Hand, von den Hälsen baumeln teure Spiegelreflexkameras und die Anzüge kommen vermutlich aus Schneider's Hand. Ob ich noch einmal fragen sollte? Das Hochzeitskarusell dreht sich immer weiter.

Bevor ich aufstehen kann, verschwinden sie im Gebäude. Und ich damit von hier.


Berlin, 12.30
Uhr

Dass die Trauzeugin die jüngste ist, erkenne ich daran, dass sie Wedges trägt und auch ansonsten als einzige hier glitzert.

Die Dokumente werden übergeben, "Hiermit sind Sie offiziell verheiratet", mittlerweile hat die Braut ein Taschentuch und trocknet sich die feuchten Augen. Insbesondere das kleine Mädchen ist entzückt, sie springt als erste auf, um den frischvermählten zu gratulieren. Ich bleibe sitzen, auch wenn ich mich automatisch dazugehörig fühle, aber das ist nur das eigene Unvermögen, Situationen richtig einzuschätzen. Also lieber sitzen bleiben und aus der Ferne per Kopfnicken gratulieren. Alles Gute!

Wir gehen raus, auf dem Flur wird weiter ja gesagt und gelacht. Ich gehe vorbei und beglückwünsche das Ehepaar.

"An diesen Tag werden Sie sich für immer erinnern", sagt die Beamtin noch, "dafür wird die Presse schon Jahr für Jahr sorgen." Wieder ein Witz über die Medien - und wieder funktioniert er.

Auch ich lache.


Berlin, 12.27
Uhr

Da ist der Kuss. Er dauert nicht lang, dafür gibt es ihn doppelt und dreifach. Wo sind eigentlich die Ringe? So wie es aussieht, gibt es keine. Alle setzen sich wieder hin, jetzt beginnt wieder der organisatorische Part: Die Niederschrift. Sie wollen beide ihre Namen behalten? Ja. Die Trauzeugin heißt Soundso und wohnt daundda? Ja. Die zweite Trauzeugin? Ja. Ab jetzt wird nur noch Ja gesagt.

Der Ehemann geht vor und unterschreibt, die Kameras werden gezückt.

Die Ehefrau geht vor und unterschreibt, der Ehemann sagt: "Kaum Ja gesagt und schon in den Wechseljahren."


Berlin, 12.26
Uhr

Vielleicht liegt es nur an mir, dass ich nichts höre, denke ich, schließlich sitze ich weit hinten und das Brautpaar ist immerhin fünf Meter von mir entfernt, aber auch der Blick der Standesbeamtin ist ein Mix aus Verdutztheit und Erwartung. Dann höre ich ein geflüstertes "Ja". Die Braut hat also gar nicht geschwiegen, sie hat das Ja nur geflüstert, jetzt wiederholt sie es, lauter, einmal Ja, noch lauter, zweimal Ja, und beim dritten Mal ist es fast ein Schrei der Erleichterung. Alle klatschen, am lautesten ich. Wehe, man unterstellt mir hier Bosheit, das ist pure Freude!


Berlin, 12.25
Uhr

So, die Rede ist vorbei. Jetzt kommt der feierlichere Part. Das Brautpaar steht zusammen mit den Trauzeugen auf und jetzt ist der große Moment. Die Beamtin schaut das Paar und sagt: "Ich muss mit dem Mann anfangen". Muss? Hier werden die Klischees noch ins Wanken gebracht; finde ich toll. "Sehr geehrter Herr X, wollen Sie Frau Y (ich habe versprochen, es anonym zu halten) zu ihrer Frau..." "JA!" Das war schnell und das war laut. "Sehr geehrte Frau Y, wollen Sie Herr X zu Ihrem Mann nehmen?" "..."


Berlin, 12.20
Uhr

Der Monolog dauert an, das Zeremoniell geht recht ruhig über die Bühne. Für Unruhe sorge nur ich als ich etwas zu hektisch in meine Hosentasche greife, als mein Handy vibriert (es war natürlich auf lautlos gestellt, keine Sorge) und eine der zwei kleinen Mädchen, die an der Bluse ihrer - ihre Mutter ist das nicht, ich weiß es nicht, zumindest ist da noch ein Pärchen in ganz schwarz, vermutlich Metalfans, deren Tochter sie sein könnte. Das Mädchen zupft auf alle Fälle an der Bluse und grinst die ältere Dame an. Die Beamtin: "Die Ehe ist keine Kette, sie ist ein Band." Auch dieser Spruch zieht, ich stimme mit ein in die Euphorie. Find' ich toll! Die Braut muss weinen, das sind Tränen der Freude, die sie versucht, zu unterdrücken? Warum eigentlich, hier sind wir doch im engen Kreis der Familie? Achja, die Familie und ich.


Berlin, 12.15
Uhr

Die Standesbeamtin (Kommentar von Maike Hank: "Wären wir in einem Western, dann wärs der Friedensrichter!") steht auf, ihre Hände sind gefaltet, ihr Blick ist gutmütig und ihre Stimme sanft. Wie gesagt, ich kenne diese Ruhe nicht. Die Beamtin reißt einen Witz, hier in Berlin-Mitte seien wir ja im "Herzen von Berlin", aber der Spruch zieht natürlich, heute wird geheiratet, da gibt es nur treffende Bemerkungen. Es sind ca. nur zehn der 30 Plätze belegt, die Hochzeit ist wirklich dezent gehalten.


Berlin, 12.00
Uhr

Es geht los, wir sollen in den nächsten Raum, der grob geschätzte 30 qm groß und in erster Linie rechteckig ist. Ich war noch nie Teil einer solchen Zeremonie. Ich kenne nur türkische Hochzeiten, und ich denke, die meisten kennen türkische Hochzeiten, mit den ganzen hupenden Autokorsos mitten in der Stad, dieses große Fest, alle sollen es wissen, seht her, wir heiraten! Hier ist das gar nicht so. Es ist erfrischend ruhig, meine Ohren brummen nicht von zu lauter Live-Musik, im Gegenteil, gespielt wird "As time goes by" Richard Clayderman.


Berlin, 11.45
Uhr

Wenn ich das Eingangsschild vorher richtig gelesen habe, dann hat das Standesamt bis 12.30 offen. Das heißt, das hier ist ein Showdown-Moment. Entweder ich komme jetzt rein oder aber ich schreibe darüber, dass die Hochzeitsgäste eher keine Lust auf die Presse haben und sie genau das vom britischen Pärchen unterscheidet.

Ich gehe rein, warte einen Moment, alle reden noch, anfangs werde ich kaum beachtet. Dann sage ich: "Hallo." Ich setze an und mache mich ein wenig über die anderen Zeitungen lustig, haha, Live-Ticker, und siehe da: Es klappt: Medienschelte ist immer noch der überzeugendste Eisbrecher. Ich erzähle, von welcher Redaktion ich bin und der Bräutigam, ein älterer Herr mit grauen Haaren, schaut mich an und sagt: "Hier, Freitag, das ist doch, vom Augstein ist das doch." Dann schaut er sich um und führt weiter aus: "Das Intellektuellenblatt. Sollen wir jetzt das hässliche Pendant sein, oder wie?" Alle lachen.

"Also für mich ist das kein Problem". Die Worte kommen aus dem Mund der Braut, "kommen Sie ruhig mit." Also dann, ich bin dann mal Ja-Wort-Schauen.


Berlin, 11.15
Uhr

Ich also rein. Und da sind sie wieder, die fragenden Blicke: Wer ist dieser Man? Was macht er hier? Es sind keine zehn Menschen im Vorzimmer und, soweit ich das sehe, wird der Dresscode immer alltäglicher. Das Sakko trägt nur noch der Bräutigam, die restlichen Gäste sind ähnlich legère angezogen wie ich.

"Hallo, ich heiße Hakan.." Die Routine beginnt, und ich merke, wie sich ihr Gesicht beim Wort "Zeitung" ein wenig verzieht. Trotzdem mache ich weiter, sie sind höflich und lassen mich ausreden. Dann herrscht kurze Stille. Ich spiele mit dem Gedanken, von Neuem anzusetzen, vielleicht haben sie einfach nicht verstanden, vielleicht habe ich in meinen Bart genuschelt, denkbar ist alles, aber dann schaut mich die Dame an und sagt: "Das ist ja nett" und an ihrer Tonlage kann ich das Aber heraushören, noch bevor sie es sagt. "Aber... Schatz, was sagst Du?" Der Ehemann blickt erst sie undanschließend mich an. "Neeee". Die Würfel sind gefallen, ich muss draußen bleiben. Schade. Aber, es wird besser, die Ablehnungen werden sanfter.


Berlin, 10.45 Uhr

Das nächste Pärchen kommt in das Zimmer, die Stimmung ist ausgelassen, es sind nicht ganz so viele, 20 vielleicht. Und sie sind vor allem eines: Deutlich älter. Man unterhält sich über dies und das, die eigene Tochter sei nach ihrem England-Aufenthalt ganz erschrocken gewesen, wie viele Ausdrücke sie gelernt habe, wie "dreckig ihre Sprache wurde". Und noch etwas fällt auf: Die Damen und Herren sind nicht mehr ganz so fein angezogen, Anzüge gibt es nur noch vereinzelt, in der Masse überwiegen schlichte, feine Hosen auf Hemden.Die Kamera filmt alles, also auch mich, der plötzlich mitten unter den Gästen steht.

Der Fotograf schießt gerade Bilder vom Pärchen auf dem Sofa, als sie mich erblicken. Klick. Tut mir leid - dieses Foto habe ich ihnen versaut. Ich gehe trotzdem hin und stelle mich vor: Name, Arbeitgeber, Intention. Die Dame schaut mich an, sie wirkt verwirrt,

Sie fragt mich:

"Warum waren Sie denn nicht bei dem jungen Pärchen von eben?"

Ich: „Das Pärchen wollte, aber die Gäste nicht."

"Na dann, ich will auch nicht“

"Kein Problem, alles Gute.“

Also sitze ich erneut im Gang. Vielleicht sollte ich das nächste Mal einfach sagen, „Ich kam zu spät, sonst wäre ich bei dem Pärchen vor Ihnen gewesen“. Vielleicht bin ich aber einfach wieder ehrlich. Johannes tritt an mich heran. Kurz vorher wollte er mir seine Hand nicht geben – weil er krank ist. Er ist sehr nett und sagt, ich solle doch unbedingt warten, gleich nach dem offiziellen Teil werde eine umwerfende Bach-Sonate gespielt, auf dem Cello. Ein Traum sei das. Vielleicht sitze ich also gar nicht so schlecht, erste Reihe sozusagen. Und tatsächlich, es ist wunderschön. Und dauert vor allem so lang, dass ich beinahe die nächsten Gäste verpasse. Nichts wie los.


Berlin, 10.15 Uhr

Anscheinend sehen das nicht alle so. Ich sitze im Wartezimmer als plötzlich ein Pulk an Menschen hineinströmt, alle feierlich angezogen, die Männer durchgängig in Sakkos, die jungen Frauen in Kleidern, die älteren zwar immer noch schick, aber viel dezenter. Viele haben Blumensträuße in den Händen, der Rest vor allem Kameras. Es wird viel gelacht, der Fotograf schießt im Anmeldungsraum die ersten Bilder. „Kommen Sie rein“, sagt mir die Frau vom Standesamt, und kaum will ich durch die Tür, fällt sie ins Schloss - vor meiner Nase. Ich glaube, das ist der Trauzeuge und ich glaube auch, dass er nicht ganz so nett geschaut hat. Die Tür bleibt auf jeden Fall verschlossen.


Berlin-Mitte, 10 Uhr

Die Parochialstraße ist leer an diesem Freitagmorgen, außer einem Knöllchen-Schreiber ist weit und breit niemand auf der Straße, ab und an braust ein Taxi vorbei – es ist alles wie gehabt: Der Alltag kennt keine Kameras, die sind heute alle aufgestellt vor einer Abtei im Westminster, wo bereits im alltäglichen Trubel sich soviel Menschen in den Straßen lümmeln, dass man sich unweigerlich wie ein Slalomläufer fühlt. Aber heute heiratet ein Prinz und wenn der Adel sich die Ehre gibt, dann ist das Volk willfährig und vor allem stets zu Diensten.

Ich habe viele Walt-Disney-Filme gesehen, also kann ich ohne weiteres daran glauben,dass auch in einem gewöhnlichen Standesamt hier in Berlin-Mitte ein Prinz und eine Prinzessin zueinanderfinden. Also flieg ich nicht nach London, stell mich nicht bei 20 Grad zwischen ein Publikum mit dem Umfang eines gutbesuchten Rockkonzertes, sondern bin hier im Vorzimmer, sitze im Ledersessel und schaue auf ein Gemälde von Almut Faber. Bald wird geheiratet und im Hintergrund singt Xavier Naidoo „Ich brauche Dich, ich liebe Dich“. Hier bin ich also richtig.

11:43 29.04.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Hakan Tanriverdi

“Ein Rhizom bilden, Maschinen bauen, die vor allem demontierbar sind; ein Milieu schaffen, wo mal dies und mal jenes auftauchen kann: wie mürbe Brocken in der Suppe. Oder besser noch, ein funktionelles, pragmatisches Buch: nehmt euch, was ihr wollt."
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