Die Beschwörung der Familie

Rollenspiele Günter Grass schreibt in "Die Box" seine Autobiografie fort und lässt seine Kinder erzählen

Nachdem die Last des Bekenntnisses aus Beim Häuten der Zwiebel (Freitag 34/2006) von den Schultern ist, wird in Teil zwei der Grassschen Autobiographie mit erleichterter Hand noch einmal aufgespielt. Grass zeigt in Die Box, wie viel er noch vom alten Grass hat: den übermütigen Erfinder, launigen Fabulierer, augenzwinkernden Verkleidungskünstler, der alle Rollen selbst spielt, den Erzähler, von dem man schon nach wenigen Seiten den singenden Fluss der bekannten Stimme ins Ohr bekommt und nicht wieder verliert. Selbst schuld, ob Leser oder Kritiker, der jeden Satz hier ernst nimmt. Nachdem die Zwiebel keine Häute mehr hat, sind ihr Kostüme gegeben. Shakespeares King Lear wird zwar nicht gespielt - dafür mal Versteck-, mal Kasper-, mal Rollenspiel. Gefügt zu einem inspirierten, leichten Buch - Die Box eben. Wer es mit Neugier auf autobiographische Enthüllungen liest, dem kommt nichts Überraschendes in den Blick.

Das Buch trägt keine Genrebezeichnung, gibt sich aber im Untertitel als "Dunkelkammergeschichten" aus. Nun, das ist Spiel vom Anfang an, denn dunkel geht es in den neun Geschichten kaum zu, und doch spielt eine Dunkelkammer eine große Rolle. Grass hat nämlich für Die Box eine doppelte Konstruktion gewählt. Er lässt seine Kinder erzählen. Über ihn, über sich, über das Leben in den diversen Häusern Grass und über ihr eigenes. Am Anfang steht des Vaters Wunsch, zu seinem Achtzigsten die Kindheitsgeschichten seiner Töchter und Söhne zu bekommen. Ob es so war oder ob damit eine Erzählperspektive fingiert ist, gehört zum Grassschen Spiel. Jedenfalls treffen sich die acht Kinder - sechs eigene, zwei aus der Ehe seiner Frau Ute, die von ihm wie eigene gesehen werden -, mal vollzählig, mal unvollzählig, auf jeden Fall in Abwesenheit des Vaters und nehmen sich des Wunsches mit Erinnerungsrunden an. Es wird - da ein Grass-Sohn Tonspezialist beim Film ist - professionell ein Mikrophon auf den Tisch gestellt, damit sich der Vater später alles wunschgemäß anhören kann.

Die andere Konstruktion des Stoffs bietet Marie, die Fotografin in persönlichen Diensten des Schriftstellers. Sie stammt wie er aus dem Osten. Verbunden durch Herkunft, aber auch durch eine Freundschaft im Nachkriegs-Berlin, damals noch vom Ehepaar Grass zu Marie und deren Mann Hans, ebenfalls Fotograf. Als dieser früh starb - Grass hielt die Trauerrede und zählte am Schluss alle Lieblingsschnapssorten von Hans auf -, versprach er, sich der Alleingebliebenen anzunehmen. Sie hatte künftig für ihn alles zu knipsen (im Buch wird von "Knipsen" und von der "Knips-Marie" gesprochen), was Grass vor Augen haben, was er speichern, was er von seinen diversen Fundstücken als Bild sammeln wollte. Sie wurde mit ihrer Agfa-Box die optische Rechercheurin für einen beim Erzählen oft vom Visuellen ausgehenden und für seine Phantasie aufs Visuelle angewiesenen Schriftsteller und Zeichner. So wurde sie Familienmitglied. Sie begleitete mit ihrem altertümlichen Fotoapparat nicht nur das Heranwachsen der Bücher und Zeichenblätter von Grass, sondern auch das seiner Kinder.

So die Doppelkonstruktion des Erzählens angelegt, zieht Grass sie mit einem seiner bemerkenswerten Erzähleinfälle zusammen: Marie fotografiert nicht nur, was zu sehen ist, sondern auch was danach war und was noch kommt. Für den zweifelnden Leser wird angemerkt, dass sie möglicherweise auch als plötzlich Alleingebliebene nicht mehr richtig tickte und den Einfall beglaubigend wird noch hinzugefügt, dass es auch am Fotoapparat gelegen haben mag. Den an ihren übersinnlichen Fotos im Anfang respektlos zweifelden Kindern gibt sie zornig zur Antwort: "Was heißt das, die Box tickt nicht richtig? Irgendwann zeig ich euch, was dabei rauskommt, wenn man übrigbleibt, nicht mehr richtig tickt und Sachen sieht, die nicht oder noch nicht da sind ... (die Box- H.M.) weiß jedenfalls immer schon vorher Bescheid, seitdem sie das Feuer überlebt hat". Grass-Vater fotografiert sie die ausgebombten Zimmer im kriegsbeschädigten Haus, in dem die Familie ihre erste Berliner-Wohnung hatte. Und siehe: sie sind auf den Fotos wieder, wie sie im Frieden waren. Und Tochter Lara aus erster Ehe fotografiert sie die drei süßen Jungtiere ihres Meerschweinchens, noch bevor das überhaupt einem männlichen Meerschweinchen begegnet ist und anschließend schenkt sie ihr noch die Bilder von den U-Bahn-Ausflügen durch Halbberlin ihres Hundchens Joggi. Der nach der ersten Ehe geborenen jüngsten Tochter Nana fotografiert sie die Mutter zum Vaterausflug auf einem Kettenkarussell hinzu und schenkt ihr die Illusion, Vater und Mutter um sich zu haben. Und als Marie die zeitweilige Familie (Grass hatte sich von Nanas Mutter bald wieder getrennt) bei einem Berlinbesuch am Brandenburger Tor fotografierte, zeigten später die "Zauber-Fotos" einen großen Spalt in der Mauer - den sie zu dieser Zeit noch nicht hatte. Mariechen konnte nämlich auch fotografieren, was man sich wünscht: "zum Beispiel die Mauer weg".

Jedem der Kinder fotografiert sie etwas, was keiner wissen konnte und als Fingerzeig künftigen Lebens zu deuten war. Selbst wenn einer der Jungs sie die "olle Marie" nannte, war sie für jeden Kindermädchen und guter Geist. In diesen Teilen wird Die Box ein anrührendes Porträt der Fotografin Marie, die sich für die Fürsorge von Grass noch nach ihrem Tod mit der wundersamen Erzählidee der "Wünschdirwasbox" bedankt.

Die Geschichten werden vom Schriftsteller-Vater als so etwas wie Tonbandprotokolle ausgegeben, was sie natürlich nicht sind. Dafür Versteck-, Kasper-, Rollenspiele. Es sprechen die acht Grass Kinder mit der Stimme des Vaters (Versteckspiel), der aber so tut (Rollenspiel), als halte er sich geduldig jeweils bis auf einen kleinen Geschichtenabschluss zurück (Kasperspiel). Er begnügt sich mit der letzten Seite, mal um zu beschwichtigen, mal um Abbitte zu leisten. Das liest sich obenauf launig, aber im Subtext wie eine verzweifelte, verspätete Beschwörung der Familie. Dafür muss das Zwistpotential harmlos bleiben (auch das gehört zum Spielcharakter des Buches). Also erzählen die Kinder (und der Leser weiß, es sind dreißig-, vierzigjährige "Kinder") artig und rollengerecht von einem Vater, der kein Spielvater war, lieber mal ein schönes Essen für alle kochte (und kocht), mit den halberwachsenen und erwachsenen Kindern mehr anzufangen wusste und ihnen das eine oder andere Erlebnis verschaffte, im Ganzen aber viel abwesend war oder zumindest unterm Dach zurückgezogen seine Olivetti bearbeitete. Vom einen wird er "Vatti", vom anderen "Väterchen" und dann wieder einfach "Vati" genannt. Sie wussten schnell, dass er berühmt ist, weil er auf dem Wochenmarkt oder auf der Straße schnell mal erkannt wurde. Gelegentlich fällt am Rande der Geschichten die eine oder kleine Wahrheit über den nobilitierten Schriftsteller. Marie meint: "Euer Vater ist immer gern woanders und weranders".

Keine Wahrheit tut wirklich weh. Alle haben von harmloser Art zu bleiben, etwa wenn sich die Kinder sagen, dass er "mit seinen Gedanken immer woanders" war und sie "nie sicher sein konnten, ob er zuhört oder nur tut als ob". Es schmückt den Vater, wenn seine Kinder ihn durchschauen: "Unser Vater erzählt viel!" Und: "keiner weiß hinterher, wie viel davon wahr ist." Na, prima: Papa ist der Beste! Um Gottes Willen, diese wohlbedachte Grass-Finte nicht ernst nehmen. Bitte sich an die "Knipsmarie" zu halten.

Vielleicht war es nicht nur sein achtzigster Geburtstag, der dem Autor diese Buchidee aufdrängte, sondern auch die Wochen und Monate der öffentlichen Schmähung nach Beim Häuten der Zwiebel, als viele Selbstgerechte ihre Stunde gekommen sahen, alte Rechnungen mit Grass zu begleichen. Womöglich genoss der von solchen Abrechnungen erschreckte Grass mit einem Mal seine Familie. Sicher hat er sie immer genossen, das Buch beschwört es, aber in dieser Zeit neu und besonders.

Ein bisschen Grass vom alten Schlag findet sich natürlich auch auf den 210 Seiten. Die Kindermünder lässt er im Chor bestätigen, dass die Kritiker regelmäßig über ihn hergefallen sind. Und sie dürfen die Erklärung dafür geben, die sich der Vater zurechtgelegt hat: "Nehm mal an, weil die Zeitungsfritzen unbedingt wollten, dass er nur über Vergangenes schreiben sollte, und nicht über Sachen, die rein gegenwartsmäßig danebengingen". Getoppt und in Bereiche des ungebrochen Eitlen hinein geht dann ein Satz wie dieser - wiederum Kindermund: "Weiß wirklich nicht, wissen wir alle nicht, wie er das jedes Mal hingekriegt hat: ein Bestseller nach dem anderen, gleich was die Zeitungsfritzen darüber zu meckern hatten". Gereiztheiten, Schweigephasen als Folge von Misserfolgen, öffentlichen Angriffen und ähnlichem - Fehlanzeige! In solchen Augenblicken hält man als Leser die Kinder-Gespräche endgültig für fingiert, auch weil man nicht glauben will, dass Grass` Kinder wirklich so oft Wortverbindungen mit "mäßig" in den Mund nehmen: "gegenwartsmäßig" oder "machtmäßig" werden noch von "rein ausreißmäßig" unterboten. Ob "Vatti" sich so die Jugendsprache vorstellt? Am Ende erweist sich auch diese Imitation als Teil des übermütigen und multiplen Erzählspiels, selbst wenn an diesen Stellen nicht gelungen.

Richtig ernsthafte Ansätze für neue Farben unseres Grassbilds - abgesehen von seiner Selbstdarstellung als Familienvater, der bereit ist, sich in Stücke reißen zu lassen - liefert Die Box nicht. Also sind die "Dunkelkammergeschichten" kaum geeignet, als Teil zwei seiner Autobiographie zu gelten. Nur am Ende möglicherweise ein kleiner Aufschluß über des Nobelpreisträgers Fazit aus dem Wirbel um Die gehäutete Zwiebel. Wenn Grass seine Kinder den Vatersatz wiedergeben lässt: "Muß man abarbeiten", schließt er den vieles erklärenden Kinder-Satz an: "Konnte doch jeder von uns mitkriegen, wie er alles, was er erlebt hat, als er noch jung war und kurze Hosen getragen hat, später voll abarbeiten musste! Die Box gehört auf ganz andere Weise sicher auch zu diesem Abarbeits-Programm - aber sie wirkt angenehm leicht. Das Buch bietet mehr Prosa als Autobiographie . Max Frisch abwandelnd - wäre zu sagen: Biographie - ein Kinder-Spiel!

Günter Grass Die Box. Dunkelkammergeschichten. Steidl. Göttingen 2008, 240 S., 32 EUR

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