Direkt an der Kante

Prosaband Clemens Meyer beherrscht die kurze Form. Im Nachwort schreibt er, was er vom Gendern hält
Bagger, die wie Drachen die Landschaften umgraben und Menschen vertreiben – Meyers Metaphorik
Bagger, die wie Drachen die Landschaften umgraben und Menschen vertreiben – Meyers Metaphorik

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Seinen drei Erzählungen in Stäube hat Clemens Meyer einen Aufsatz nachgestellt. Wozu Literatur? ist eine wunderbare Aufklärung über Meyers Lektüreerfahrungen. Sie bestätigen, dass der vielfach prämierte Schriftsteller, der vor allem von seinem Vater mit Lesestoff versorgt wurde, schnell gewusst hat, dass er die Großen studieren muss. Als Fünfjähriger begegnete er seinem ersten lebendigen Schriftsteller, dem damals in der DDR lebenden Österreicher Fred Wander, dessen Roman Der siebente Brunnen über den Holocaust Meyer voller Respekt würdigt. Später taucht in der Lese-Vita des 44-Jährigen unter den Gallionsfiguren natürlich Hemingway auf, den Meyer in den heutigen „Zeiten der Gender-Sternchen“ bedauert. Die machten es, dass Hemingway völlig raus zu sein scheint aus dem literarischen Gedächtnis.

Als wolle er es korrigieren, ist die erste Kurzgeschichte, Die Glocke, ein eindrückliches Beispiel für den männlichen Blick in der Literatur. Meyer schafft es, mit wenigen Strichen eine Welt in seinen Geschichten hinzustellen: „Er stand auf dem Bahnsteig, direkt an der Kante, vor ihm und unter ihm das Gleis, das nun leer war. Er sah noch die gelben Vierecke der Fenster, als der Zug in die Kurve bog und in der Nacht verschwand, der Bahnhof, die Gleise, der Schnee, ein Mann allein auf dem Bahnsteig.“ Der Mann aus der Stadt besucht in der Weihnachtsnacht seine Mutter im alten Heimatdorf. In seiner Manteltasche hat er die Papiere für den Heimplatz. Die Geschichte endet, noch bevor er sie seiner Mutter zeigt. Ihr Nein ist in der Atmosphäre der kalten Wohnküche bereits gesprochen, wortlos.

Es ist ein sicheres Zeichen für die Kunst eines Autors, wenn er in kurzen Texten seinen Formwillen zeigen kann. Inseinem zweiten Erzählband nach Nacht im Bioskop (der Freitag 39/2020) beweist Meyer seinen Formwillen aufs Neue. Die Geschichte Dem Grund zu ist das Hauptstück des Bandes. Sie führt ein Spiel aus Traum und Wirklichkeit. Ihr Handlungsort liegt im Stein, im Bergwerk, in der Höhle, die zur Hölle wird. Ein kleiner Junge bricht zu einer Expedition auf: Einfahrt unter die Erde, wie er es von seinem Großvater gelernt hat. Immer wieder vermischen sich seine Geschichten mit denen des Großvaters und blenden im Licht der Taschenlampe die Welt unter Tage auf. Es sind die Höhlen, aus denen wir gekommen sind, heißt es im Text. Gleichzeitig sind es die Höhlen, in die wir uns verkriechen: „Er weiß, dass die kommen. Ihn retten wollen. Aber er will weiter, immer weiter. Dem Grund zu. Nur dem Grund zu.“ Schließlich endet die Traumreise in den Karsthöhlen Istriens.

Kleine Frau – was nun?

In seinem Aufsatz schießt Meyer in polemischer Laune gegen Gendersternchen. Er fragt, ob denn Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? heute „Kleiner Mann/kleine Frau – was nun?“ heißen müsste. Es gibt aber keinen Grund, dem Identitätsverständnis des Autors zu misstrauen, denn in der letzten Kurzgeschichte setzt er selbst das Gendersternchen. Er schreibt – was man aus seiner Prosa kaum kennt – hier aus der Perspektive eines jungen Mädchens, das dahin will, wo die Drachen wohnen. Die Drachen sind die Bagger der Braunkohlentagebaue. Sie haben es schon einmal vertrieben und arbeiten sich jetzt an die Stadt heran, in der die Frau und die zwei Männer gelebt haben, die aus dem Untergrund heraus Migranten töteten. Es geht hier offensichtlich um die NSU-Morde, Meyer setzt ein poetisches Bild. Das Mädchen als Ich-Erzählerin bringt etwas Licht in den Raum dieser wiederum dunklen Erzählung.

Clemens Meyers Erzählen folgt in vielem dem Ausnahmedichter Wolfgang Hilbig, der merkwürdigerweise in seinem Nachsatz gar nicht erwähnt wird. Meyer benutzt wie dieser den Topos der Nacht, der Welt unter Tage, der Kohle, die dem Meer in Sachsen entrissen wird. Aber anders als Hilbigs Figuren, die meist mit fortschreitendem Text ihrem Erfinder ähnlich werden, baut Meyer sie sich als stabiles Gegenüber. Er macht kein „Unterschichtenkasperletheater“, wie mal eine Kritikerin über ihn gesagt hat, er beherrscht die Komposition von Figuren, die psychologisch glaubhaft agieren.

Stäube Clemens Meyer Faber & Faber 2021, 130 S., 22 €

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