Im Bleimantel

Entwicklungsroman Michael Kleeberg schreibt mit "Karlmann" einen Roman über die achtziger Jahre in Westdeutschland

Im Vergleich dazu, dass nahezu kein Jahres- oder anderer Gedenktag, keine zu einem Thema abgehaltene Tagung damit vergeht, ohne dem verdient untergegangenen DDR-System die Rechnung seiner Verbrechen, Versäumnisse, Verirrungen, seines Dilettantismus und seiner Durchtriebenheit aufzumachen, kommt Westdeutschland seitdem meist recht ungeschoren davon. Am Ende sind es nur noch die DDR-Frauen, die besser wegkommen. Wie viel auf westdeutscher Seite kritischer Betrachtung bedarf, klingt seit dem Thema DDR meist etwas schüchterner und leiser. Da fällt es regelrecht auf, wenn Michael Kleeberg in seinem neuen Roman Karlmann den westdeutschen Männern der achtziger Jahre bescheinigt, dass mit ihnen nicht viel los war. Aber Kleebergs Roman vom Jedermann namens Karlmann greift weiter.

Er fragt nach dem Bild von den achtziger Jahren. Ja, ja, das war als Folge von Rüstungspatt und Ost-West-Status-Quo innenpolitisch auch ein Patt: die bleiernen Jahre der Kohl-Ära. Wirklich? Oder wurden in diesen Jahren nicht doch Weichen gestellt, die uns an Orte gebracht haben, für die wir uns nie entschieden hatten? Die Soziologen und Zeitgeschichtler werden es genauer wissen. Aber ein Schriftsteller wie Kleeberg, der in seinen Romanen Proteus der Pilger (1993) oder Ein Garten im Norden (Freitag 9/1999) und nun auch in Karlmann Zeitanalysen versucht und fürs Geschichtsbuch vorbereitete Deutschlandbilder angreift, kann es auch. Mit epischen Mitteln. Sein neuer Roman erzählt auf fast 500 Seiten die Geschichte eines unsäglich durchschnittlichen Menschen, dem niemand absprechen könnte, dass er zu den Stützen der westdeutschen Gesellschaft bis ´89 gehörte. - Was der Verlag auf der letzten Umschlagseite verspricht, wird eingelöst: Ein Roman über die Zeit und was sie mit dem Menschen macht.

Sofern Schriftsteller für einen Roman überhaupt eine These haben, besitzt Kleeberg eine - ein Leitmotiv. Er eröffnet seinen Roman mit einem 60 Seiten umfassenden, glanzvollen Synchronisieren zweier Vorgänge. Boris Beckers erster Wimbledon-Sieg im Juli 1985 und Charlys TV-Erlebnis dieses Events in der Dämmerstunde zwischen Standesamt und Hochzeitsfeier. Es ist tatsächlich eine Dämmerstunde, die Charly gemeinsam mit zweien seiner Freunde bei Bier und Zigaretten verbringt. Eigentlich hat das Junggesellenleben bereits aufgehört, aber für diese Stunde läuft es weiter. Und Charly nimmt Boris Becker, "dem Leimener", alles ab: den Willen zum Siegen und den Sieg. So wie in diesem Moment Charly aus dem Geist des Sports geboren wird, könnte es in den achtziger Jahren gewesen sein: Die Kinder der Generation, die das westdeutsche Wirtschaftswunder erschwitzt, erschuftet, erarbeitet hatten, brauchten - so sie Erben waren und das waren sie meist - nur noch aus Sportsgeist Geld zu machen. Sie hatten einiges davon auf dem Konto, dass ihnen ihr Tun Sport sein konnte - aber der ist ja bekanntlich (wissen wir heute noch besser) auch kein Spaß: Nur der Sieger zählt, der Zweite ist bereits Statistik. Alles begann mit fairem Sportsgeist und dann brannten ihnen die Sicherungen durch. Dabei sein ist nichts - Gewinnen alles! Damals kam sie allgemein in Gebrauch: die Droge Unfairness gegenüber dem Konkurrenten.

So sieht Kleeberg die achtziger Jahre unter dem Bleimantel der Zeit. Was mit Sportsgeist begann, war bald keiner mehr. Das soziale Band, das um jeden Wähler gelegt war, um keinen allzu weit zurückzulassen, zerleierte und riss schon mal. Eigentum verpflichtet zu mehr Eigentum. Wer nicht mithielt, wurde Letzter. In den Parks nahmen die Jogger zu, und die Trainierten zogen das Tempo an. Die westdeutsche Gesellschaft stellte sich nach den Regeln dieses Sports neu auf. Ein solches Bild von den achtziger Jahren meint Kleeberg, wenn er mit Boris Beckers Wimbledon-Sieg an den Roman-Start geht. Und sein Charly ist der Prototyp. Zumindest was den Siegeswillen betrifft. Ein Sieger wird er bei Kleeberg allerdings nicht.

Fünf Tage aus dem Leben des Charly Renn, entnommen den Jahren 1985 bis 1989, erzählt der Roman. Außer dem Tag der Traumhochzeit, der mit Beckers Tennis-Sieg zusammenfällt und synchron erzählt wird, sind es ein Tag im Autohaus, ein paar Stunden als fremdgehender Lüstling (man gönnt sich ja sonst nichts), die katastrophal schieflaufende Jubiläums-Party für das väterliche Geschäft und als letzte Station nach fünf Jahren bereits der Auszug der Ehefrau mit dem unaufhaltsamen Ende seiner Ehe. Dabei ist Charly weder ein skrupelloser Arbeitgeber (er entlässt nur den Autoverkäufer, den er des Betrugs überführen kann) noch ist er ein Versager. Charly ist hilflos-harmlos.

Dummerweise lässt ihn männliche Eitelkeit übersehen, dass die Frauen der achtziger Jahre nicht mehr über ihr Leben und ihre Familie denken wie seine Mutter (und selbst die denkt nicht mehr so), und er verliert im Schlusskapitel folgerichtig seine Frau. Nicht, wie er tobend glaubt, an einen anderen Mann, sondern an eine andere Frau. Er hatte seiner Frau nicht zugehört, als die ihn warnte, das unmoralische Angebot des Vaters anzunehmen, der ihm den Posten des Geschäftsführers in seinem Autohaus (was der Alte nur als Geldanlage erworben hatte) auf der Hochzeitsfeier zuschob. Und wer seiner Frau nicht zuhört, konnte in den späten achtziger schon mal die Quittung bekommen. Der kleine Unterschied und die großen Folgen hätte nach zehn Jahren auch schon bei Charly angekommen sein können.

Kam aber nicht. Der wollte immer noch nichts anderes als ein bürgerliches Leben, wie er es aus seiner Kindheit kannte: "Einen Job, der Geld bringt, ohne mich aufzufressen und der Familie zu entfremden. Eine Ehe, in der man sich blind aufeinander verlassen kann und den Kindern ein Vorbild ist. Und natürlich Kinder. Ein Haus und ein Garten für sie, Zeit für Hobbys und für Freunde, ein bisschen Luft zum Durchatmen." Und so weiter. Mit diesem Spießbürger-Weltbild kam Charly in seinem Leben als Dreißigjähriger nicht mehr über den Durchschnitt. Da war nur noch ein Platz im (großen) Mittelfeld drin. Hinter seinem Rück war Westdeutschland in den späten Achtzigern dabei, ein anderes Land zu werden.

Kleeberg macht aus seinem Charly deshalb (weil er da was verpasst hat) keinen Versager, keinen Dummkopf und erst recht kein abgebrühtes Schlitzohr. Blamiert wird Charly von seinem Erfinder nicht. Der hat sich eine glänzende Erzählperspektive eingerichtet: meist blickt er seinem Protagonisten über die Schulter, aber er redet auch mit ihm, erklärt ihm, was er nicht weiß, was zu hoch ist für ihn, tröstet ihn, blickt in die Gedankenwelt des treu an seinen Sieg glaubenden Karlmann. Da wechseln Ich, Du und Er und lassen den Leser an allem mitfühlend teilhaben. Vor allem an dem Bild eines Mannes, der - wie gesagt - sich berechtigt zu den Stützen der westdeutschen Gesellschaft dieser Jahre zählen kann. Charly erhebt Anspruch darauf, dass man ihn zum "guten Durchschnitt" rechnet. Die Fallhöhe zwischen diesem Selbstbild und dem Bild, das Michael Kleeberg zeichnet, macht den Roman, was Witz, Komik, Ironie angehen, zu einer höchst vergnüglichen Lektüre. Zur Hälfte ein Entwicklungsroman, zur Hälfte ein Zeitpanorama - eben ein Roman über die Zeit und was sie mit dem Menschen macht. Nach Substanz und literarischem Format hätte er es verdient gehabt, um beim Deutschen Buchpreis 2007 mitzupunkten - aber dazu kam es leider nicht.

Michael KleebergKarlmann. Roman. DVA, München, 470 S., 22,90 EUR

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