Im Schatten der Jurte

Teppich Petra Hulovas beeindruckender Roman: "Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe"

Von welchen jungen tschechischen Autoren kann man in Deutschland aktuelle Bücher lesen? Lange Zeit vertrat sie allein der 1962 geborene Jáchym Topol, der mit dem Wunderdrogen-Roman Engel Exit debütierte. Topol an die Seite trat vor drei Jahren der literarisch nicht minder aufregende Jaroslav RudisŠ mit seinem ersten Roman Der Himmel unter Berlin, der deshalb so heißt, weil er vorwiegend in der Berliner U-Bahn-Welt spielt, wo sich die Ausgestoßenen und Beleidigten treffen. Dass aller guten Dinge bekanntlich drei sind hat jetzt die 1979 in Prag geborene Petra Hulová bewiesen. Und zwar mit ihrem bereits fünf Jahre alten Debüt-Roman Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe.

Der Titel lässt - weil das Buch von einer Pragerin kommt - eine Groß-Metapher oder ein neckisches Versteckspiel vermuten. Das EU-Tschechien von heute als mongolische Steppe, oder so. Aber weit gefehlt. Genau dort, in der mongolischen Steppe, spielt der Roman. Unter mongolischen Frauen von gestern und heute. Seine sechs Teile sind Monologe. Zuerst spricht Dzaja, die Tochter, dann Dolgorma, die Tochter der Tochter, danach Alta, die Mutter von Dzaja und Ojuna, die sich als Erzählerin anschließt, der dann Nara folgt, die dritte Schwester, bevor den Schmerzens-Schluss dann wieder Dzaja berichtet. Und sie erzählen vom Leben in der Steppe und in der Stadt.

Das Schicksal dieser Frauen zeigt sich schnell und hart. Für Dzaja und Nara liegt ein Stück ihres Unglücks darin, dass sie keine leiblichen Kinder ihres Vaters sind, was er sie aber niemals hat spüren lassen. Zu spüren bekommen sie es von anderen, denn Dzaja sieht man an, dass ihr Vater Chinese ist, und Nara wohl aus der Beziehung der Mutter mit einem Russen stammt. Genau in dieser Zange haben die Mongolen in ihrer Vergangenheit nach dem Untergang des legendären Dschingis-Khan-Reiches für Jahrhunderte gelebt. Der Roman lässt in den Lebensgeschichten seiner Protagonistinnen das Stigma dieses von Europa übersehenen Lands erkennen.

Hulová zeichnet zuerst aus dem Blickwinkel der heranwachsenden Dzaja den Alltag in der elterlichen Jurte und das Leben im Nomaden-Clan. Ein gottesfürchtiges Leben mit Feiertagen, an denen sich die Mädchen mit der mongolischen Nationaltracht Deel kleiden und einige Fettstückchen mehr aus dem Suppentopf löffeln. Sie leben kein Leben in Armut, aber - zumindest die Töchter - mit unerfüllten Sehnsüchten. Es ist die Stadt, die die Kinder lockt. Dort lebt bereits die Schwester der Mutter, und so oft sie in der Steppe auf Clan-Besuch kommt, so oft wächst die Sehnsucht der Zurückbleibenden. Bis eines Tages Dzaja ihre Tante in der Stadt besucht. Das Mädchen bekommt sie so gut wie gar nicht zu Gesicht, dafür um so mehr den trunksüchtigen Ehemann, von dem Dzaja eines Nachts vergewaltigt wird. Später wird sie erfahren, dass dieser Mann ihr Vater ist.

Viel eher erfährt sie mit tiefem Erschrecken, dass die Tante ein Freudenhaus betreibt. In dieses als Lust-Dienerin einzutreten, weigert sie sich lange. Erst als alle Versuche scheitern, sich als Putzmädchen zu verdingen, ergibt sie sich dem Schicksal einer aus der Steppe Zugewanderten. Schwester Nara ist den Schritt bereits vor ihr gegangen. Irgendwann wird als Berufsunfall Dolgorma geboren, die von ihrer Mutter die Liebe bekommt, die sie Männern gewerbsmäßig nicht geben wollte. Als Dolgorma gerade aufgehört hat, ein Kind zu sein, verlässt sie von einem Tag auf den anderen die Mutter. Die weiß ihren Schmerz darüber nicht anders zu beruhigen, als wieder in die Steppe zurück zu kehren, wo sie der Schwester ohne Auftrag im Jurten-Haushalt hilft, was ihr zwar Ruhe, aber keine Liebe bringt. Jede Ich-Erzählerin webt ihren Faden in den mongolischen Familien-Teppich und ergänzt ihn um ein anderes Ornament.

Hulová erzählt die Urgeschichte vom Leben zwischen Tradition und Moderne. Weil die Autorin Mongolistik studiert und eine Zeitlang in der Mongolei verbracht hat, benutzt sie ihre Kenntnis über ein Land, wo dieser Wechsel in die Moderne offensichtlich noch Teil der Gegenwart ist. Entfernt man den Deel, sind diese Geschichten im Kern auch andernorts gültig. Glücklicherweise macht die Autorin nicht den Fehler, die modernen Lebensverhältnisse - so verheerend sie am Ende für ihre Erzählerinnen auch ausgehen - zu verketzern. Der Lebenskreis in der Steppe ist klein und trotz der Schönheit des Sonnenuntergangs unfrei. Die Frauen müssen größere Lebensräume ausprobieren. In der ersten Generation geht es schief. In der zweiten vielleicht schon nicht mehr.

Einen Roman unter dem Titel Kurzes Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe zu verfassen, wenn seine Autorin in der Metropole eines weit entfernten Landes lebt und erst 22 Jahre alt ist, birgt zwei Schwierigkeiten. Das Mongolische der Handlung könnte fadenscheinig sein und das Verständnis für das Leben der Frauen dort auch. Zwar gibt es Momente, wo die Kindersicht der heranwachsenden Haupterzählerin Dzaja einen leicht nervigen Märchenton bekommt. Doch was zählt, sind die vielen, bewegenden Frauen-Schicksale, die bis zur Fassungslosigkeit erstaunen lassen, dass sie von einer kaum mehr als Zwanzigjährigen in einer sicheren literarischen Form übermittelt werden. Ein Roman wie dieser, so randvoll von Leben, ist eine echte Rarität.

Petra Hulová Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier. Luchterhand, München 2007, 304 S., 9 EUR

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