Beziehungssucht

LIEBEVOLL Yael Hedaya deckt versteckte, aber allenthalben spürbare Facetten Israels auf

Für die Frau ist klar, dass nur Liebe glücklich macht. Liebe, die man bekommt. Die Frau, die wie die anderen Binnenerzähler - der Mann, der Hund, die Kupplerfreundin - nie einen Namen bekommt, ist 30 Jahre alt, und sie braucht einen Mann, um sich gegen Einsamkeit zu wappnen. Die Frau arbeitet als Übersetzerin, zu Hause, sie kann davon leben, mehr nicht. Sie veranstaltet gern große Abendessen für befreundete Paare. Oft bringen sie als kleine Aufmerksamkeit einen unangemeldeten Gast mit. Vom Alleinsein verfolgt geht sie schließlich zu blind dates, die abschreckender kaum sein könnten.

Die 1964 in Jerusalem geborene Yael Hedaya präsentiert eine Frau ohne kollektive Identität, ohne berufliche Ambitionen, inmitten Tel Avivs eine ausschließlich auf Beziehung ausgerichtete und damit höchst traditionelle Frau. Und doch ist die Chiffre "die Frau" auch in der modernsten Stadt Israels nicht aus der Luft gegriffen.

Mit 30 hat eine Frau in Israel zwei Kinder und oft auch die Scheidung. Die Armee, in ausländischen Medien fälschlich als Ort der Emanzipation der israelischen Frau, fungiert de facto als Marktplatz der Geschlechter. 23 gilt als gutes Heiratsalter, eine Frau mit 26 ist spät dran, eine Frau mit 30 ein nahezu hoffnungsloser Fall, auch wenn die Zahl solcher Frauen zunimmt, vor allem in Tel Aviv, dieser noch ungefügten Mischung aus american way of life, Individualisierung, und jüdischer Familientradition.

Hedayas Erzählung wirkt wie eine Insel des Privaten, nicht mal das Radio und die stündlichen Chadaschot (Nachrichten), die jede israelische Wohnung penetrieren, dringen in das Appartement ein. Und doch ist der kleine, einfühlsam geschriebene Text durch und durch israelisch: in der elementaren Angst vor Alleinsein und im Ausdruck dessen, was junge Frauen (und ihre Eltern) in Israel so viel stärker unter Druck setzt als in anderen Ländern, in denen sich der eine oder der andere Lebensstil durchgesetzt hat.

Hedaya erzählt die Geschichte einer etwa einjährigen Beziehung zwar aus mehreren Perspektiven, bleibt dabei jedoch unaufdringlich parteiisch für die Frau. Die bietet sehr feminin und mütterlich umsorgend dem verhungernden Welpen und dem streunenden Mann ein Zuhause. Gibt beiden ihre Mahlzeiten. Sie genießt das Gefühl der Kontrolle, das sie dadurch über beide hat. Macht aus Angst vor erneuter Einsamkeit aber auch sehr viele Zugeständnisse, übersieht in ihrer Angstgefangenheit sogar den Moment, in dem die Liebe des Mannes zu ihr beginnt. Stattdessen bringt sie den Ausweg einer Trennung in die Beziehung ein.

Der Hund ist anfangs Vehikel des Zueinanderfindens. Die liebevoll ironisch dargestellte Beschriftung der Karteikarte des Hundes in der Tierarztpraxis mit zwei Besitzernamen ähnelt einem standesamtlichen Eintrag. Dann jedoch wird der Hund erst aus dem Schlafzimmer, später ins Treppenhaus verbannt, am Ende getötet. Nun, im unvermittelten Gegenüber, scheitern die Frau und der Mann. Vor allem an der Sprachlosigkeit des Mannes. Monate nach seinem Auszug aus der Wohnung der Frau steht er jedoch am Schluss der Erzählung wieder vor ihrer Tür. Ob dann die "Liebe pur" beginnt, die der Titel der deutschen Übersetzung fälschlich ankündigt? Die außerordentlich gut beobachtete und mit Charme, Sinn für Details und spöttischer Ironie geschriebene Erzählung stellt Angst und Sucht nach Geliebtwerden dar - aber eben nicht "Liebe pur".

Yael Hedaya, Liebe Pur, aus dem Hebräischen von Ruth Melcer, Diogenes Verlag, Zürich 2000, 210 S., 29,90 DM.

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