Begegnung mit Vivien

KEHRSEITE Am späten Abend fuhr ich mit der S-Bahn nach Hause. Im Abteil saß eine 16- oder 17-jährige junge Frau. Sie trug ein hellblaues Chiffontuch, mit ...

Am späten Abend fuhr ich mit der S-Bahn nach Hause. Im Abteil saß eine 16- oder 17-jährige junge Frau. Sie trug ein hellblaues Chiffontuch, mit Silberfäden durchzogen, nach hinten geknotet. Ihre Füße mit den klobigen schwarzen halbhohen Schuhen hatte sie auf die ihr gegenüberliegende Sitzbank gelegt. Ihre Kleidung, die Hose, die Jacke, war grau-schwarz und wirkte abgetragen. Um das rechte Handgelenk und den Hals hatte sie mehrfach Holzperlenketten gewickelt mit grünen, braunen und blauen Perlen. Sie erschien mir kindlich und unbekümmert.

Das Mädchen war von zarter, fast zerbrechlicher Gestalt und sang mit ihrer hohen Stimme Lieder, unterbrach, drehte sich zu mir, lachte sanft und sang weiter. Im ersten Moment stutzte ich und zweifelte ein normales Verhalten an, berichtigte sogleich meine Gedanken und freute mich, ihre friedliche, auf mich harmonisch ausstrahlende Erscheinung genießen zu können.

Sie sang mit schöner heller Stimme, kicherte zwischendurch und sang weiter. Vor mir tauchte eine Welt mit vielen Kerzen, indischen Duftstäbchen und Klängen von Windspielen aus Südostasien auf. Ich war in Gedanken versunken, bis der Zug hielt und ich gerade noch bemerkte, dass ich aussteigen musste. Auf dem Bahnsteig stand ich wieder in der grauen, nüchternen und wirklichen Welt, und es durchfuhr mich blitzartig: dieses Mädchen war im Rausch.

Ich musste sie unbedingt wiedersehen, ich musste es wissen.

Eine Woche später fuhr ich mit dem gleichen Zug und stieg in den gleichen Wagen ein. Da saß sie wieder. Ich war erleichtert. Sie war stumm, sang nicht, und eine seltsame Traurigkeit ging von ihr aus. Ab und zu huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

Ich fasste Mut und sprach sie an. Zu meinem Erstaunen wies sie mich nicht ab. "Ich bin Vivien, und wer bist du?" sagte sie und ihre Augen leuchteten. "Ich heiße Ilona, Ilona Lender", antwortete ich, sie hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte. Diese Geste konnte ich nicht deuten und versuchte, etwas über sie zu erfahren. Ihrem jugendlichen Jargon konnte ich schwer folgen, und es kostete mich Mühe, die abgehackten Sätze und teilweise sogar Wortfetzen zu verstehen.

Sie sprach von Treffpunkten, Jungs mit Hunden, von Stoff, unterbrach und wollte wissen, was ich mache. Ich erzählte von meiner Arbeit, dem Arbeitsweg und der unerbittlichen Pünktlichkeit. "Und wie heißt deine Firma, wo du arbeitest?" fragte sie. Ich nannte ihr den Namen. Sie fand ihn seltsam und kicherte.

Ihre jugendliche Leichtigkeit und die angenehme Frische, wie ich sie in der vergangenen Woche erlebt hatte, vermisste ich. Es sah aus, als ob sie etwas bedrücken würde. So vieles hätte ich gern noch von ihr gewusst, über die Schule oder Lehre und ihr Zuhause. Ich musste aussteigen und hatte auch das Gefühl, sie wollte in Ruhe gelassen werden. "Sehen wir uns nächsten Freitag wieder, Vivien?" rief ich während des Aussteigens, und sie nickte. Ich winkte ihr nach und fühlte mich in meiner Vermutung, sie sei drogenabhängig, bestätigt.

Beim nächsten Treffen würde ich mehr herausfinden, hoffte ich.

An einem der nächsten Arbeitstage rief mich die Dame am Tresen auf meinem Weg zum Büro zurück. Es folgte ein Wortschwall von Vorwürfen. Verabredungen mit Familienangehörigen hätten außerhalb der Firma stattzufinden, und außerdem sei es befremdlich, dass ich eine drogensüchtige Tochter habe, die in einem unmöglichen Aufzug die Firmenräume betrete, in einer seriösen Firma mit Kundenverkehr.

"Ich habe keine ...", sie ließ mich nicht zu Wort kommen. Mir schnürte es die Kehle zu. Plötzlich begriff ich, - Vivien. Der dazueilende untersetzte Herr, in leitender Stellung, schob seine Brille nach oben und musterte mich abschätzig.

Ich kam mir wie eine Kriminelle vor. Die Belehrungen der Dame schienen endlos; ich bangte um meinen Arbeitsplatz; Wut auf Vivien stieg auf. Sie hatte sich als meine Tochter ausgegeben und mich in diese Situation gebracht.

Als ich nach Arbeitsschluss die Straße betrat, stand Vivien da, sie hatte auf mich gewartet. Wie hypnotisiert lud ich die Vorwürfe, die ich vor wenigen Stunden erhalten hatte, auf sie ab. Sie unterbrach mich nicht, schaute mich an, drehte sich um und ging schnell davon. Obwohl sie längst weg war, sagte ich: "Vivien, fahren wir gemeinsam mit der S-Bahn, wir haben doch den gleichen Weg nach Hause?" Mich fröstelte es, und wie gelähmt überquerte ich die Straße.

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