Christliche Sparsamkeit

Die Buchmacher Wie uns das Ideal der Enthaltsamkeit Streiche spielt
Ausgabe 39/2014
Nicht jeder ist ein Freund von Einschnitten
Nicht jeder ist ein Freund von Einschnitten

Bild: Carl Court / AFP

„Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“, empfahl Jesus seinen Anhängern. Reichtum, aber auch materielles Wohlergehen schienen überzeugten Christen lange Zeit ein Widerspruch zu ihrem Glauben zu sein. Für Florian Schui, Wirtschaftshistoriker an der Universität St. Gallen, ist dies eine Erklärung, warum die Politik des Sparens heute noch so hoch im Kurs steht.

In seinem originellen Buch Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kurze Geschichte eines großen Fehlers definiert Schui dieses Programm so: Regierungen kürzen die öffentlichen Ausgaben für Soziales. Davon betroffen ist oft die Mehrheit der Bevölkerung mit kleinen und mittleren Einkommen. Außerdem bemüht sich der Staat, die Löhne der Beschäftigten zu senken.

Für Schui ist klar, dass eine solche Politik regelmäßig scheitert, weil sie fundamentale ökonomische Zusammenhänge ignoriert. Wenn die Mehrheit weniger konsumiere, führe dies zu geringerer Nachfrage und niedrigerem Wachstum, nicht jedoch zum Aufschwung. Als Beleg führt Schui die Maßnahmen der britischen und deutschen Regierungen während der Weltwirtschaftskrise im frühen 20. Jahrhundert und die europäischen Reaktionen auf die Finanzkrise seit 2007 an.

Vor diesem Hintergrund versucht er zu erklären, warum die Sparpolitik trotzdem immer wieder angewendet wird. Seine Antwort: Das ökonomische Missverständnis kann sich deshalb so lange halten, weil Austerität, verstanden als materielle Enthaltsamkeit, ein altes ethisches Motiv darstellt. Schon Aristoteles empfahl Mäßigung als Prämisse eines gelungenen Lebens. Jeder solle konsumieren, wie es seiner sozialen Schicht entspräche, aber keinesfalls übertreiben – auch nicht die Reichen.

Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kurze Geschichte eines großen Fehlers Florian Schui Karl Blessing Verlag, 256 S., 19,99 €. Erscheint am 6. Oktober

Derartige Haltungen änderten sich grundsätzlich erst ab dem 18. Jahrhundert. Durch Gewürze und Gold, die aus den Kolonien nach Europa kamen, wurde Luxus schick und moralisch eher akzeptiert. Die Wirtschaft begann zu wachsen. Ökonomisches Eigeninteresse, so argumentierte Adam Smith, macht die Gesellschaft insgesamt wohlhabender. Dass materielle Enthaltsamkeit in ökonomischer Hinsicht kontraproduktiv sein kann, begründete im 20. Jahrhundert John Maynard Keynes. Nach der Weltwirtschaftskrise in die Praxis umgesetzt, funktionierte die expansive Wirtschaftspolitik bis in die 1970er Jahre ganz gut.

Dann schob sich durch den Einfluss Friedrich Hayeks aber wieder das Motiv der Enthaltsamkeit in den Vordergrund, argumentiert Schui. In Gestalt neoliberaler Reformen versuchen viele westliche Regierungen auch heute, staatliches Handeln zurückzudrängen und die Lohnkosten zu reduzieren.

Schui plädiert dafür, die ökonomische Austerität beiseitezulegen. Stattdessen gelte es, die Gewinne und Kapitaleinkommen der Unternehmen und reichen Bevölkerungsschichten zu verringern. Der Anteil der Beschäftigten an der Wirtschaftsleistung müsse dagegen steigen, um durch vermehrten Konsum eine neue Dynamik in Gang zu setzen.

Davon getrennt solle die Gesellschaft natürlich weiter darüber diskutieren, welche Bedeutung sie dem Motiv der ethischen Austerität heute beimessen wolle. Wäre es eine gute Idee, das Wirtschaftswachstum zu bremsen, um die ökologische Tragfähigkeit der Erde nicht zu überschreiten? Der Autor legt nahe, dass uns das alte Ideal der Enthaltsamkeit auch in dieser Debatte einen Streich spielt: Vielleicht gibt es gar keine Grenzen des Wachstums, weil die Menschen gerade lernen, ökologische Schäden aus ihrem Wirtschaftssystem herauszuoperieren?

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