„Macht weiter mit dem, was ihr macht!“

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Angela Davis, Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, besucht die Zeltstadt von „Occupy Berlin“. Ihre Botschaft: Weitermachen!

Der ältere Herr ist den Tränen nah. „Mein Leben lang hatte ich einen Traum“, sagt er mit leicht bebender Stimme. „Und jetzt, wo ich Sie hier treffe, ist er in Erfüllung gegangen.“ Es sind vor allem die älteren Protestsemester, für die dieser Moment dermaßen emotional ist. Die jüngeren Anhänger der Occupy-Bewegung wissen zum Teil gar nicht so genau, wer sie da besucht. Aber daran, dass so viele Journalisten anwesend sind, merken auch sie: Es muss jemand berühmtes sein.

Starrummel am Freitagabend: Angela Davis, legendäre Bürgerrechtlerin, Ex-Black-Panther und Professorin an der University of California in Santa Cruz, ist zu Besuch im Occupy-Camp am ehemaligen Bundespressestrand. An diesem Wochenende bekommt die 67-Jährige in Berlin den Blue Planet Award der Ethecon-Stiftung verliehen. „Und es war mir ein besonderes Anliegen, auch Occupy Berlin zu besuchen“, sagt sie. Mit etwa 40 Anhängern der Occupy-Bewegung setzt Davis sich bei Fackeln und Lagerfeuer in ein großes Zelt, um an der abendlichen Vollversammlung der Bewegung teilzunehmen: der „Asamblea“.

Eine Legende bei der „Asamblea“

Die Occupy-Aktivisten geben sich von Davis’ Anwesenheit zuerst verhältnismäßig unbeeindruckt und ziehen ihr normales Vollversammlungs-Programm durch. Es gibt Berichte aus den Arbeitsgruppen „Theater“ und „prekäre Arbeitsverhältnisse“, es werden Demonstrationen und Termine angekündigt. Ein junger Mann wirft in die Runde, es sei immer noch nicht geklärt, wie die Bewegung mehr kritische Gegenöffentlichkeit schaffen könne. Das sei wichtig, „weil die Presse in diesem Land versagt hat“. Heftiges Nicken in der Runde. Davis, in einer schwarzen Daunenjacke, mit randloser Brille und einer Thermoskanne Tee auf den Knien, verfolgt das Prozedere aufmerksam. Neben ihr sitzt eine Frau, die flüsternd für sie übersetzt, was im Plenum besprochen wird.

Dann, nach etwa einer halben Stunde, wird endlich der berühmte Gast aus den USA begrüßt. Als Erstes übermittelt Davis Grüße von den Occupy-Gruppen in New York, Philadelphia und Oakland. Das nimmt die Runde begeistert auf. „Dies ist eine sehr aufregende und inspirierende Bewegung“, sagt Davis dann. „Ich danke euch allen für die Hingabe und das Durchhaltevermögen, mit denen ihr das hier am Laufen haltet.“ Die ganze Bewegung, die Arbeitsgruppen und die basisdemokratische Organisation erinnere sie sehr an ihre Zeit beim SDS, damals, als sie in Frankfurt studiert habe. Was sie an „Occupy“ besonders begeistere, sei die internationale Ausrichtung der Proteste. Bei den Protesten in den USA sei derzeit zu merken, dass der traditionelle „Provinzialismus“ vieler Amerikaner einer globaleren Haltung weiche. „Es ist ein erstaunlicher Internationalismus, der sich im Kontext der Occupy-Bewegung entwickelt“, sagt sie. Diese Bewegung fordere die bestehende Herrschaft weltweit heraus. „Die Idee, die 99 Prozent zu mobilisieren, war einfach genial.“

Es geht um „echte Demokratie“

In der Folge skizziert Davis, was ihr an der Bewegung wichtig ist. Es müsse darum gehen, eine „komplexe Einheit“ zu werden, „eine Einheit, die Widersprüche und Differenzen zulässt“. Besonders müsse die Bewegung sich von Gewalt und Militär distanzieren, schließlich sei das Wort „Occupation“ – Besetzung – ursprünglich ein militärisch konnotierter Begriff. Die Bewegung müsse sich international vernetzen, sie müsse für das Leben, für die Freude und die Zukunft stehen. Vor allem sei es wichtig, keinen Ökonomismus zu vertreten, sondern innerhalb der Bewegung auch Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Polizeigewalt zu thematisieren. „Ökonomische Fragen sind nicht wichtiger als die Rechte von Migranten“, sagt Davis. „Das Ziel muss sein, die 99 Prozent zusammenzubringen und dann gemeinsam zu entscheiden, wie wir miteinander leben können. Genau das ist die Form von Demokratie, die wir derzeit nicht haben.“

Die anwesenden Aktivisten hören mit Begeisterung zu. Ob man den Begriff „Revolution“ verwenden solle, will ein junger Mann anschließend wissen. Davis lacht. „Ein klares Ja!“ Einer fragt, wie man sich zu den „Mainstream-Medien“ verhalten solle. Davis gibt sich optimistisch: „Irgendwann werden die etablierten Medien auf das eingehen müssen, was in euren Blogs und Internetseiten steht.“ Einige ältere Frauen wollen sich persönlich bei Davis für ihr Kommen bedanken. „Ich habe damals mit Rudi Dutschke auf der Straße gekämpft“, strahlt eine. „Sie waren damals unser großes Vorbild.“

Am Ende schenken die Aktivisten Davis einen rosafarbenen Regenschirm, auf den mit Filzstift der Text der Occupy-Hymne „Asamblea weltweit“ geschrieben ist. Davis bedankt sich. Gleich müsse sie aber noch zu einem anderen Termin, sagt sie. Und sagt noch einmal deutlich in die Runde: „Macht weiter mit dem, was ihr macht!“

21:01 18.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Hanning Voigts

journalist – „das unglück muss überall zurückgeschlagen werden“
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