Grenzen der Kritik

Bankenprotest Kapitalismus ist kompliziert. Die Occupy-Bewegung wird lernen müssen, allzu simple Erklärungen zu erkennen – und zu kritisieren

Gregor Gysi war mal wieder ganz schön in Fahrt. Es sei fantastisch, dass die Occupy-Bewegung die weltweiten Spekulationen der Banken in Frage stelle, begeisterte sich der Linkspartei-Politiker bei Maybrit Illner. Und er sei sich mit den Protestlern – zwei Vertreter von „Occupy Berlin“ saßen ebenfalls in der Sendung – einig, dass in den Banken ja nicht einmal richtig gearbeitet werde: Da werde nichts hergestellt – „weder ’n Tisch, noch ’n Stuhl“ – sondern nur „Geld aus Geld gemacht“.

Warum diese kleine Szene wichtig für die Occupy-Bewegung sein sollte? Weil Gysi sich bei der Bewegung mit einer viel zu simplen Kapitalismuskritik anbiedert, die auch von anderen Linken und Globalisierungskritikern geäußert wird – und für die sich auch manche Occupy-Aktivisten erwärmen können. Diese Kritik macht „die Finanzwirtschaft“ und ihre „gierigen Banker“ für die Übel des Kapitalismus verantwortlich und spart die „Realwirtschaft“ von der Kritik aus – schließlich werde hier ja und etwas Handfestes produziert. Auf der Homepage von „Occupy Frankfurt“ ist beispielsweise zu lesen, die Wirtschaft müsse der „Profitgier einer Minderheit von Superreichen“ entrissen werden. Und wenn es diese Minderheit nicht gäbe oder auch die „Superreichen“ anständig arbeiten würden – wäre dann alles dufte?

Eben nicht. Aus zwei Gründen täte die Occupy-Bewegung daher gut daran, sich intensiv mit solcher verkürzter Kapitalismuskritik zu befassen: Erstens, weil sie sachlich falsch ist und die Ursachen der Krise verschleiert, und zweitens, weil sich Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und im schlimmsten Falle Antisemiten zu Occupy eingeladen fühlen, solange eine solche Kritik dort ihren Platz findet.


Zum ersten Punkt: Kapitalismus funktioniert nicht, weil eine korrupte, gierige, weltweite Elite den Rest der Menschheit unterdrückt und ausbeutet. Diesem Irrtum sitzt jeder Occupy-Fan auf, der den Slogan „We are the 99 percent“ wörtlich nimmt. Kapitalismus ist keine Verschwörung einiger Mächtiger. Er funktioniert, indem er die Menschen zwingt, ihre Bedürfnisse durch den Kauf und Verkauf von Waren zu befriedigen. Für den Großteil der Weltbevölkerung bedeutet das, dass sie ihre Arbeitskraft gegen Wohnung, Lebensmittel, Kleidung und eventuell die eine oder andere Urlaubsreise eintauschen müssen. Und dabei ist es egal, ob sie ihr Geld als Schuster, Lehrer oder Finanzspekulant verdienen.

Wer verstehen und kritisieren will, wie die Logik des Warentauschs sich in allen Bereichen des Lebens – auch in der Kunst, der Freizeit und der Liebe – festgesetzt hat, muss sich theoretisch und historisch mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise befassen. Mit moralischen Appellen, Schuldzuweisungen und dem Anprangern der „Gier“ kommt man nicht weit. Wer den Kapitalismus verändern will, muss ihn verstehen – als eine komplexe, globale Struktur, der auch Banker und Staatschefs nicht entkommen können. Das Gute an der bisherigen Occupy-Bewegung ist, dass sich dort viele Menschen tummeln, die verstehen wollen, Fragen stellen wollen. Antworten finden sie nicht beim Anprangern von einzelnen Personen oder Gruppen, sondern viel eher bei Karl Marx. Aus seinem immer noch lesenswerten Werk „Das Kapital“ wäre zum Beispiel zu lernen, dass die Verheerungen der Gesellschaft nicht von Regierungen oder Unternehmen geplant werden, sondern sich oft genug unbewusst durchsetzen – hinter dem Rücken der Akteure.

Reaktionäre Politik

Zum zweiten Punkt: Moralisierende und personalisierende Kritik an Kapital und Moderne hat eine lange Tradition, die gerade in Deutschland eng mit reaktionärer Politik verknüpft ist. Der Schwundgeld-Befürworter Silvio Gesell, der jetzt wieder aus der Mottenkiste geholt wird, war ein übler Sozialdarwinist, die KPD der Weimarer Republik äußerte gemäß ihrer plumpen antikapitalistischen Logik manche Parole, die auch zu den Nazis gepasst hätte  – und der Nazi-Ideologe Gottfried Feder unterschied konsequent zwischen dem guten, volksnahen „schaffenden Kapital“ und dem heimat- und skrupellosen ,„raffenden Kapital“, das er mit den Juden gleichsetzte. Solcher Antisemitismus steht immer mit im Raum, wenn gegen heimatlose Börsianer oder die „US-Ostküste“ gewettert wird. Allemal, wenn die NPD die Globalisierung kritisiert – aber auch bei manchem anderen Kapitalismusgegner, der jederzeit leugnen würde, etwas mit Antisemitismus am Hut zu haben.

Nur wenn die Occupy-Bewegung sich mit solchen Fragen beschäftigt und sich um eine Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit bemüht, kann sie gesellschaftliche Alternativen entwerfen. Das ist anstrengend. Aber es geht nicht anders. Denn sonst läuft die Bewegung bei einer weiteren Zuspitzung der Krise Gefahr, reaktionäres Denken und Handeln zu befördern – und damit ihre eigenen Ziele zunichte zu machen. Eine theoretische Selbstverortung hätte übrigens auch einen strategischen Vorteil: Es würde wesentlich leichter, sich etwa von den Anhängern der obskuren „Zeitgeist-Bewegung“ abzugrenzen, oder von Verschwörungsfreaks, die eine herbeiphantasierte „New World Order“ bekämpfen wollen oder sogar eine „unabhängige Untersuchung von 9/11“ fordern.

Die wichtige Debatte darum, ob solche Leute in den Camps in Frankfurt oder Berlin willkommen sind, hat gerade erst begonnen. Wenn sich die Bewegung zusätzlich mit theoretischem Rüstzeug ausstatten würde, müsste sie nicht mehr befürchten, von Gregor Gysi oder anderen Politprofis vereinnahmt zu werden. Klar ist: Der Kapitalismus befindet sich in der tiefsten Krise seit 1929. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. Wenn man jetzt etwas bewegen will, darf man es sich nicht zu leicht machen.

15:55 02.11.2011
Geschrieben von

Hanning Voigts

journalist – „das unglück muss überall zurückgeschlagen werden“
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