Im Treibhaus

Emissionen Sinken durch den Förderboom beim Gas auch die Belastungen für das Weltklima? Die Experten streiten
Hanno Böck | Ausgabe 24/2014
Im Treibhaus
Bild: David McNew/Getty Images

Die USA erleben seit einigen Jahren einen neuen Boom in der Förderung von Erdgas und Öl. Mithilfe neuer Technologien wie horizontalen Bohrungen oder der Fracking-Technologie gelang es, viele neue Lagerstätten fossiler Rohstoffe anzuzapfen, die mit konventionellen Methoden nicht erreichbar gewesen wären. Während die Gasförderung boomt, hat die US-Umweltbehörde EPA in den letzten Jahren schärfere Vorschriften für Schadstoffemissionen von Kohlekraftwerken erlassen. Heute wird daher in den USA deutlich mehr Strom aus Erdgas erzeugt und damit die Kohle zurückgedrängt, die noch vor wenigen Jahren der wichtigste Energieträger der USA war. Präsident Barack Obama hat zuletzt weitere Pläne zur Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen angekündigt. Trotzdem befinden sich die Kohlendioxid-Emissionen immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Ein Überblick:

Klimabilanz von Schiefergas unklar

Bei den neu entdeckten Gasreserven handelt es sich vor allem um Schiefergas. Dieses galt in der Vergangenheit als nicht förderbar, doch durch die Fracking-Technologie können nun auch diese Reserven ausgebeutet werden. Beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst. Das Gestein bricht auf und dort gebundene Gasvorkommen können entweichen. Inzwischen wird auch Öl in großem Maßstab mit dieser Technologie gefördert. Ob es sich bei der amerikanischen Energierevolution tatsächlich um eine gute Nachricht für den Klimaschutz handelt, ist jedoch unter Experten umstritten. Erdgas besteht überwiegend aus Methan und das ist selbst ein hochaktives Treibhausgas.

Entscheidend für die Klimabilanz von Gaskraftwerken ist, wie viel Methan bei der Förderung entweicht. In den vergangenen Jahren sind viele Studien über die Gasemissionen bei der Schiefergasförderung erschienen – doch die Ergebnisse sind uneinheitlich und sehr umstritten. Zuletzt kam eine Studie in der renommierten Fachzeitschrift Science zu dem Schluss, dass die Emissionen aus Methanlagen um etwa 50 Prozent höher liegen als von der US-Umweltbehörde EPA angenommen. Einige Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass Schiefergas im ungünstigsten Fall in der Gesamtbilanz schlechter als Kohle abschneidet. Andere Studien kommen aber zu gegenteiligen Schlüssen.

Exportierte Emissionen

Da es Kohle auf dem amerikanischen Markt zunehmend schwerer haben wird und die Preise fallen, entwickelte die Kohleindustrie neue Perspektiven – vor allem im weltweiten Export. An zahlreichen Hafenstandorten sind neue Terminals geplant, von denen aus amerikanische Kohle in die ganze Welt verschifft werden soll. Seit mehreren Jahren sind die Verkäufe auf Rekordhöhen. Ein Teil der Kohle, die in den USA nicht mehr verbrannt wird, sorgt daher stattdessen in anderen Ländern für höhere Kohlendioxid-Emissionen.

Die Kohlendioxidreserven steigen

Das britische Carbon-Tracker-Projekt hat 2011 zum ersten Mal auf das Problem der sogenannten Kohlenstoffblase (Carbon Bubble) auf den Finanzmärkten aufmerksam gemacht: Bereits jetzt befinden sich in den Bilanzen der Öl-, Kohle- und Gasindustrie viel mehr fossile Ressourcen als insgesamt verbrannt werden dürften, wenn die Klimaerwärmung dauerhaft auf zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Das Problem: Je mehr fossile Reserven ein Unternehmen in seiner Bilanz führt, desto wertvoller ist es an der Börse. So entsteht ein Fehlanreiz, denn im Interesse des Weltklimas sollten fossile Rohstoffe besser ungenutzt bleiben, anstatt dass neue Reserven erschlossen werden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Im jüngsten Bericht des Carbon-Tracker-Projekts fiel auf, dass vor allem an der Börse in New York deutlich mehr fossile Rohstoffe in den Bilanzen der Firmen verzeichnet waren als zwei Jahre zuvor. Auch das ist eine Folge des neuen Öl- und Gasbooms. Jede Erschließung neuer fossiler Rohstoffquellen führt dazu, dass die Menge an bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen, die nicht verbrannt werden sollten, weiter zunimmt.

Teersande und andere unkonventionelle fossile Rohstoffe

Kaum strittig ist die Klimabilanz einer anderen Quelle von unkonventionellem Öl: Der Abbau von Teersanden oder Ölsanden. Dabei handelt es sich um ölhaltiges Bitumen, welches in fester Form vor allem in Kanada gefördert wird. Um aus dem Bitumen überhaupt Rohöl herzustellen, braucht man sehr viel Energie. Schätzungen zufolge entstehen beim Abbau von Teersanden etwa fünfmal so viele Treibhausgase wie beim Fördern von konventionellem Erdöl. Verzögert wird der Teersand-Abbau zur Zeit nur dadurch, dass Kanada die Pipelines fehlen, um das geförderte Öl zu exportieren.

Der Bau einer geplanten Pipeline in die USA, der Keystone-XL-Pipeline, wurde bislang durch Proteste von Umweltschützern verhindert. Für viele gilt das Projekt als Nagelprobe dafür, wie ernst es Präsident Obama mit seinen Ankündigungen in Sachen Klimaschutz tatsächlich ist. Die Zukunft einer weiteren Pipeline, mit der Öl an die kanadische Westküste transportiert werden soll, ist ebenfalls offen. Vor allem Mitglieder indigener Gemeinschaften wehren sich gegen den Bau der Northern Gateway-Pipeline durch ihr Gebiet. Auch die EU hatte vor einigen Jahren noch Pläne, den Import von Öl aus besonders klimaschädlichen Produktionsstätten zu erschweren. Doch die Verabschiedung der sogenannten Fuel-Quality-Direktive wurde immer wieder verzögert. Anfang Juni wurden zum ersten Mal große Mengen Öl aus Teersanden per Schiffstanker nach Europa geliefert.

Weitere unkonventionelle Öl- und Gasquellen

Fracking und Teersande spielen bereits jetzt eine wichtige Rolle bei der Förderung fossiler Rohstoffe. Die fossile Energieindustrie hat jedoch weitere Technologien parat, mit der möglicherweise in Zukunft zusätzliches Öl und Gas gewonnen werden kann. So wird bereits in einigen Pilotprojekten die Umwandlung von Kohle in Öl oder Gas getestet. Auch der Abbau von sogenanntem Kerogen – einer Vorstufe von Öl – gilt als Möglichkeit, das Ölzeitalter zu verlängern.

Alle diese Möglichkeiten haben zwei Dinge gemeinsam: Ihre Treibhausgasemissionen sind höher als die bestehender Technologien. Und sie tragen zu einer Vermehrung der Gesamtmenge der weltweit förderbaren fossilen Rohstoffe bei. Von einer Trendwende weg von fossilen Energien ist die Welt noch weit entfernt.

 

06:00 25.06.2014
Geschrieben von

Hanno Böck

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