Die Nebenwirkungen sind bekannt

Bühne Volker Löschs „Odyssee“-Abend „Lustig ist das Zigeunerleben“ ist handwerklich vollendet, aber verklärend
| Ausgabe 40/2014
Szene aus Volker Lösch „Die Odyssee“ oder „Lustig ist das Zigeunerleben“
Szene aus Volker Lösch „Die Odyssee“ oder „Lustig ist das Zigeunerleben“

Foto: Thilo Beu

Wer sich einen Volker-Lösch-Abend verabreicht, muss vorher nie seinen Arzt oder Apotheker fragen. Die Nebenwirkungen sind bekannt und treten stets in aller Deutlichkeit auf. Knallige Gegenwartsbezüge, drastische Simplifizierungen, zugespitztes dokumentarisches Material gehören zu den Rezepturen seiner Inszenierungen. So ist auch der Untertitel Lustig ist das Zigeunerleben, den Lösch seiner Odyssee-Interpretation verpasst, nicht auf die Irrfahrten des Odysseus gerichtet, sondern deutet ironisch ins Konkrete: Es geht um Roma und Sinti.

In Essen tafelt auf der Vorderbühne eine weißgewandete Sechsertruppe mit Blondhaarperücken. Odysseus samt Gefährten und Götter geben sich hier mit Rotwein und Steak gepflegt die Kante. Sie schwadronieren mit aufgeplustertem Hochmut, rotten sich ängstlich zusammen, werden seekrank, wenn es auf große Fahrt geht.

Die Stationen der Odyssee, also die Begegnungen mit dem Zyklopen Polyphem, den Lotophagen, der Zauberin Kirke oder den Sirenen, sind in ein aufgeschnittenes bühnengroßes Haus auf der Drehbühne verlagert. Verkörpert werden die vorzivilisatorischen, irrational- triebhaften Wesen von sechs Roma- und Sinti-Schauspielern. Eine so willkürliche wie schwierige Setzung, doch Lösch deutet Polyphem und Kollegen als rassistische Projektionen. Vulgo: als Klischees, die die Odysseus-Truppe, also wir, den Roma überstülpt.

Der Zyklop ist demgemäß ein fetter, fernsehglotzender Hartz-IV-Emfänger; die vegetarischen Lotophagen sind arbeitsscheue Biohippies, die Laistrygonen eine verkitschte Balkancombo im Goldlamé-Rüschenhemd-Look. In der Begegnung leben Odysseus und seine Freunde ihr Unbehagen in der Kultur aus: mit Rassismen wie „So gehen Zyklopen, Zyklopen gehen so!“, wildem Nymphensex oder harter Gewalt-Action. Was sich eben so aufgestaut hat.

Witzfiguren allerorten

Lösch deutet den Odysseusmythos adornitisch als Formierung des bürgerlichen Subjekts, das mit Hilfe von Rationalität, List und Triebverzicht seine Macht etabliert. Der griechische Held und seine Kumpane werden darüber zu Witzfiguren zivilisatorischer Selbstdomestikation. Dass sie trotzdem an den Rand rücken, liegt daran, dass Lösch eine dritte Ebene einzieht: Die Roma-Schauspieler treten aus ihrer Rolle heraus und prangern in Stellungnahmen, die in Essen und Umgebung gesammelt wurden, den Rassismus an, unter dem sie zu leiden haben. Da ist von Drangsalierung von klein auf die Rede, von Anschlägen; es geht um die aktuelle Verschärfung des Asylrechts. Aber auch um psychische Probleme, die Unterdrückung der Frau oder einen eigenen Romastaat. Berührend ist die Szene, in der Odysseus in die Unterwelt hinabsteigt und dort auf die Namen von im KZ ermordeten Essener Roma trifft.

Es bleiben aber Widersprüche. Wenn die bürgerliche Gesellschaft in Löschs Augen derart defizitär und lächerlich ist, warum wollen Sinti und Roma an ihr teilhaben? Ist nicht davon auszugehen, dass sie selbst längst bürgerlich-rationale Subjekte sind, – wenn auch diffamierte? Lösch strauchelt zwischen Stereotypen und einer ebenso gefährlichen Roma-Idealisierung. Seine Inszenierung mag handwerklich brillant sein, doch ihre simple Parteinahme und ihr unhaltbares Grundkonzept hebeln diese Qualitäten wieder aus.

Die Odyssee oder „Lustig ist das Zigeunerleben“ Volker Lösch Grillo-Theater Essen, Termine unter schauspiel-essen.de

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