"Empedokles/Fatzer" in Köln

Bühne Seit der Jahrtausendwende verstört der junge Regisseur Laurent Chétouane die deutsche Theaterszene mit seinen Inszenierungen. Seine Schiller-, ...

Seit der Jahrtausendwende verstört der junge Regisseur Laurent Chétouane die deutsche Theaterszene mit seinen Inszenierungen. Seine Schiller-, Goethe- oder Büchner-Interpretationen sind geprägt von Bewegungsarmut sowie intensiver Textexegese und stehen unverkennbar in der Rhetoriktradition der französischen Bühne. Das macht ihn für die einen zum Scharlatan, für die anderen zum Vertreter einer neuen Ernsthaftigkeit.

Am Kölner Schauspiel hat Chétouane jetzt Hölderlins Der Tod des Empedokles mit Szenen aus Brechts Untergang des Egoisten Johann Fatzer kombiniert. Beide in Fragmenten überlieferte Dramen haben mehr gemein, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Sie thematisieren im Nachklang der Französischen sowie der deutschen Revolution die Frage von Individualität und Gesellschaft, Opfer und Umsturz. Hölderlin dichtete den Selbstmord des antiken Philosophen durch Sturz in den Ätna zum Fanal um: Das Opfer des eigenen Lebens in einen natürlichen Kreislauf des Stirb-und-Werde als Aufruf zur Erneuerung der Gesellschaft.

Als eine Art Wiedergeburt begreifen auch die vier Deserteure in Brechts Fatzer ihre Flucht. Und ähnlich wie Empedokles ist Brechts Titelheld ein Außenseiter. Der durch Egoismus die drei Kameraden in Gefahr bringt, er wird schließlich geopfert, damit die Gruppe überlebt. Diese Aspekte interessieren Laurent Chétouane allerdings nur am Rande. Der Abend beginnt mit dem berühmten Chor, in dem Brecht das Geschehen als rätselhaftes der Deutung des Zuschauers überantwortet. Diese Aufforderung zur Rekonstruktion ist Maxime der auf drei Personen verdichteten Inszenierung. Die beiden Schauspieler Fabian Hinrichs und Jan-Peter Kampwirth sprechen die Fatzer-Fragmente mit einem suchend ausgestellten, ruhigen Ton. Die Versenden werden dabei häufig mit lastenden Pausen betont, wodurch der Sinn zu changieren beginnt. Immer wieder weisen die Arme fragend auf bezeichnete Gegenstände, während die Gänge auf der mit einem dürren Baum, einem Müllcontainer und Stühlen vor einer Metallwand becketthaft möblierten Spielfläche (Bühne: Marie Holzer) von choreographierter Orientierungslosigkeit sind, alles atmosphärisch eingerahmt durch die melancholischen Akkorde des Gitarristen Leo Schmidthals.

Auch wenn die Anordnung der Fatzer-Fragmente dem Fabelverlauf ziemlich genau folgt, mit Figurenpsychologie oder Handlungsexegese kommt man dem Abend kaum bei. Es geht Chétouane um etwas anderes. Am Beginn von Jean-Luc Godards filmischer Amphitryon-Geschichte Hélas pour moi steht der Hinweis auf den allmählichen Sinnverlust der Glaubensrituale, weshalb wir heute nur die Geschichten davon erzählen können. Ähnlich versuchen die Schauspieler in Empedokles/Fatzer, sich der Nachglüheffekte der Texte zu versichern. Mitunter wirken die Szenen wie Reste kollektiver Erinnerungsbilder, so wenn sich die Deserteure ratlos um einen Obstteller zum Familienbild gruppieren. Oder die Tänzerin Sigal Zouk den Müllcontainer wie eine Mutter Courage über die Bühne zieht.

Für die eingeschobenen Hölderlin-Fragmenten wird die Bühne durch den Eisernen Vorhang auf Handtuchbreite verknappt. Jan-Peter Kampwirth trägt den ersten Empedokles-Monolog auf dem Schlachtfeld seines sich verformenden Körpers aus und schmückt den dürren Baum an der Rampe mit Blumen: jämmerlich-zarte Versuche, Natur im Feld der (Hölderlin´schen) Kunst zu beschwören. Fabian Hinrichs als Empedokles wiederum verknotet still die Hände unter seinem Shirt. Ein Bild des Wartens zum Tode, das in der Rückkehr zum Fatzer-Text dann schmerzhaft illustrativ wird. Während Kampwirth sich mit der Tänzerin am Boden wälzt, geht Hinrichs trommelnd mit Totenkopfmaske als Vanitasmetapher über die Bühne. Die Auseinandersetzungen um Fatzers Egoismus nehmen an dialogischer Schärfe zu. Hinrichs entwickelt eine schwirrende Nervosität, taucht mit Bugs-Bunny-Maske auf, ein Maschinengewehr wird hervorgezaubert, bis die Figuren allmählich im Dunkel verschwinden. Auch wenn er die Verbindung zwischen Hölderlin und Brecht nur schwach beleuchtet, Chétouane gelingt ein Abend, der aufgrund seiner stillen Poesie, seiner Textinquisition, aber auch seiner mitunter quälenden Spielerei verstört und gleichermaßen fasziniert.

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