Foyer

Linksbündig Schlingensiefs Bonner Opernverweigerung oder ein neuer Werkbegriff

Das Ausbleiben eines Skandals erzählt manchmal mehr als sein Eintreffen. Beim Bonner Beethovenfest sollte Moritz Eggerts neue Oper Freax in der Regie von Christof Schlingensief uraufgeführt werden. Dazu kam es nicht. Wie dpa schon vor drei Wochen meldete, hatten sich Komponist und Regisseur zerstritten. In einer am Tag der Uraufführung abgehaltenen Pressekonferenz allerdings herrschte nur noch eitel Sonnenschein. Alle versicherten sich ihrer gegenseitigen Wertschätzung und irgendwie war am Ende eine Augenkrankheit Schlingensiefs schuld.

Am Abend dann nahm das absurde Spektakel seinen Lauf: die Oper wurde konzertant, aber in Kostüm und Bühnenbild gegeben; in der Pause fand im Foyer eine Performance von Schlingensiefs Behinderten-Family samt Filmeinspielung statt. Mal abgesehen davon, dass der Vorgang als solcher viele Fragen aufwirft, die spannendste dürfte sein, warum Schlingensief mit Eggerts Freax-Oper nicht zurechtkam.

Diese Frage scheint nur vordergründig einleuchtend. Die Oper ist eine freie Adaption des Filmklassikers Freaks von Tod Browning aus dem Jahr 1932. Ein groteskes Eifersuchtsdrama im Trash-Milieu der Kuriositätenkabinette, also der Kleinwüchsigen, siamesischen Zwillinge und Hermaphroditen. Schlingensief schien da nach seiner TV-Show Freakstars 3000, seiner Arbeit mit Behinderten in Produktionen wie dem Bayreuther Parsifal oder Kunst und Gemüse, A. Hipler der richtige zu sein. Ein schärferer Blick auf diese Produktionen, hätte allerdings die Wahl schnell als Fehlschluss entlarvt.

Schlingensiefs Umgang mit Wagners Parsifal hatte, auch wenn er das Werk unangetastet ließ, nur wenig mit einer Interpretation zu tun. Die Auslegung von Komponisten- oder Werkintentionen gehören nicht zu den Leitkategorien seines ästhetischen Universums. Die überfüllte Bayreuther Drehbühne bot zwar ein Sammelsurium an Assoziationsmaterial, eine logisch diskursive Deutung wollte dabei aber nicht herausspringen. Postmoderne Interpretationsverweigerung, Brechts Materialwerttheorie und Duchamps Ready made-Begriff (worauf Boris Groys hingewiesen hat) reichten sich die Hände. Schlingensiefs Inszenierung ähnelte einer Kunstaktion, die Wagners Musik zum Gesamtkunstwerk zusammenzwang.

Noch weiter ging dann Kunst und Gemüse, A Hipler an der Volksbühne. Ähnlich wie bei seinen Jelinek-Inszenierungen fungierte Arnold Schönbergs Oper Von heute auf morgen nur als Ausgangspunkt für eine kunstinstallative multimediale Tour de force: Wagner-Bashing vermählte sich mit der Dodekaphonie als künstlerischem Freiheitsbegriff, Anspielungen auf Kippenberger, Nauman oder Jean-Luc Godard, World Trade Center und Wohnmobil in Kabul und dazwischen Schlingensiefs Family aus Laien und Behinderten.

So verwirrend dies schien, die Aktion entpuppte sich als konsequente Fortschreibung. Schon in Bayreuth hatte Schlingensief das Leidenspathos in Wagners Parsifal mit den Aktionen seiner behinderten Akteure konfrontiert. Kunst und Gemüse verschärfte dies dadurch, dass die ALS-kranke Andrea Jansen raumbeherrschend vor der Bühne in ihrem Bett lag: Authentisches Leiden ohne Pathos. Selten wurde dem Betrachter zudem klarer, in welch beißender Spannung sublimster musikalischer Ausdruck zu menschlichem Leiden steht. Von hier führt der Weg wieder zurück zum Scheitern an der Freax-Oper. Auf der Pressekonferenz stellt Schlingensief die rhetorische Frage, ob die Gattung Oper überhaupt etwas mit dem Thema (d.i. Kleinwüchsige, Behinderte usw.) anfangen könne. Unüberhörbar der Zweifel, ob Theater in seiner traditionellen Form überhaupt etwas über unsere Wirklichkeit aussagen könne.

Letztlich geht es um Verabschiedung der Interpretation als Kategorie der Werk-Erkenntnis im Theater. Das Werk wird "nur" noch als Ready made oder als Materialbaustelle begriffen, dem der Regisseur nicht mehr als camouflierter Deuter, sondern als eigenständiger Autor, sprich: als Künstler gegenübertritt. Damit markiert Schlingensief den äußersten Gegenpol in der immer wieder angeheizten Debatte um Regietheater, Klassikerverhunzung und Werkgerechtigkeit. Dass er sich nun bei der Uraufführung von Freax auf eine Foyer-Performance zurückzog, scheint von daher - bei allem Zwiespalt - folgerichtig. Spätestens im April 2008 allerdings stellt sich die Frage neu. Dann inszeniert Christof Schlingensief an der Deutschen Oper Berlin Walter Braunfels´ Johanna-Oper. Im Foyer?



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