Kommunistische Kellerparty

Bühne Peter Weiss' Jahrhundertroman „Die Ästhetik des Widerstands“ wird in Essen erstmals auf die Bühne gebracht. Leider fehlt der Inszenierung Mut zum Experimentieren

Wer als Kommunist im Untergrund kämpfte, hatte offenbar selten freie Sicht. Die Bühne im Essener Grillotheater ist auf drei Seiten von einer opaken Plastikplane umgeben, auf die Filme und Fotos projiziert werden. Die Oberfläche ist durchzogen von einem Raster, am oberen Ende ragen gelbe Kunststoffstreifen heraus und biegen sich nach innen. Hier verortet Regisseur Thomas Krupa die Protagonisten aus Peter Weiss’ Die Ästhetik des Widerstands. Mit anderen Worten: Kommunist sein zwischen 1936 und 1944 heisst, im Echoraum der eigenen Projektionen oder im Gefängnis zu leben.

Wer Peter Weiss’ Jahrhundertroman Die Ästhetik des Widerstands erstmals auf die Bühne bringen will, muss Mut haben. Das mehr als tausendseitige Werk beschreibt den antifaschistischen Widerstand. Ein namenloser Erzähler, der weniger individuelles als kollektives Ich ist, erzählt von den Kämpfen in Berlin, Spanien, Paris, vom Exil in Schweden und der Widerstandsgruppe Die rote Kapelle. Historisches wechselt mit Beschreibungen von Kunstwerken, Literatur- und Kunsttheorie mit Analyse der Parteitaktik. Erlebte Rede statt Dialogen und ein filmisch inspirierter Detailrealismus machen die Lektüre nicht leicht, in ihrem experimentellen Zugriff aber nichtsdestotrotz faszinierend. In Essen allerdings greift Regisseur Krupa zum konventionellsten Mittel: Er destilliert Dialoge aus dem Monumentalwerk. Da diskutiert der Erzähler (Stefan Diekmann) unter einer Lampe mit seinem Vater (Eric van der Zwaag) über den Streit zwischen KPD und SPD oder der Arzt Hodann (Matthias Breitenbach) erörtert mit den auf Matratzen lagernden Kämpfern die Strategie im Spanischen Bürgerkrieg – was eher nach Kellerparty aussieht.

Jahreszahlen und Orte werden als Schriftzug eingeblendet, die Kostüme sind zeitnah gestaltet, Dokufilme dienen als Atmo. So geht es durch die Jahre. Doch die Parteidebatten werden schnell langweilig und die Dialogisierung kann mit dem Romanexperiment nicht mithalten. Eindrucksvoll immerhin, wie Leiden und Niederlage der Spanienkämpfer ins Bild gesetzt werden: Während Hodann Picassos Bild Guernica beschreibt, stellen die Schauspieler Géricaults Das Floß der Medusa nach.

Warum sich heute mit der Ästhetik des Widerstands beschäftigen? Geht es wirklich nur um altlinke Trauerarbeit? Oder nicht doch um ideologische Gegensätze, um Widerstandspathos und faktische Gewalt? Das Buch ist auch eine Art ästhetisch-proletarischer Bildungsroman, in dem der Erzähler allmählich zum Künstler reift. Doch in Essen ist auch diese Ebene mitsamt der im Roman zentralen Begegnung mit Brecht im schwedischen Exil komplett gestrichen. Stattdessen stemmt der Militärexperte Richard Stahlmann als Castro-Imitat Gewichte. Natürlich waren die ideologischen Wendungen damals absurd, aber war das Exil deshalb ein Kuriositätenkabinett? Überzeugend immerhin Herbert Wehners (Tom Gerber) Aufstellung eines Agentennetzes als riesige animierte Grafik oder die bedrängenden Holocaustvisionen der Mutter des Erzählers (Melanie Lünighöner). Letztlich scheitert die Inszenierung sowohl an mangelnder Experimentierfreude als auch an der Antwort auf die Frage, was uns Weiss’ Roman heute zu sagen hat.

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