Letzte Biennale in Bonn

Bühne Es war eine Beerdigung erster Klasse. Nach 16 Jahren wurde in Bonn das Biennale-Festival zu Grabe getragen. Die Bundesmittel im Rahmen des ...

Es war eine Beerdigung erster Klasse. Nach 16 Jahren wurde in Bonn das Biennale-Festival zu Grabe getragen. Die Bundesmittel im Rahmen des Bonn-Berlin-Ausgleichs sind ausgelaufen, und die frühere Hauptstadt will oder kann die 1,1 Millionen Euro alle zwei Jahre nicht aufbringen. Zum Abschluss lud sich das Festival, das sich zunächst der europäischen Dramatik, seit 2004 theatralischen Länderporträt widmete, die Türkei ein.

Programmschwerpunkt sollte nicht das Thema Migration sein - auch wenn das Bonner Theater mit seiner Produktion Geschichten getürkt sieben Lebensläufe türkischstämmiger Bürger vorstellte, die in der Nacherzählung durch Schauspieler zu Kitschbildern einer Idealintegration verkamen. Die Auswahl der Biennale-Leiter Steffen Kopetzky, Elena Krüskemper und des Bonner Generalintendant Klaus Weise bemühte sich, einen Stand des türkischen Schauspiels und Tanzes mit einem geographisch und ästhetisch weiten Spektrum auszuformulieren.

Um es vorwegzunehmen: Den Höhepunkt markierte das Gastspiel des Studio Oyunculari mit Sahika Tekands Der Schrei der Eurydike, das Sophokles´ Antigone auf faszinierende Weise fortschrieb. Ein achtköpfiger Chor und fünf Solisten stehen festgebannt in einer Black Box frontal zum Publikum. Die Inszenierung, die Kreon als legalistischen Diktator in Schwarzhemd und Koppel ins Zentrum stellt, lebt aus der Spannung von äußerer Statik und gestischer Bewegtheit des Sprechens. Das Redetempo ist rasant, die Emphase hoch, von Psychologie keine Spur und so entwickelte der Abend eine archaische Wucht, wie man sie selten zu sehen bekommt.

Die Gegenposition dazu formulierten die psychologisch-realistische Inszenierung von Dürrenmatts Mitmacher mit Fernsehstars oder die werktreue Interpretation von Brechts Kaukasischem Kreidekreis aus dem anatolischen Erzurum. Gerade an Dürrenmatts Stück über den Opportunismus eines Wissenschaftlers zeigte sich, dass türkische Theater solche Konflikte offenbar selten Ironie oder Sarkasmus überantworten. Zu den verblüffenden (und verständlichen) Paradoxa gehörten schließlich die politischen Stellungnahmen der Künstler. So sehr sie sich in Diskussionen mit Kritik und Bekenntnissen zurück hielten, so explizit wurden sie in ihren Inszenierungen. Der Tanzabend Mehmet liebt den Frieden nahm die authentische Gestalt des schwulen, kurdischen Wehrdienstverweigerer Mehmet Tarhan zum Anlass für einen harten (wenn auch künstlerisch nicht ganz befriedigenden) Abend gegen Militarismus, Autorität, Gehorsam und Unterdrückung. Der so harmlos daherkommende Liederabend Ashura wiederum kombinierte kurdische, türkische, syrische oder griechische Songs mit Bevölkerungsstatistiken der Türkei. Die Kritik zielt auf die staatliche türkische Minderheitenpolitik, die Volksgruppen kulturell zu assimilieren versucht (was die Kölner "Assimilationsrede" von Ministerpräsident Erdogan umso brisanter macht). Dass ein EU-Beitritt der Türkei nicht unkritisch gesehen wird, zeigte schließlich die Gruppe Tiyatrolokomotif. Sie verwandelte Peter Handkes Kaspar-Stück zu einer grotesk-überdrehten Parabel unter dem Titel Das wilde Kind, die eine brutale sprachliche, moralische und ökonomische Abrichtung des Kandidaten vorführt, aus der nur noch die Flucht bleibt.

So spannend diese Positionen waren, sie lockten nur wenige Besucher an. Gerade einmal 6.500 Zuschauer (2006 waren es noch mehr als 10.000) kamen zu den 65 Vorstellungen. Ein Desinteresse, in dem sich die langjährige gesellschaftliche Ignoranz gegenüber der türkischen Migration widerspiegelt sowie umgekehrt der Mangel an bildungsbürgerlichen türkischstämmigen Milieus. Mit dem Ende der Biennale verliert nicht nur die Stadt, sondern auch das Land sein einziges international ausgerichtetes Theaterfestival. Ein Verlust, den weder Ruhrtriennale noch Ruhrfestspiele, Impulse oder die "Stücke" in Mülheim kompensieren können.

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