Theater des Begehrens

Somnambul Das Kölner Museum Ludwig präsentiert erstmals Werke des Malers Balthus in Deutschland

Es gibt sie noch, die künstlerische terra inkognita, auch wenn man es angesichts des hochtourig laufenden Ausstellungsbetriebs kaum glauben mag. Der Maler Balthus ist ein solch unentdeckter Kontinent, zumindest hierzulande. Weder hängt ein einziges Bild von ihm in deutschen Museen, noch wurde er je in einer Schau präsentiert. Diesem Versäumnis hilft jetzt das Kölner Museum Ludwig ab. 78 Exponate, darunter 26 Gemälde hat Kuratorin Sabine Rewald als Gast des Metropolitan Museums zusammengestellt. Was für eine Retrospektive zu klein ist, reicht für einen Überblick über das Œuvre. Um so mehr, als mit Ausnahme der Meisterwerke Die Gitarrenstunde und Das Zimmer alle wichtigen Werke versammelt sind.

Balthus galt stets als aus der Zeit Gefallener, dessen hermetischer und zugleich erotisch aufgeladener Realismus sich den angesagten Kunstrichtungen des frühen 20. Jahrhunderts verweigerte. Die Kölner Schau zeigt, dass dieses Image wohl zum Teil auch einer Selbststilisierung des Malers entspringt. Gerade die Porträts aus den dreißiger Jahren offenbaren erstaunliche Parallelen zum Werk beispielsweise eines Christian Schad. Wie die junge Frau mit der modischen Garconnefrisur in Madame Pierre Loeb von 1934 sich mit in sich gekehrtem Blick auf einen Stuhl stützt, das erinnert in der Schärfe der Beobachtung, dem strengen Bildaufbau und der starren Positionierung stark an die Bilder der Neusachlichen. Es waren Porträts, mit denen Balthus sich zunächst als Maler über Wasser hielt - weshalb er sie seine "Ungeheuer" nannte. Die Auftraggeber dazu fand er im Haus seiner Eltern Pierre und Balandine Klossowski, in dem Maler, Galeristen sowie die kunstsinnige Bourgeoisie ein- und ausgingen.

Die deutsch-französische Familie der Klossowski führte ein recht unstetes Leben zwischen Paris, Berlin und der Schweiz, weshalb der 1908 geborene Balthazar, der sich später Balthus nannte, durchaus Bildern der neuen Sachlichkeit begegnet sein könnte. Seine erklärten Vorbilder hatte der Autodidakt allerdings woanders gefunden. Bei einer Italienreise kopiert er die Renaissancemaler Piero della Francesca, Masaccio und Masolino. Vor allem die Dialektik aus Perspektivik und flächiger Frescomalerei sind es, die ihn beeindruckten und deren Einfluss in dem berühmten Bild La Rue von 1933 unverkennbar ist. Der Blick fällt in eine kleine Pariser Straße in der neun Figuren, darunter drei Erwachsene, ihren Verrichtungen nachgehen. Der Szenerie scheint wie mit der Vakuumglocke alles Leben ausgesaugt. Mit tranceartigem Blick bewegen sich die Figuren in der vorderen Bildhälfte aneinander vorbei. Es regiert eine Art Somnambulismus des Alltags, der in einer strengen Komposition und Starre der Körperhaltung gebändigt ist.

La Rue war eines der sieben Bilder, mit denen Balthus 1934 in einer kleinen Austellung in Paris erstmals an die Öffentlichkeit trat. In Köln sind davon neben La Rue noch La Fenêtre und La Toilette des Cathy zu sehen. Die Bilder machten Skandal und riefen sofort die Surrealisten auf den Plan, doch Balthus wehrte sich gegen deren Vereinnahmung. Was damals schockierte, war die realistische Darstellung präadoleszenter Mädchen, mal in einer Traum-, dann in einer Gewaltszenerie, die zum Generalthema des Malers wurden. 1938 malt Balthus sein Lieblingsmodell in Therese, träumend auf einem Stuhl, mit abgewendetem Kopf; das aufgestellte linke Bein lässt den Blick frei auf den Slip unter den hochgerutschten Rock fallen. Die selbstbezügliche, versunkene Haltung seines Modells verhindert zwar jede lolitahafte Verführungsgeste; doch unverkennbar sind das Spannungsverhältnis von Unschuld und Laszivität die Grundkoordinaten in Balthus´ Alphabet der Obsession. Nicht von ungefähr erinnern manche Mädchenfiguren an Illustrationen aus Lewis Carrols Alice in Wonderland.

So paradiesisch die pubertäre Unschuld jedoch wirken mag, es liegt eine latente Bedrohung über den Bildern. So fängt sich das Licht in Balthus´ Bildern immer wieder im nackten Fleisch ausgestreckter Mädchenbeine, Schultern oder Arme und heizt damit die bürgerlichen Salons mit erotischem Verlangen auf. Mitunter liegt aber auch Gewalt in der Luft, wenn Balthus in Les Beaux Jours ein junges Mädchen auf einer Chaiselongue ihr Spiegelbild betrachtet lässt, während im Hintergrund ein Mann im Kamin ein Feuer anfacht. Oder wenn in dem bedrohlichen "La victime" von 1939 ein mädchenhafter Akt auf einem weißen Leintuch hingestreckt liegt und am vorderen Bildrand ein Messer zu sehen ist.

Obwohl Balthus seine Figuren in einen Kokon der Bewegungslosigkeit einspinnt, ist der Eindruck des Theatralischen in seinen Bildern nie ganz von der Hand zu weisen. Nicht selten stattet Balthus seine Salons mit Vorhängen aus, die mal gerafft im Bild erscheinen oder regelrecht aufgezogen werden. Verstärkt wird der Eindruck durch die Posenhaftigkeit des Personals, wie in dem enigmatischen La Montagne (1936/37), das eine Schweizer Gebirgslandschaft zeigt, vor der sich ein Mädchen ins Licht reckt, ein anderes schläft und beide von einem Wanderer beobachtet werden. Noch deutlicher in den frühen Illustrationen zu Emily Brontës Roman Stürmische Höhen. Dass Balthus lange als Bühnen- und Kostümbildner mit Antonin Artaud oder Jean-Louis Barrault zusammengearbeitet hat, ist das eine. Letztlich geht es dabei eher um ein Theater des Begehrens, des Verlangens, der Ängste, des Schreckens, die den bürgerlichen Psychohaushalt durchziehen.

Von hier aus lässt sich schließlich sogar eine Fluchtlinie in die Gegenwart zu einem Maler wie Neo Rauch ziehen. Dass beide abseits der konzeptuellen Generallinie der Kunstentwicklung dem Figurativ-Gegenständlichen sich verpflichtet fühlen und doch, der eine mehr, der andere weniger, vom Unterstrom des Surrealismus zehren, ist offensichtlich. Doch auch bei Rauch entdeckt man eine Vorliebe für theatralisch aufgeladene Situationen; findet man das Enigma latenter Bedrohung, das in strengen Bildkompositionen gebändigt wird. Bei Balthus ist das Themenspektrum seit dem Ende der fünfziger Jahre allerdings weitgehend ausgeschöpft, was die Kölner Ausstellung großzügig bis auf ein Beispiel später Landschaftsmalerei ausspart. Um es mit einem paraphrasierten Brecht zu sagen: Die Obsession war aufgebraucht, es war die beste Zeit.

Balthus - Aufgehobene Zeit. Gemälde und Zeichungen 1932-1960. Bis 4. November im Museum Ludwig, Köln. Der Katalog kostet 35 Euro.


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