Zur Vita der Republik

JOSCHKAS WILDE JAHRE Er hat sogar zugegeben inhaliert zu haben. Na und?

Nehmen wir einmal an, unsere Republik sei wirklich ein Organismus. Geboren wurde sie unter schrecklichen Schmerzen und sicher nicht freiwillig, und die Kleine wurde auch kaum geliebt (das kam erst später, als sie sich so prächtig entwickelte). Nicht einmal ihre Eltern trauten ihr, angefangen von den Vätern des Grundgesetzes, unter denen auch einige Mütter waren, bis hin zu den Onkeln vom Alliierten Kontrollrat. Die Meinungsforscher jener Jahre interessierte nur, wie oft die Unterwäsche gewechselt wurde und ob man frei sei von Totalitarismen, und Papa Adenauer wachte über saubere Leinwand im Kino wie im Bett. So war das, wir können's uns kaum mehr vorstellen, so "wurden wir wieder wer".

Die Flegeljahre mussten einfach kommen, und sie waren bei allen betüterten Kindleins legendär wild. Da wuchsen die Haare, qualmte der Joint, wurde endlos palavert und im öffentlichen Raum herumgehangen, wegen Vietnam, Muff von tausend Jahren und überhaupt. Vater Staat reagierte wie alle altmodisch überforderten Eltern und ließ den Knüppel aus dem Sack. Onkel Willy wollte angeblich "mehr Demokratie wagen", aber das Risiko war wohl zu groß, und dann kam der Schmidt, den niemand als Onkel wollte, und penetrierte mit dem Zeigefinger. Die aus allen möglichen Anlässen Geprügelten jaulten, und dann wollten sie zurückschlagen oder zumindest so schicke Helme haben wie die Prügler, schwarz natürlich, denn das war in. Da sah man wenigstens martialisch aus, man, o Mann, diese seltsame Melange aus berufsverbotenen Nochnichtniemals-Lehrern, Antiquariatsbuchhändlern, Kinderlädnern, Strickstrumpfmackern und Berufsrevoluzzern, die man einfach Politpunkrocker nannte.

Seltsam, wenn man heute Bilder aus jener Zeit sieht, 1967 bis 1977. Ja, der deutsche Frühling endete im deutschen Herbst, aber aus manch einem von damals ist ja doch was geworden, und wenn's sonst zu nichts gelangt hat, wenigstens Minister. Mit Turnschuhen unterm Bauch oder im Dreiteiler unter zerknitterter Fresse - egal; Stütze is' wenigstens nich'. Eine Biografie mit Ecken und Kanten, wie unsere Republik.

Natürlich gab es auch immer die pflegeleichte Mehrheit, smarte Jungheinis, Rabaukiges höchstens zwischen Nebensätzen, mit nur im Rückblick schulterlangen Vor-Merz-Haaren, die schon damals eine Glatze kaschierten. Früh schon übten sie, unter bedruckten Sonnenschirmen Broschüren verteilend, staatstragende Haltung, und ihr dienstliches, gebührenfreies Telefon diente ausschließlich der weiteren Politkarriere. Sie sind die Mehrheit geblieben, in Bund und Ländern, man muss sich nur durch die einschlägigen Handbücher blättern. Viele gewesene Beamte, bürolose Anwälte, berufslose Lehrer - Gottschalk ist da eine Ausnahme -, einige amtsmüde Pastoren, aus dem akademischen Mittelbau geschwemmte Ex-Wissenschaftler, Nischenexistenzen mit dem Willen zur Macht ... Biografien ohne Ecken und Kanten und ohne Rückgrat, auf das je ein Amtsknüppel hätte dreschen müssen. Repräsentanten einer repräsentativen Demokratie, in der man aus Routine repräsentiert, dauernd über Lerchenfürze streitet und schrecklich nett zueinander ist, weil man weiß: Wenn's ernsthaft käme, wird man zusammenrücken müssen wie eine Herde bei Gewitter.

Und nun dieses Stürmchen im Wasserglas auf den Rednerpulten! Weil ein heillos zerstörtes Vatertöchterchen in Bildarchiven gemopst hat und sich wichtig machen will? Weil ein Joschka zwar zum Joseph wurde aber dennoch nicht den political correcten Stallgeruch hat? Weil er, nehmt alles nur in allem, sogar für NATO-Hardliner ein ganz passabler Außenminister wurde? Wir wissen es nicht, und die Meinungsumfragen meinen, es sei uns auch egal, ob JF vor einer Generation einen einzigen Beamten vermöbelt hat oder eine Hundertschaft. Wir haben andere Sorgen, die oft sogar sehr mit Politik zu tun haben, und wittern ein Ablenkungsmanöver unserer sonst immer so schnell und grässlich Kompetenten.

Wir könnten uns auch nicht nur klammheimlich darüber freuen, dass hier wer wirklich unsere Republik repräsentiert, diese seltsame Geschichte von Nachkriegsjugend, Minimachismo, Verbalradikalismus, politisierter Abendschule, ein wenig Randale, gelegentlichem Nachdenken, ebenso heftigen Fress- wie Diätwellen, Turnschuhen zur Verteidigung, verknautschtem Gesicht im Hohen Haus und schließlich saturiertem Dreiteiler. Und er hat sogar zugegeben, auch inhaliert zu haben! Das könnte uns doch lieber sein als der Mehltau von Betulichkeit, mit dem sich Heuchler gemeinhin tarnen.

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