Kapitalismus ist keineswegs qualitätsblind

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In einem Freitags Kommentar hieß es über den Kapitalismus:

"Er produziert nur nach Quantitäten."

Der realsozialistische Konsument hatte solchen Antikapitalismus einst mit Humor genommen:

"Lieber ausgebeutet und Golf fahren als herrschende Klasse und mit dem Trabbie durch die Gegend gurken!"

Die Vorstellung, dass dem Kapitalismus die Gebrauchswerte egal seien, ist sehr viel mehr Ausdruck der Entfremdung von den sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen des eigenen Tuns (oder des Tuns anderer) als Produktivkraft sozialer Emanzipation also der Aufhebung sozialer Ohnmacht bzw. ökologischer Unschuldslämmerigkeit.

Kapitalismus ist kein über den menschlichen Beziehungen schwebender böser Geist, der sich mit möglichst viel Krachvokabeln vertreiben ließe, sondern halt die Art und Weise, in der wir - immer noch - kapitalistischen Halbmenschen derzeit - wohl oder übel - in Beziehung treten müssen, um als notwendig bzw. begehrenswert erachtete Gebrauchsgüter herstellen, an die Bestimmungsorte bringen und konsumieren zu können.

Bei aller Widersprüchlichkeit und Halbgarheit ist Verbraucheraufklärung, erst öffentlich rechtlich, (Stiftung Warentest), dann immer mehr in der Form privater Testzeitschriften bis zum Web 2.0 oder Bio und Fair Trade und anderer Qualitätssigel immer auch Instrument der Qualitätssicherung bzw. -steigerung und damit auch ein Stückchen (besser Stücklein) soziale Mitbestimmung.

Funktionäre des "konstanten Kapitals" wiederum, deren Motiv die Steigerung des eigenen Bereicherungsvermögens in der Form von Geld, Mittel zur Herstellung der begehrten Gebrauchsgüter und Dienste oder Zugriffsrechte darauf ist, können ihr Bereicherungsvermögen auf zweierlei Weise maximieren:

Erstens durch einen Produktivitätsvorsprung gegenüber der Konkurrenz (also durch mehr Quantität), zum Zweiten, in dem eine "Qualität" angeboten wird, die die der Konkurrenz - aus Sicht der Verbrauchenden - überlegen ist. Beides unterliegt unter Bedingungen freier Konkurrenz einer Ausgleichsbewegung, so dass die Extraprofite in der Regel nur temporär sind. Der Ressourcenverbrauch aber pendelt sich bei der Ausgleichsbewegung nicht auf ein Gleichgewicht hin ein, sondern muss, wie eben auch die Qualität der Güter und Dienste, bei jeder "Runde" wachsen (abgesehen von Fortschritten in der Ressourceneffizienz die dann aber in der Ausweitung des Angebots meist überkompensiert ist).

Einen qualitätsverneinenden "nackten Kapitalismus" gibt es also nicht. Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht immer noch sozial angezogen, was ja - neben dem stummen Zwang zur Vermietung der Arbeitskraft - die ungeheure Anziehungskraft dieser Vergesellschaftungsweise ausmacht.

Das Problem kapitalistischer Qualitäts- wie Quantitätssteigernungen unserer Lebens- bzw. Genussmittel ist allerdings die private Form der Aneignung und die damit verbundene soziale Ohnmacht bzw. Ignoranz gegenüber den Voraussetzungen und Wirkungen des Nutzenziehens. Es fehlt an Möglichkeiten, sich gegenseitig zur sozialen Übereinkunft über eine - in ökologischer bzw. sozialer Hinsicht nachhaltige - Entwicklung der Produkte, Produktionsmittel Produktionsorte und -zwecke zu nötigen.

Mehr betriebliche Mitbestimmung mag ein notwendiges Element der Emanzipation aus den Borniertheiten privater Aneignung sein. Aber die verlangt aufgrund der Gefahr einer noch engeren Kettung an das kapitalistische Privatinteresse nach einem gleichzeitigen Mehr an außerberbetrieblicher Mitbestimmung - durch Interessensvertretungen sozialer und ökologischer Belange welche die gesamte (Re-) Produktionskette von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung einschließt.

Es gilt, über diese kapitalistische Phase der Menschwerdung hinaus zu wachsen und - nunja, mehr (Öko-) Sozialismus zu wagen :-). Wer dabei zu kurz greift, fällt meist selbst auf die Nase.

10:15 27.06.2009
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Geschrieben von

Hans Hirschel

mit Marx im Grünen ;-)
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Hans Hirschel

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