Kommentare von Hans Hütt

Hans Hütt 15.02.2010 | 17:55

Wie liest man Ihren Essay ein Jahr nach seiner Publikation? Die Idee einer Analyse der Krisenmetaphern ist überzeugend, aber wirkt auf mich auch wie ein Akt diskursiver Geiselnahme.
Seither ist die Sprache der Politik über die Krise (zumindest in Deutschland) noch einfältiger geworden. Die Bundeskanzlerin sagte im Wahlkampf, sie wolle das Land stärker aus dem Tal der Krise herausführen, als es in sie gegangen sei. Ihr Gegenkandidat klaute bei Hillary Clinton die Idee einer Resettaste für die soziale Marktwirtschaft. Immerhin plädierte Frau Merkel in ihrer Regierungserklärung vom November 2009 für eine schonungslose Analyse (was sie im Wahlkampf vermieden hat). Es blieb beim Plädoyer. Sie liefert nicht.

Im vergangenen Monat haben die Anhörungen einer amerikanischen Untersuchungskommission begonnen, die die Ursachen der Krise erforscht. Es entsteht ein immer dichteres Bild von Verschwörungen zu Lasten Dritter. Der Untergang von Lehman Brothers sei "Triage" zur Rettung von AIG gewesen. Goldman Sachs habe gegen die eigenen Kunden gewettet. Rating-Agenturen nahmen vor Gericht erfolgreich das Verfassungsrecht der Meinungsfreiheit in Anspruch, das ihnen erlaubt, Blödsinn als Rating zu etikettieren - und sie vor Schadensersatzansprüchen bewahrt.
Kurios die Entwicklung in Deutschland: Das Zustandekommen des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes und auch dieser seltsame Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages wirkten wie der Versuch, Ordnung unter dem Dach heilloser Unordnung herzustellen.
Während in diesen Tagen der FDP-Vorsitzende gegen "geistigen Sozialismus" wettert, ist die Bundesregierung hinter der Kulisse daran beteiligt, die Risiken großer deutscher und französischer Banken und Versicherungen mit griechischen Staatsanleihen abzusichern. Der Umfang dieses Rettungspakets könnte zwanzig mal so hoch sein wie die Ausgaben des Bundes für Hartz IV.