Alte Wörter

A-Z Unser Autor Hans Hütt widmet sich Begriffen von damals. „Die 70er“ und „Die 80er – ein Jahrzehnt in Wörtern“ heißen seine neuen Bände, die nun im Dudenverlag erscheinen
Alte Wörter

Foto: Norman Konrad/laif

A

Autopudding Seit wann mögen Autos Pudding? Die Frage ist berechtigt, hätte es nicht, vorübergehend, mit dem Autopudding von Johnson ein Produkt gegeben, das für das Auto ähnliche Maßnahmen ermöglicht wie Kosmetikstudios für Schönheitsbewusste. Der Pudding ist eine „schwabbelweiche“ Ganzkörpermaske für die Karosserie, die Lack, Chrom und darin sich spiegelnde Fahrer zum Glänzen und Strahlen bringt.

Das Aufbringen und Polieren ist mühevoll, was viele Möchtegernstrahler unterschätzen. Fenster und Schlösser sind abzukleben. Auch die Reifen und Felgen könnten leiden, davon abgesehen, welchen Schaden der Pudding am Veloursboden im Kofferraum oder auf einem Zylinderkopf im Motorraum anzurichten vermag. Der Pudding stinkt beißend, aber die Nasen von autofahrenden Menschen sind in den 70ern noch ziemlich unempfindlich (Waldsterben).

B

Bürgerinitiative Im Alltag der 70er wächst das Bewusstsein dafür, dass Engagement sinnvoll ist. Politik und Verwaltung haben die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Manche Pläne sollten gründlicher betrachtet und neu durchdacht (Umdenken) werden. Das gilt für kleine Themen wie den Schulweg der Kinder, oder warum eine medizinische Hochschule, aus der nun eine Universität wird, den Namen Heinrich Heines tragen soll. Bürgerinnen und Bürger, die sich engagieren, entwickeln einen siebten Sinn für Mängel in der Organisation ihrer Umwelt. Wer ein bisschen mehr von der Welt gesehen hat als nur die eigene Nachbarschaft, orientiert sich an dem Satz John F. Kennedys: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Anfangs sieht es nicht so aus, als habe man auf solche Ideen gewartet. Da kann ja jeder kommen! So ist es! Genau das ist die Keimzelle, aus der bundesweit Bürgerinitiativen entstehen und sich, anfangs gegen Widerstand, um das Gemeinwesen verdient machen.

C

Computerfreak Computer faszinieren die Jugend der 80er. Sie ist unerschrocken der Technik zugetan und stellt sie auf die Probe. Sie Freaks zu nennen, bezeugt das für manche Befremdliche ihres Tuns, das sie an die Bildschirme fesselt. Sie selbst nennen sich Hacker, aber nicht, weil sie in klapprige Tastaturen hacken. Ein Hack ist die einfache Lösung eines bisher für kompliziert gehaltenen Problems. Die Jugend entdeckt den Reiz des widerspruchsfreien Befehlens. Wo Sicherheitsleute auf ihre Spuren stoßen, hinterlassen sie Warnungen an die Freaks. Die antworten: „Wir wollen nur spielen.“ Der Film WarGames wird Kassenschlager. Darin hackt sich ein Jugendlicher versehentlich in das System zur Steuerung des US-Nuklearwaffenarsenals und löst beinahe einen Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion aus.

Sind Hacker Helden oder Bösewichte? Das Strafrecht ist unvorbereitet. Hacker gründen im Herbst 1981 den Chaos Computer Club. Mit Computern ließen sich sinnvolle Sachen machen. Das klingt optimistisch. Ihr Gründungstreffen versammelt in den Räumen der taz „Bastelfreddies, Informatiker und Programmierer“. Amerikanische Vorbilder formulieren die Devise „Hackito ergo sum“. Atari und Commodore machen ihre Augen glänzen.

I

Indie Wer in den 80ern das Wort gebraucht, will sich freimachen von Markterfolgen und Trends der Unterhaltungsindustrie, zeigt Vorliebe für unabhängige Film- und Musikproduktionen, die auf Eigensinn achten. Es wäre verfehlt, den Indies Feindschaft zur Kulturindustrie anzudichten. Ihr Lebensgefühl befindet sich im Einklang mit einer Generation, ihrer Sprache, ihrem Gefühl für Musik und Darstellung (Postmoderne).

Indies hören das Gras wachsen, verfügen über ein vegetatives Gespür für das Habitat ihrer Alterskohorte. Indies beschwert nicht die Last betriebswirtschaftlicher Kennzahlen. Was unter ihrer fürsorglichen Obhut heranreift, erzielt bald Liebhaberpreise und ewige Verehrung. Das Radio 100, das ich mit anderen im März 1987 in West-Berlin gründe, erwirbt einen legendären Ruf bei den Indies wegen der hellhörigen Musikredaktion.

L

Lebenspartner Im Wort des Partners klingen gleiche Rechte nicht utopisch. Es erklärt ohne Kirchengeläut und Standesbeamte den Entschluss, auf Dauer zusammen zu sein, gilt insofern als kleiner kultureller Widerstand gegen den Zeitgeist vagerer Beziehungen. Nicht alle genießen den Schutz des Gesetzes. Die Volkszählung 1987 zeigt: Immer mehr leben ohne Trauschein zusammen. Erbansprüche gibt es für sie nicht. Der Satz „Weil die Ehe gefördert wurde, ging die Familie zugrunde“ von Roman Herzog ist für einen Konservativen fast revolutionär.

P

Postmoderne Sie ist nicht neu, aber dabei, sich durchzusetzen, besonders in der Architektur und der Literatur. Wer sich für modern gehalten hat, fühlt sich zum alten Eisen geschoben. Erleichternd für andere: Endlich wird nicht mehr alles so absolut gesetzt. Form und Funktion lassen sich trennen. Vernunft darf auf die Probe gestellt, Gefühle dürfen ernst genommen werden – oder auch nicht. Was ist (schon) Wahrheit? Spielt mit Zeichen und Zitaten, damit sie, vielleicht, etwas Neues mitteilen! Freundliche Kritiker urteilen, postmodern heiße, entspannt zynisch zu sein, Diskurse zu pflegen mit der Freiheit, sie affig zu finden. Anything goes! Die Postmoderne blicke janusköpfig in Vergangenheit und Zukunft zugleich. Tun wir das nicht alle? Hoffentlich.

S

Schickeria War es früher die abfällige Bezeichnung für den frivolen Teil besserer Kreise, wird es nun zum Schimpfwort für Menschen, die es angeblich schick finden, Räubern und Mördern zu helfen. Die „Kaviarschicht unserer Gesellschaft“ findet Systemkritik „schick“.

Klaus Rainer Röhl, Herausgeber der konkret, beschreibt die linke Schickeria in dem Roman Die Genossin und verwurstet darin seine Ehe mit Ulrike Meinhof. Der Bayerische Wald und Norderney sehnen sich in den 70ern nach Schickeria, aber ohne Schock. Die Düsseldorfer Schickeria möchte keinesfalls mit Helmut Kohl in einem Pariser Viersternelokal gesehen werden. Der Prozess gegen Schauspielerin Ingrid van Bergen nach tödlichen Schüssen auf den Finanzmakler Knath wird zum Schaulauf der Münchner Schickeria. Die wahre Schickeria ohne politische Allüren entsteht um den schönen Konsul Weyer, den Krupp-Erben, und Gunter Sachs. Enzensberger schreibt ihr 1979 in einer Molière-Übersetzung leichte, schöne Verse auf den schicken Leib.

T

Tomatisieren Das Wort hat nichts mit Aufbrezeln zu tun, auch nichts mit dem Versuch, üppige Fleischtomaten auszuhöhlen und in ihnen rohes Hackfleisch oder empfindliche Fischfilets und Muscheln zu garen. Das gelingt besser in robusteren Paprikaschoten. Wer der Miracoli-Jugend entsprungen ist, kennt den Plastikbeutel, in dem die fertige Tomatensoße darauf wartet, mit den mitgelieferten getrockneten Kräutern und einem etwas pappig geriebenen Käse vermischt zu werden, um so den heiß geliebten Nudelmischmasch zu veredeln.

Omas kommt in den 70ern zugute, dass das mühelos schnell zuzubereiten ist und den Enkeln schmeckt. Noch kommt hierzulande keiner auf die Idee, Tomaten die Haut abzuziehen. Die meisten Tomaten kommen aus holländischen Treibhäusern und sind fast geschmacksfrei, weswegen das Tomatisieren in der Regel nur darin besteht, den Soßen einen Batzen Marks oder Ketchups hinzuzufügen. Der Ruhm aromatischer Tomaten verbreitet sich nur langsam durch Italien- und Griechenlandurlauber.

U

Umdenken Es bezeugt Zweifel am bisherigen Denken (Postmoderne) und verspricht einen Richtungswechsel. Es soll für das Denken liefern, was Umgehungsstraßen für kleine Dörfer leisten: Zusammenstöße mit der Wirklichkeit oder leibhaftigen Menschen vermeiden. Aus ihm spricht leises Vertrauen in Magie, weil das Denken ohne „um“ nicht liefert, was von ihm zu erwarten wäre. Der Pfad des bisherigen Denkens steckt fest. Kein Wunder, dass das Wort bei Vordenkern der Ökologie, der Ökonomie und der Pädagogik beliebt ist.

Wer in unserem Jahrzehnt der 70er Jahre alles umdenken muss: Japan, die Physik, die Vereinsbosse, die Leser, immer wieder wir, der Wirtschaftsrat der CDU, Gemeindebamte, die Anleger, London, die Bodenrechtler, der Maschinenbau, Erben, NATO-Strategen, die FDP, Romanhelden, Untergebene, die Marketingleute (Indie), deutsche Autohersteller (Autopudding), die SPD, Kartellfreunde, die Kunden, die Jugend, der Geliebte (Lebenspartner), Jimmy Carter, Franz Josef Strauß, die Energiewirtschaft, die Bauherren, Werner Maihofer, Frankfurter Postler, die Bankiers, die IG Metall, die Gemeinden, Holland, die Skifahrer, die Fernsehzuschauer, Traditionalisten, der Kanzler, Forstleute (Waldsterben), die Männer, die Wirtschaftsberater, die Väter, Scheidungsunwillige, Konzilsmitglieder, alle Experten, die Gewerkschafter, Amerika, die Anspruchsgesellschaft, die Energieversorgung.

W

Waldsterben Es verdankt sich einer Giftmischung. In mittlerer Höhe wehen aus den Schornsteinen der Kohlekraftwerke Schwefeldioxidwolken heran. Darüber mischen sich die Autoabgase unter Sonneneinfluss zum Ozonsmog. Die Folgen des sauren Regens und des Ozonsmogs: 1984 sind über 50 Prozent der deutschen Wälder schwer geschädigt, abgesehen von der Verwüstung, die der real existierende Sozialismus im Wald des Riesengebirges anrichtet.

Das Rauchgas der Kohlekraftwerke kann mit Kalk „gewaschen“ werden, daraus entsteht Gips, von dem die Bauindustrie die Hälfte abnimmt. Die Industrie muss mit Drohungen motiviert werden. Reinigt sie die Abgase nicht, drohen pro Tonne Schwefeldioxid 2.000 DM Strafe. Was die Autoindustrie zur Reinigung der Abgase bei Exportautos seit 1974 kann, muss sie in Deutschland erst ab 1989 liefern. Neue Naturkatastrophen sind hausgemacht und brechen in Zeitlupe über uns herein. Die Erde hat keinen Notausgang. Kommt uns das bekannt vor?

Z

Zauberwürfel Er wird 1974 von Ernő Rubic erfunden, kommt 1980 auf den Markt und wird direkt „Spiel des Jahres“. Manche knacken ihn schnell, andere nie. Deshalb ist es keine gute Idee für Prominente, sich unvorbereitet mit ihm vor eine Kamera zu setzen. Wenn seine sechs Seiten je eine Farbe zeigen, ist das Puzzle gelöst. Das kann dauern. Sieben Sekunden oder viele Jahre. Zwei Jahre nach Markteinführung sind 100 Millionen verkauft. Der Würfel hat 26 Steine (auf unserem Foto ein paar mehr) und 43 Trillionen Ausgangspositionen. Einzelhändler hätten so etwas wie ihn gerne jährlich neu. Warum die Freude an ihm plötzlich nachlässt, ist ein ungelöstes Geheimnis. 30 Jahre später feiert er ein Comeback.

06:00 26.10.2019
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