Das Haus wurde dem Erdbeben gleichgemacht

Bachmannpreis Franzobel hat in der Klagenfurter Rede durch einen wunderbaren Versprecher das Leitmotiv des diesjährigen Bewerbs geliefert: "Das Haus wurde dem Erdbeben gleichgemacht."

Mogli in Wien

Den Auftakt machte heute morgen Karin Peschka mit einem Text, der Franzobels Versprecher wie bestellt wirken ließ. Peschka erzählt postapokalyptisch vom Überleben eines kleinen Kindes und eines Hunderudels. Was immer ihre Welt in Trümmer gelegt hat, aus denen sie herauskrabbeln, bleibt im Dunkeln. So heil, wie ihre Welt gewirkt haben mag, kann sie nicht gewesen sein. Zu viel familiäres Gewese um die Kontrolle der kindlichen Schließmuskeln, zu viel Zeichen, die seine Erziehung unter das Zeichen des Kreuzes stellen. Symbolisch überfrachtet kommt dieses Wiener Kindl daher. Das Wien der Erzählung ist ausgelöscht. Ob der Text es erlaubt, von einer Unschuld des Kindes als Ausgangspunkt einer neuen Weltreligion zu phantasieren? Daran gibt es Zweifel. Das wäre zu einfach. Und Hunde, das weiß jeder, haben eine so innige Beziehung zu Scheiße, dass Reinlichkeit in einer Kultur anthropo-kynischen Zusammenlebens keine Rolle mehr spielt, eher wirken posttraumatische Erinnerungen an untergegangene Rituale (Ausstellung unreiner Windeln des Kindls) wie ein Leitmotiv, das wegen Fortfalls der Geschäftsgrundlage (Ausrottung der Familie) selbst gegenstandslos geworden ist.

Unklar bleibt: Wer ist der Erzähler? Treffsicher lobt Juror Klaus Kastberger den Einstieg mit der Apokalypse, denn dann liege das Schlimmste hinter uns. So funktioniert mythisches Erzählen. Nur: was ist sein Platz in der Gegenwartsliteratur? Ist das überhaupt Thema für Karin Peschka? Dass ihr Text unentwegt vom Kindl redet, obschon diejenigen, die die Verniedlichungsform gebraucht haben mögen, längst dabei sind zu verwesen, gehört zu den Ungereimtheiten des Textes. Ihr Erzähler bleibt im Dunkeln. Der Text ist posthistorisch. Seine Apokalypse wirkt wie ein Durchgangsstadium in etwas ungefähr Bleibendes. Berechtigt ist die Frage, warum gerade Wien so gern zum Gegenstand von Untergangsphantasien wird. Ihre Vielzahl bezeugt die Resilienz der Stadt, der sich der Vernichtungswille auch dieser Autorin nicht gewachsen zeigt. Ihre Apokalypse bleibt nur halbgar. Literarisches Zerstören benötigte ganze Arbeit, um glaubhaft zu sein. Nicht plausibel wirkt auch die Wiederaufnahme hündischer Routinen, also die Frage, wie die Rangordnung im Rudel der Überlebenden hergestellt wird, und was der silberne Löffel des Kindes, der bekanntlich anderen Kindern von Geburt an im Mund steckt, für eine Schrumpffigur posthistorischer Klassenanalyse darstellt. Die Symbole teilen nichts mehr mit, und wenn doch, dann sind sie nur Schemen aus der untergegangenen Welt.

Eiskalter Abschied

Björn Trebers Text kommt typographisch daher wie eine aufgeblasene Todesanzeige. Der Text wirkt etwas tiefgekühlt, als sei er in der Kühlkammer eines Leichenschauhauses geschrieben worden. Ob „der Alte“ tatsächlich in der Gedenkhalle aufgebahrt ist, klingt so wegwerfend, als wolle der Erzähler das gar nicht wissen, als sei das egal, wenngleich er auf dem Weg dorthin ist. Konventionelle Halbsätze (wer denkt schon gern an den Tod?) werden auch dadurch nicht plausibler, wenn ihnen eine ungare Phantasie nachgeschoben wird (wer steigt belustigt hinein in einen vorgestellten Sarg?). Der Text gibt so etwas wie ein kaltes Protokoll. In ihm erklingt ein trotziges Bekenntnis der Liebe zum Dahingegangenen, denn Großeltern und ihre Enkel haben oft eine innigere Beziehung zueinander als die zu ihren Eltern. Da der Autor zum Autorenkreis der Manuskripte gehört, kann man ihm zurechnen, sich für die Kälte als paradoxes Stilmittel entschieden zu haben. Unter dem Eis ist aus der Ferne ein sehr leises Wimmern verborgen. Die Sepulkralkultur braucht kein Allgemeines (Feßmann), um zu diesem Besonderen zu gelangen. Die exzentrische Perspektive (Winkels) ist bewusst gesetztes Stilmittel. Die Kälte als Stilmittel lässt aber auch den Leser kalt. Der Text verarbeitet Intimität als Aussparung mit einem vergrößernden Blick auf Details als Erinnern daran, wie der Dahingegangene ausgesehen hat. Dass der Text Furor vermissen lässt (Winkels), kann ihm nicht als Schwäche angekreidet werden.

Madrigal

John Wrays Text ist ein anderer Fall. Extrem kunstfertig, vielstimmig, subtil und überdies in diesem austroamerikanischen Singsang vorgetragen, der seinen eigenen Sog entfaltet und dem Titel „Madrigal“ auch als Format gerecht wird. Stimmführung und wechselnde Perspektiven sind meisterhaft ineinander verwoben. In seiner Tonalität und Stimmführung bezeugt Wray weit zurückliegende und zeitgenössische Vorbilder wie Henry James und Don DeLillo. Auch Alan Hollinghursts letzter Roman „The Stranger´s Child“ kommt mir in den Sinn, schließlich auch Thomas Pynchons Roman „Bleeding Edge“ und eine Erzählung von William S. Burroughs „The Popling“. Es gibt da etwas, das very creepy daherkommt. Warum? Das bleibt abzuwarten, da der Text vermutlich ein Auszug eines Romans ist, den wir hoffentlich sehr bald zu lesen bekommen. Nach der so creepy wirkenden Episode findet der Text wieder zurück zum Telefongespräch zwischen Bruder und Schwester, das südstaatenartig beiläufig rauh daherkommt und gerade dadurch einen Ton für verzweifelte Geschwisterliebe findet, der sich hören lassen kann. Der einzige Text dieses ersten Tages, der Favorit für einen der Preise ist. Das sieht die Jury fast einmütig genauso („großes Vergnügen, einen Profi am Werk zu sehen, von dem auch die Jury etwas lernen kann“, sagt Klaus Kastberger dazu.

Unter ferner liefen

Die beiden Texte der Mittagslesung, von Daniel Goetsch „Der Name“ und von Noemi Schneider „Fifty Shades of Gray“, wirken im Vergleich dazu schwach. Goetsch verirrt sich in einem Stil, der vor 150 Jahren behutsam modern gewesen sein mag. Sein Romanauszug wirkt wie die vergebliche Nacherzählung eines schon halb vergessenen Films von Rainer Werner Fassbinder, den es nie gegeben hat.

Noemi Schneiders Reisegesellschaft stellt die Geschichte der letzten Jahre auf den Kopf. Ihre Baroness flieht aus Europa über See nach Marokko. Für dieses Leitmotiv bedient sie sich ertrunkener Flüchtlinge als fahler Pappkameraden. Der Text beruft sich auf eine Moral, die er nicht plausibel machen kann. Kastberger erkennt in ihm die biedermeierlichste Apokalypse, die er je gehört habe. Das stimmt.

Die 41. Tage der Literatur finden vom 5. bis 9. Juli statt. Unser Autor Hans Hütt bloggt exklusiv auf freitag.de aus Klagenfurt

18:45 06.07.2017

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