Exzentrischer Zentrist

Brandaktuell Der Typus des Störenfrieds befindet sich mitten im Establishment, das er „bekämpft“. Über „Puer robustus“ von Dieter Thomä
Hans Hütt | Ausgabe 50/2016 6
Exzentrischer Zentrist
Er reißt alle mit sich, das ist sein Versprechen: Alexander DeLarge (Malcolm McDowell) in „A Clockwork Orange“
Foto: Zuma Press/Imago

Alex ist alt geworden, aber alles andere als weise. Anthony Burgess, sein Erfinder, hatte ihm im 21. Kapitel von A Clockwork Orange auf den rechten Weg verholfen. Der amerikanische Verleger von Burgess glaubte allerdings nicht an Vernunft oder an die Idee moralischen Fortschritts. A Clockwork Orange sollte darum kein Kennedy-, sondern ein Nixon-Roman werden. Ohne einen Funken Optimismus. Deshalb bestand der Verleger darauf, das 21. Kapitel zu streichen. Und Burgess brauchte das Geld. So wurde sein Roman 1971 von Stanley Kubrick verfilmt, als finstere Dystopie blonder Bösewichte.

Man darf 45 Jahre später sagen: Die blonden Bösewichte haben es geschafft. Bald sitzt einer im Weißen Haus, ein anderer schon heute im Foreign Office. In den Elysée könnte 2017 eine folgen. Auch in Den Haag bereitet sich einer auf einen Wahlerfolg vor. Ein weißblonder Leaker studiert in der Londoner Botschaft von Ecuador die Rolle von Dr. Brodsky ein. Quentin Tarantino aber weigert sich, den Roman in dieser Besetzung neu zu verfilmen. Eine wünschenswerte Fiktion: Tarantino wechselt als hartgesottener Reporter zur Washington Post. Nur mit profunder paranoider Fantasie, das ist die Grundlage für seinen Vertrag mit Jeff Bezos, könnte es gelingen, das Übel abzuwenden. Mit dem Orangenmann wachsen zugleich die Gegenkräfte.

Das wäre die optimistische Variante. An der pessimistischen Variante hat der Philosoph Dieter Thomä viele Jahre gearbeitet. Seine fast 2.500 Jahre umspannende Spurensuche nach dem Störenfried in Literatur und Philosophie ließe sich angesichts der jüngsten Zeitgeschichte wie eine Voodoo-Operation lesen. Während der Philosoph den Stoff durchackert, reckt der Gegenstand seiner Studie, das finstere Wesen, in Zeitlupe die Glieder und bereitet sich darauf vor, erneut die Bühne der Weltgeschichte zu betreten.

Mit der Gefahr wächst, wenn nicht die Rettung, so doch das mögliche Verständnis für den Wiedergänger des Puer robustus, des kräftigen Knaben, der als geborener Störenfried die Macht erringt und die Ordnung auf die Probe stellt. Es sieht so aus, als orientiere sich der Orangenmann am finstersten Rollenmodell, so wie es Thomas Hobbes 1647 in seinem berühmten Text Vom Bürger beschrieben hat. Heute ist das störrische Kind ein alter Mann, der als strenger Daddy zur Nation spricht, der seine Wähler dazu animiert, der Vernunft zu entsagen und ihm als väterlichem Führer zu huldigen. Im Schatten des Orangenmanns lauert die Figur eines ewigen Jünglings, den Ovid im vierten Buch seiner Metamorphosen besingt: der große Bacchus, der Puer aeternus. Kein Wunder, dass der Economist fast ebenso weit in die Geschichte zurücktaucht und im Orangenmann einen Wiedergänger des Römer Crassus entdeckt. Voll krass!

Der restringierte Code des Störenfried-elect nimmt größtmöglichen Abstand von den geschliffenen hermetischen Diskursen der Politik. Der Orangenmann schlüpft in die Haut des Narren, überwindet die überkommene höfische Arbeitsteilung, verleibt sich alle Rollen zugleich ein. Er verdammt, er verspottet, er lobt, er heult in höchsten Tönen. Er tut das in einer blasenhaften Sprache, die von der chronischen Aufmerksamkeitsstörung des amerikanischen Medienbetriebs profitiert und an ein weiteres Rollenmodell erinnert, das der Autor Thomas Pynchon in dem Roman Vineland als thanatoid beschrieben hat: als todesnah. Unruhe ist für ihn erste Bürgerpflicht, sein täglich Brot, die Egozentrik die biografisch beglaubigte Masche, mit der er sich über Recht und Ordnung erhebt. Die Stereoskopie des Orangenmanns sieht tatsächlich nur eins: sich selbst, und hält es nicht aus, wenn ihm Fotos unter die Augen gelangen, die ihn aus einem künftig verbotenen Winkel zeigen.

Dieter Thomäs „Abenteuergeschichte“ des Störenfrieds liefert mit Fallstudien zu Hobbes, Rousseau, Diderot, Schiller, Marx, Freud, Horkheimer bis hin zu David Graeber das Besteck, um die Figur des Störenfrieds zu verstehen. Den Spuren des Schreckens zu folgen, durch den Schrecken hindurchzugehen und aus dieser Expedition begrifflich gekräftigt herauszutreten, das ist das beeindruckend eingelöste Versprechen dieses Buches.

Übergroßes Ich

Der Orangenmann durchkreuzt die vier Typen des Störenfrieds, die Thomä beschreibt: Er ist egozentrisch. Er stiftet Unruhe. Er wendet sich gegen das Establishment. Ob er sich tatsächlich gegen den Status quo wendet, bleibt abzuwarten. Ob ihm die Etablierung einer neuen Ordnung zu verdanken sein wird, daran gibt es Zweifel. Er macht schon vor Amtsantritt klar, wie er die Rolle des Präsidenten sieht: Er steht über dem Gesetz. Vielleicht wird er sogar nomozid und könnte durch die Selbstüberhöhung jede Idee von Recht und Ordnung zerstören.

Als Gegenkraft zu dem Mischtypus des Störenfrieds, die der Orangenmann verkörpert, kommen einem Störer der Ordnung in den Sinn, die um den Preis ihrer Freiheit oder ihres Lebens die neuen Instrumente der Macht und ihren Missbrauch aufdecken. Ihr Engagement steht in einer rebellischen Tradition, die die Gründungsväter der amerikanischen Verfassung im Sinn gehabt hatten, als sie ihr System von checks and balances ersannen.

Den Orangenmann müssen wir daher als exzentrischen Zentristen verstehen. Tatsächlich befindet er sich zeit seines Lebens mittendrin im Establishment, gegen das er sich in seiner Kampagne positioniert hat. Er tut erfolgreich so, als stünde er außerhalb der Stadtmauern. Jetzt aber ist der Barbar tatsächlich in der Stadt. Sein übergroßes Ich hat den Kraftschluss zu zahllosen kleinen Ichs out there vollzogen, die mit seinem Wahlsieg eine symbolische Selbstermächtigung erleben. Sie begeben sich inzwischen auf die Jagd nach den Phantomen, die er zum Gegenstand seiner Wahlkampagne gemacht hat, nehmen das Gesetz in die eigene Hand. Der erste Versuch eines solchen Schlägers, wie Horkheimer ihn beschrieben hatte, endete glücklicherweise mit einer Ernüchterung: Es gab keine Verschwörung. Was für ein Wunder der Selbsternüchterung!

Trumps Erfolg lässt sich deshalb als paradoxe Intervention verstehen. Mit dem Ruf nach Law & Order hat er die Unterstützung vieler Polizeigewerkschaften gewonnen, deren Kräfte er für die Aufrechterhaltung der Unordnung benötigt, die er in den kommenden Jahren zu etablieren verspricht.

Im Orangenmann vollzieht sich schließlich die Inversion des aufsässigen Kindes, das nicht mehr den Vater tötet, um mit der Mutter zu schlafen. Der sexistische Stolz des Kindes im alten Mann, so erkennen wir in ihm Rameaus Urgroßneffen, lenkt das (öffentliche) Begehren auf die eigene Tochter. Er kokettiert damit und stellt sich höchstselbst an die Schwelle zu ihrem Schlafzimmer, nicht als Wächter, sondern als Türöffner für das da draußen flottierende Begehren.

Der restringierte Code des Störenfried-elect lebt von der Bubble-Tea-Sprache des Entertainments. Zu seinen häufigsten Wörtern gehören terrific und tremendous. Mit der scheinbar einfachen Sprache eines ältlichen Kindes unterläuft er die Zumutungen der gesellschaftlichen Komplexität. Diese linguistische Maske ist ihm ins Fleisch gewachsen, sie macht ihn aus. In ihm verkörpern sich Autor, Schauspieler und Publikum zugleich. Präsentation und Repräsentation werden so eins. Keine guten Aussichten für die Gewaltenteilung. Symptomatisch aufschlussreich ist es, wie der Orangenmann die von ihm ausgehende Gefahr auslebt und zugleich einzuhegen scheint. Darin wirkt er wie der Feuerteufel, der den Feuerwehrmann an seine Seite holt, um das Entsetzen im Détail cinémascope zu genießen. Der Orangenmann ist zu groß, um zu fallen. Denn er reißt alle mit sich. Das ist sein Versprechen, sein Verplappern.

So macht es sich der Orangenmann an der Grenze zum nächsten Zivilisationsbruch gemütlich. Er bedarf keiner Rezeptivität für seine gesellschaftliche Umwelt. Sie verwandelt sich unter seinem Zugriff in einen rezeptiven Resonanzkörper für die Schocks, die er ihr zu verabreichen verspricht. „Wir sind es, auf die wir gewartet haben“, sagte Barack Obama am 5. Februar 2008 in Chicago. Darauf antworteten 2016 Trumps Wähler: „Wir sind die, auf die ihr nicht gewartet habt.“

Info

Puer robustus: Eine Philosophie des Störenfrieds Dieter Thomä Suhrkamp 2016, 715 S., 35 €

06:00 19.12.2016

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