Nixon is back

Großtat Im Alexander Verlag erscheint die erste vollständige Edition des Altmeisters Ross Thomas jetzt auf Deutsch
Nixon is back

Foto: Ben Zank aus der Serie „Suits“. Mehr Infos: siehe unten

Zwölf Jahre im Dienst der Regierung haben Decatur Lucas’ Moral geschmeidig gemacht. Dann sei wenigstens vorsichtig – die Story ist so verzwickt, wie man es von Ross Thomas erwarten darf. Ein Senator kommt zu Fall. Die Hintergründe der Story führen zurück zum Tag der bedingungslosen Kapitulation Japans im September 1945, einem Freudenfest der amerikanischen Geschichte mit Trunkenheit, Sex und Gewalt.

Selbst, wenn es nur das wäre, ist das so gut erzählt, dass man an dieses schöne Taschenbuch aus der Ross-Thomas-Reihe des Alexander Verlags gefesselt ist, wie man das sonst nur aus großartigen Filmen kennt. Das ist das zweite Geheimnis dieses Romans. Er überführt das filmische ins literarische Erzählen. Ross Thomas’ Roman liest sich wie das Drehbuch zu einem Thriller. An der Oberfläche geht es um diesen vorzeitig zu Fall gebrachten Senator Robert F. Ames. Im Hintergrund aber rauscht ein aufschlussreiches Schweigen.

Hubschraubereinsatz!

Anfang der 70er Jahre, als Thomas diese Story schreibt, sitzt Richard Nixon im Weißen Haus. Nach der Wiederwahl poppt der Watergate-Skandal hoch. Noch scheint unklar, wer alles mit drin hängt. Aber indem Thomas, ein einziges Mal in seinem Gesamtwerk auch mit Klarnamen, George McGovern als Kollegen erwähnt, der für die Demokraten gegen Nixon verloren hat, ist das auch ein Schlüsselroman zur Lebensgeschichte von Thomas. Der 1926 in Oklahoma City geborene Autor, der 1995 in Los Angeles starb, hat für George McGoverns Kampagne gearbeitet.

Nun aber sitzt er, 1971, verkleidet als Schnüffler Decatur „Deke“ Lucas (allein dieser Name!), in einem hübschen alten Haus auf dem Kapitolhügel von Washington, nahe zur Kongressbibliothek, schreibt seine historische Dissertation über einen französisch-amerikanischen Haudegen des 19. Jahrhunderts und soll für den gefürchtetsten Mann der Vereinigten Staaten einer Story nachgehen, die Monate zuvor den Senator zu Fall gebracht hat. Der Kolumnist Frank Size beauftragt ihn für 108 Dollar am Tag, die Story zu überprüfen, es ist Decatur Lucas’ 22. Job.

Die erzählte Zeit mischt sich mit der erforschten. Der Roman, das ist sein drittes Geheimnis, scheint für die erzählende Literatur den Überlegungen des Historikers Reinhart Kosellecks zu Geschichte – Ereignis und Erzählung (Poetik und Hermeneutik, Band V, 1970) zu folgen, die im gleichen Jahr erscheinen wie der Roman. Thomas denkt über Geschichte nach, wie sie – beziehungsweise ob sie – erzählt werden kann, nutzt dafür das Thriller-Format als Gegengift, das Decatur Lucas in der bittersüßen Melancholie bestärkt, dass sich Sehnsucht nach Sinn mit Einsicht in die Sinnlosigkeit des Unterfangens untrennbar mit einander vermischen. Dann erzählt der Roman auch noch eine Liebesgeschichte, die, wenn man bedenkt, wann er geschrieben wurde, in der Zeit der Blumenkinder und Hippies, die Liebe mit einem Schmollmund erzählt, wie ihn Katharine Hepburn ziehen konnte. Decaturs Liebe ist die freiberufliche Fotografin Sarah Hill, mit der und ihrem Sohn Martin Rutherford Hill er Haus und verwilderten Garten teilt.

Damit sind die Zutaten und das erzählerische Gerüst identifiziert, wäre da nicht noch ein Aspekt auszugraben, der die Story durchzieht wie ein gigantischer Phantomschmerz. Das ist bekanntlich ein Schmerz, der von abgetrennten Gliedern ausgeht. Sie erzeugen eine ohnmächtige Wut. In Decaturs, oder sollen wir sagen: in Thomas’ Perspektive handelt es sich um die Wut darüber, ob sich, und wenn ja, wie, reale Geschichte erzählen lässt. Mit welchen Hindernissen ist zu rechnen? Wie wären sie zu überwinden? Thomas scheint als Erzähler mit diesem Roman Anlauf zu dem Vorhaben zu nehmen, die Geschichte Richard Nixons zu erzählen. Der gestrauchelte Senator dient ihm als Fallmaterial, die dafür erforderlichen Techniken zu entwickeln und zu erproben. Wenn ihm die Lösung des Falls gelingt, wenn er seine Dissertation endlich abschließt, hofft er auf eine kleine Professorenstelle am Paramount College, womit er zugleich auch Hollywood noch eine mitgibt.

Nun aber der Reihe nach. Frank Size, der gefürchtete Kolumnist, entwickelt Zweifel an der eigenen Story, die den Senator dazu gebracht hat, zurückzutreten. Es geht um eine Rede, die er gehalten hat und für die ihm aus zweifelhafter Quelle ein Honorar von 50.000 Dollar, vielleicht auch nur 2.000 Dollar, zugeflossen sind. Für den Ehemann einer Multimillionärin sind das Peanuts. Warum macht er das? Was verbirgt sich hinter der Story?

Die Tochter des Senators verspricht Decatur Informationen, aber eine Napalmbombe hindert sie daran. Dass Napalm im Jahr 1973 in Washington, D. C. gegen Angehörige eines ehemaligen Senators eingesetzt wird, erinnert an den flächendeckenden Einsatz in Vietnam. Sind die Gegenspieler so furchtbar wie der Vietcong? Brauchen wir einen Hubschraubereinsatz? Es kommen weitere Mitspieler ins Spiel: die Witwe des Senators, ihr sehr männlicher Hausboy, ein ehemaliger CIA-Mann, der als privater Ermittler aber mehr darauf setzt, die Ermittlungen zu behindern, ein sehr hübscher Überlebender des Biafra-Krieges mit englischem Pass und ein Polizeileutnant, der die Freundin des Senators auch ohne Schürzchen auf der Stelle vernaschen will.

Schließlich erklingt, und das gleich auf der ersten Seite, auch noch die Filmmusik zu diesem melodramatischen Thriller: Thanks for the Memory gesungen von Bob Hope und Shirley Ross.

Der Roman ist gerade erstmals in vollständiger Übersetzung im Rahmen der Ross-Thomas-Gesamtausgabe des Alexander Verlags erschienen. Gisbert Haefs hat die Übersetzung von Jochen Stremmel durchgesehen. Das erneute Lesen bezeugt, dass es Bücher gibt, die sich auch wiederholt immer wieder erneut mit Gewinn zu lesen lohnen.

Info

Dann sei wenigstens vorsichtig Ross Thomas Jochen Stremmel (Übers.), Alexander Verlag 2018, 288 S., 16 €

Bilder des Spezials

Ben Zank wurde 1991 geboren, er lebt in New York City. Mit 18 entdeckte er die Fotografie, als er auf dem Dachboden seiner Großmutter eine Pentax ME Super fand. Eigentlich ist er Journalist, aber oft findet er mit der Fotografie besser zu seiner Sprache. Anzüge, das sind kühle Bilder voll monochromatischer Spannung, die ein diffuses Gefühl von Intrigen, Verlassensein und Ereignis hervorrufen. Die Figuren sind gesichtslos, anonym, ihre Aktionen choreografiert und undurchsichtig. Zank ist inspiriert vom Surrealismus René Magrittes, er verwendet die Symbole der Epoche – einen Hut mit breiter Krempe oder ein Fahrrad. Zu sehen ist eine Noir-Traumlandschaft, die Fragen nach der Art der eingesetzten Symbole aufwirft: Sind sie eine Allegorie? Zank sagt: „Jedes Bild ist ein eigener kleiner Roman, den jeder auf seine Weise lesen kann.“ Mehr Information auf benzank.com

06:00 24.11.2018

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