Schale Rache

Literatur Didier Eribon schrieb 1999 übers Schwulsein. Er fiel damals schon aus der Zeit
Schale Rache
Ob’s an der Optik liegt? Eribon haut öfter mit Schmackes daneben

Foto: Isolde Ohlbaum/laif

Kürzlich ist, wohl dank seines Erfolgs durch seine Rückkehr nach Reims hierzulande, ein Buch von Didier Eribon auf deutsch erschienen. Erstmals 1999 publiziert, wirkte es schon damals auf bedrückende Weise wie aus der Zeit gefallen. Damals starben HIV-infizierte schwule Männer wie die Fliegen. Es gab noch keine wirksame Standardtherapie. Die Gruppe Act Up entstand, über deren Kampf vor einigen Jahren der berührende Film 120 bpm bedrückend informierte. Die heutige Kombinationstherapie setzte sich erst ab dem Jahr 1996 durch. In dieser Zeit beginnt Eribon mit dem Buch, dessen Titel in der Übersetzung noch bizarrer als im Original klingt: Betrachtungen zur Schwulenfrage. Im Original heißt es noch Réflexions sur la question gay. Warum Suhrkamp sich statt der „Überlegungen“ für das verzopfte „Betrachtungen“ entschied? Es bezeugt Eribons Liebe zu Unzeitgemäßem.

Beleidigungen braucht keiner

Die Anspielungen auf Nietzsche und Sartre führen in die Irre. Sartres „Judenfrage“ befasste sich mit Antisemiten. Eribon untersucht einen Affekt der Kulturgeschichte, der kaum als „Frage“ gelten kann: Die unverhohlene Freude Homophober daran, Schwule zu beleidigen. Bei Eribon wird sie so überlebensgroß, dass hinter dem Popanz etwas verschwindet, das für ein glückliches Leben schwuler Menschen entscheidend ist: Wie sie ihr Begehren entdecken.

Das steht am Anfang, nicht das beleidigende Wort. Bestenfalls löst es ein Flimmern aus. Könnte ich damit gemeint sein? Ja, und es ist gut so, denn es lenkt den Blick auf etwas, was mir teuer ist. Sorgen um den Blick der Anderen sind Begleitmusik eines jeden Coming Outs. Manche lässt das kalt. Andere bedrückt es. Aber es ist keine „Schwulenfrage“, ein Wort, das so exotisch ist, dass es besser wäre, es nicht zu gebrauchen. Denn was ist eine Frage, auf die als Antwort nur das Lallen unserer Feinde ertönt? Eribon trifft mit seinem Titel mit Schmackes daneben. Der heute gern zur Schau getragene Stolz des „Gay Pride“ ist ein Umgehungstatbestand, mit welchem die Beleidigungen der Schwulenfeinde ihre Vorzeichen wechseln. Sie singen als fernes Echo, oder sollte ich sagen als Subdominante?, bei jedem Gay Pride March mit.

Eribon schießt über sein Ziel hinaus, wenn er Beleidigungen als konstitutives Merkmal schwuler Identität aufrüscht. Nicht die Beleidigung sagt mir, wer ich bin. Das schütteln wir ab. Ihr Schatten hängt ab vom Einfallswinkel des Lichts. Ich werde das Gefühl nicht los, dass bei Eribon die Sehnsucht nach zu großen Schuhen eine Rolle bei der Entscheidung zum Titel gegeben hat. Er kann aber in ihnen nicht laufen, sondern stolpert, mit erstaunlichem Fleiß, durch die Geistes- und Literaturgeschichte der letzten drei Jahrhunderte.

Bizarre Koinzidenz: Wenige Monate, bevor Eribon an diesem Buch zu arbeiten beginnt, hat in Deutschland der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann publiziert. Eribon kennt es nicht oder erwähnt es aus anderen Gründen mit keiner Silbe. Die zweieiigen Zwillinge sind schon vor der Geburt getrennt. Schade, weil beide Autoren in brillanter Hellsicht ihre kanonischen Texte lesen, Detering mit dem Vorzug, dass sein Leitbegriff des „offenen Geheimnisses“ eine andere Freiheit des Lesens ermöglicht, Eribon mit dem Nachteil, dass das Framing der Beleidigung die konstitutive Intensität des schwulen Begehrens hintanstellt und so über 622 Seiten helldunkel den Blick des Lesers trübt.

Dabei sorgt er auch für ein spätes Echo auf die frühen Arbeiten Judith Butlers, ein weiterer Grund, das Buch als seltsamen Findling zu empfinden. Und so boshaft es klingt, so bedrückend wird im Verlauf des Lesens immer klarer: Der Biograph Michel Foucaults scheint das Denken Foucaults nicht verstanden zu haben. Es aus Episoden seiner Biographie zu erklären greift zu kurz. Eribon eröffnet, 20 Jahre später, etwas rachsüchtig einen Nebenkriegsschauplatz, der zeitlich in den frühen 1970ern angesetzt werden kann, als um Guy Hocqhenghem und Christian Maurel eine radikale Schwulenbewegung in Paris auf das sentimentale Gesäusel der bürgerlich-liberalen „Association Arcadie“ antwortete. Mit schalem Stolz des Überlebenden singt Eribon seinen radikalen Gegnern ein höhnisches Requiem.

Bedauerlich schlecht lektoriert

Zu würdigen bleibt, trotz der Verzerrungen, trotz des schiefen Titels, trotz der späten Rache an wehrlosen Toten, dass Eribon eine Geschichte der Diskurse nachzeichnet, die auch dann zu reichem Ertrag führt, wenn der Leser seine Schlussfolgerungen nicht teilt. Das gilt für seine Lektüre von André Gide und Marcel Proust, keineswegs aber für das letzte Kapitel des Buches, in welchem er Leben und Werk Foucaults einen Bärendienst erweist.

Die Übersetzung ist bedauerlich schlecht lektoriert. Ein Lieblingswort Eribons, auch in seinem Twitterstream zu beobachten, heißt „néanmoins“. Ohne Aplomb übersetzt hieße es „trotzdem“ oder auch „dennoch“, immer wieder aber greifen die Übersetzer zum steilen „nichtsdestotrotz“. Im erfreulich umfangreichen Anhang wird aus „ein unaussprechliches Laster“ ein „namenloses Laster“.

Ein Appendix widmet sich HannahArendts Untersuchungen zu „diffamierten Gruppen“. Sie hat zeitlebens mit größter Irritation die amerikanische Segregation in den großen Städten und den Südstaaten beobachtet. Wie kann es anders sein bei einer geflüchteten Überlebenden der Shoah? In diesem Buch aber erzeugen diese letzten 14 Seiten den Eindruck, dass der Verfasser hinter sich selbst zurück gefallen ist. Warum? Weil er mit dem soziologisch undeutlichen Begriff der „Minderheiten“ Gemeinsamkeiten dort zu finden glaubt, wo es wichtiger wäre, auf die Unterschiede einzugehen. Auch das ist schade!

Info

Betrachtungen zur Schwulenfrage Didier Eribon Achim Russer/Bernd Schwibs (Übers.) Suhrkamp 2019, 622 S., 38 €

06:00 24.03.2020

Ausgabe 13/2020

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