Schläfst du noch oder liest du schon?

Literatur Die Buchkritik nähert sich der Überflüssigkeit. Die Kränkung sitzt. Aber es gibt Hoffnung und Perspektive
Schläfst du noch oder liest du schon?
Wie Sie sehen, sehen Sie Bücher

Foto: ZUMA Wire/Imago

Ein Mann mit Blindenarmbinde fuchtelt mit weißem Stock zum Schäferhund, der ihn hinter sich her zieht: „Wo soll’s denn hingehen, Hasso?“, japst er. So ähnlich sieht es aus bei Diskussionen zum Stand der Literaturkritik. Wo soll’s denn hingehen? Das betrifft alle Formate, im TV, im Radio, im Print, im Internet. Egal, ob sie am frühen Morgen wie bisher im WDR-Format Mosaik oder spät als Lange Nacht gesendet werden. Die Zahl derjenigen, die sie hören oder lesen, sinkt im Gleichschritt mit abnehmenden Einschaltquoten und Auflagen. Die Gesamtauflage der überregionalen Tageszeitungen (ohne Bild) liegt inzwischen bei unter 800.000 Exemplaren täglich. Das ist weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Meinungsmacht versiegt. Die Kränkung sitzt.

In Fachjournalen des Buchmarkts wird notiert, welche Titel in FAS und WamS besprochen werden, auch wenn es nur fünf Zeilen sind. Der Freitag hat hier noch mal einen besonderen Zugriff und bietet immer noch viel Raum für Literatur(-kritik). Das Marketing großer Buchverlage japst aber schon vor Freude, wenn Barbara zu einer Neuerscheinung eine halbe Spalte beisteuert. Es scheint noch deutliche Korrelationen zwischen Empfehlungen in Special-Interest-Titeln und Kaufentscheidungen zu geben.

Als der junge S.-Fischer-Lektor Klaus Wagenbach in den frühen 1960ern in Programmkonferenzen immer öfter das Wort „Lagerumsatzgeschwindigkeit“ hörte, war ihm das ein Graus, was zur Gründung eines bis heute erfreulich profilierten Verlags führte. Trotz der Auflagenrekorde einzelner Titel lehrt uns die Skepsis des manischen Lesers Arno Schmidt auch heute Realismus. Die Zahl der hartgesottenen Leser seines Romans Zettel’s Traum schätzte er mit einer Formel auf „dritte Wurzel aus Pi“. Pi stand für populus. Heute wären das 431 LeserInnen von 81 Millionen, das sind 0,0005 Prozent. So beziffert sich Bedeutungsverlust.

Die Kränkung derjenigen, die vom Kritisieren leben, sitzt tief. Elke Heidenreich tobte diese Woche im Deutschlandfunk über Sendezeiten, bei denen die Leute schon wieder schlafen. In den 1980ern des letzten Jahrhunderts verlangten die Radiomanager nach Durchhörbarkeit, egal was gerade kam. Das selektive Einschalten galt damals als Anfang vom Ende. Meine jüngsten Buchkäufe verdanke ich AutorInnen wie Gustav Seibt, Birthe Mühlhoff, Tobias Lehmkuhl und Ulrich Rüdenauer, die auf hohem Niveau eine Kritik zum Beispiel auf Facebook posten. Hoch selektiv ist das, gerade die Genannten sind auch ein Beleg für die Präsenz der klassischen Buchkritik.

Nach dem Verschwinden von Blogs starten in den USA neue Formate. Auch mit dem symbolischen Kapital von AutorInnen kehren diese Formate zu Formen des Vertriebs zurück, wie sie erstmals im 17. Jahrhundert in Mode kamen. Nun heißen sie Newsletter. Damals durfte das geneigte Publikum subskribieren. Das sind gute Aussichten für Menschen, die lesen, denken und schreiben können und die in den vergangenen Jahren in Publikumsmedien eine gewisse Anerkennung errungen haben. Die Plattform Substack macht es vor. Hier hören wir von Vorbereitungen zu ähnlichen Neugründungen. Vielleicht muss man hinzufügen, dass die Atmosphäre in manchen Verlagshäusern auch durch ein Genielüftle geprägt ist, das einst so gute Geister wie Hegel und Hölderlin in die Ferne trieb.

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06:00 13.02.2021

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