Sehnsucht spricht zu uns

Sachbuch Christian Maurel denkt, neu übersetzt, über das Begehren nach
Ausgabe 42/2019
Für den Arsch?
Für den Arsch?

Foto: Imago Images/Jochen Tack

Ein erstaunliches Buch. Eine rhetorische Übung. Sie umkreist das Nachdenken über das Begehren und seine gesellschaftlichen Verkürzungen, die sich, mit einem Abstand von 46 Jahren nach der ersten Veröffentlichung des Textes, wie eine mentale und orthopädische Gebrauchsanweisung lesen lassen, in der das Dehnen des Sinnes und der Leiber wie ihr Sehnen zusammenfinden.

Das Sehnen deshalb, weil die sexualpolitischen Diskurse unserer Zeit das Begehren in einem Gulag der Ideologiekritik versenkt haben und identitätspolitisch mehr Energie auf Zensur und Sprachverbote lenken, als dem Begehren gut bekommt. Es besetzt in den heutigen Diskursen einen ähnlichen Platz wie in der Epoche des Kolonialismus das Reden vom „dunklen Kontinent“, um den Preis, dass Dating-Plattformen und Videochats das Ausmaß vor Augen führen, das die repressive Entsublimierung heute erreicht hat. Der Illusion unbegrenzter Freiheit bleibt die Einsicht verwehrt, wie totalitär die Unterwerfung unter das Spiel von Angebot und Nachfrage inzwischen geworden ist.

Für den Arsch erinnert daher in seiner Rhetorik an eine Zeit, in der das Reden von Revolution vielleicht deshalb so geschmeidig wie aufsässig klang, weil ihre Praxis im Kerker der doktrinären politischen Formationen längst eingehegt war. Maurels Diskurs widersetzt sich den Doktrinen und nähert sich in zwölf Kapiteln der unausgesprochenen Einsicht, wie vergeblich und wie nötig dieses Begehren und das Reden darüber bleiben und geblieben sind.

Der Text schreit danach, ihn aus dem Gefäß sexualpolitischer Diskurse zu befreien und ihn auf die Bühne zu bringen. Ich träume von einer Szenografie, die in ihrem Bilderstrom herauszufinden versucht, was die Körper beseelt und wie die Seelen nach Verkörperung schreien. Es kann keine Huldigung, kein Tanz wie einst um das Goldene Kalb sein. Kein Götzendienst wird der Sehnsucht gerecht, die aus diesem Text zu uns spricht, als hätte Maurel das Manuskript in einer Flasche verkorkt in den Atlantik geworfen, bis es nun als Flaschenpost endlich wieder zu uns gefunden hat.

Ich muss diesen Hinweis um eine Selbstauskunft ergänzen. Als Lektor und Verleger habe ich die erste Übersetzung 1980 in einer Anthologie im Verlag rosa Winkel herausgegeben, die Wolfgang Müller (später als Tödliche Doris berühmt geworden) um ein Brettspiel und der brasilianische Künstler Arlindo Daibert um eine Bilderserie unter dem Titel Fragmente eines Diskurses der Liebe ergänzten. Einige Jahre später kam es zu einem Strafprozess. Als Gutachter kam Helmut Kentler zum Schluss, das Buch sei nicht als jugendgefährdend einzuschätzen. Das Gericht folgte dem Gutachten.

Die neue Übersetzung durch Tobias Haberkorn ist leichtfüßig und elegant. Sie vermeidet die hermetischen Adaptierungen der französischen Rhetorik, die manche Veröffentlichungen der 70er und 80er so unlesbar gemacht hatten. Woran liegt das? Worin lag die irrtümliche Annahme, nur um den Preis des hermetischen Redens sei die Freiheit des Denkens zu verteidigen? Es lag nicht an irgendwelchen sprachlichen Schwächen der Übersetzenden, wohl aber an einer Unterwerfung unter das Regime einer Rhetorik, die ihre Unverfügbarkeit unter jedwede Form der Macht durch das verschlossene Gefäß der Sprache zu verteidigen versuchte. Der Text wurde viele Jahre irrtümlich dem Autor Guy Hocquenghem zugeschrieben, der kürzlich eine leider missglückte Wiederauferstehung im deutschen Sprachraum erlebte, missglückt, weil es dem von Heinz-Jürgen Voß herausgegebenen Band Die Idee der Homosexualität musikalisieren sowohl an der Musik als auch an der Rhetorik mangelt, um Hocquenghems Denken auch nur näherzukommen. Peter Rehberg hat der Wiederveröffentlichung von Maurels Text ein kundiges Nachwort beigesteuert.

Info

Für den Arsch Christian Maurel Tobias Haberkorn (Übers.), mit einem Essay von Peter Rehberg, August Verlag 2019, 144 S., 14 €

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