Tag des Zorns

Geschichte Mathieu Riboulets Roman „Und dazwischen nichts“ ist ein Lamento auf die Opfer der Jahre 1967 bis 1989
Tag des Zorns
Begehren und Aufstand: Am 19. Juni 1982 findet in Paris die erste französische Gay Pride Parade statt
Foto: Gamma-Keystone/Getty Images

Was ist das für ein wüster Klagegesang! Er umkreist und beklagt die Toten: Benno Ohnesorg, Aldo Moro, Pier Paolo Pasolini, die Opfer des deutschen Herbstes, der italienischen Roten Brigaden und der Neofaschisten, Arbeiter abgeknallt wie räudige Hunde im Staub der Straßen. Zugleich stimmt Mathieu Riboulet den Klagegesang an für den krepierenden Geliebten Martin. In der Nacht der Maueröffnung stirbt Martin in Paris an den Folgen von Aids, von den bigotten Eltern verstoßen, seit Wochen schon sprachlos, aber mit aufgerissenen Augen, durch die er wie durch einen Tunnel den Blick aus der Vorhölle des elenden Sterbens zurück bahnt in die Geschichte ihrer Liebe.

Im Mai 1968 waren sie noch zu jung für die Aufstände der älteren Brüder, aber alt genug, um sieben Jahre später auf den Spuren des FHAR (Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire) ihr wildes Begehren zu leben. Was ist das für eine Kluft, die sich auftut, sie zu verschlingen, während die Welt ihren wahnwitzigen Lauf fortsetzt? Wie gelingt es Riboulet, diese Kluft offen zu halten, was bewegt ihn dazu?

Keine Außenseiter

Der Aktivist, Filmemacher und Romancier hat sich dazu entschieden, ein Requiem anzustimmen, das die liturgische Bitte um ewigen Frieden verwirft und für seinen dies irae, den Tag des Zorns, einen Ton abgrundtiefer Trauer findet. So wie Riboulet Geschichte schreibt, findet er einen Weg, der dem irrwitzigen Lauf einer Flipperkugel gleicht, denn er und sein Geliebter Martin sind es, die beweglich sein und überall anstoßen und nicht vom Abgrund verschlungen werden wollen.

Sie sind keine Außenseiter. Das kann nur schreiben, wer sie dazu erklärt. Sie leben im Leib der gesellschaftlichen Maschine im Wissen darum, jederzeit von ihr verschlungen werden zu können. Dieses Bewusstsein bleibt ihnen vorbehalten. „Die Stunden schlagen nicht für alle gleich.“ Für sie stellt sich nicht die Alternative, ein Teil des Problems oder seiner Lösung zu sein. Dass es dazwischen nichts gebe, wie Ulrike Meinhof nach dem Tod Benno Ohnesorgs schrieb, beschreibt in der Tradition eines existenziellen Denkens den Ort, von dem die nicht endende Tobsucht, die Riboulets Text durchzieht, ihren Ausgang nimmt.

Das Nichts wird so zum unbehausten Zuhausesein in porösen Kavernen einer wahnsinnigen Welt, das Verlangen zum Treibanker des eigenen Laufs im Leib der Maschine. In Nachfolge des FHAR versteht Riboulet das sexuelle Verlangen wie eine dem Körper eingeschriebene Übersetzungshilfe für das Verständnis der Welt, in der er lebt. Sie verhilft ihm zu einem Selbstbild des Aussätzigen, der Gesellschaft und Geschichte anders erzählbar macht.

Der seine Lebensgeschichte prägende Augenblick ist eine Busfahrt über den Pont Billancourt. Im Bus macht ein arabischer Renault-Arbeiter den 14-Jährigen an. Er folgt diesem bis zum Eingang einer Klappe, geht aber nicht weiter. Das ist der Startpunkt, der dem Verlangen seinen Platz lebenslänglich bewahrt. Das dem Buch vorangestellte Leitmotiv ist von Saint-Just: „Diejenigen, die die schlimmsten Verbrechen überleben, sind zur Wiedergutmachung verurteilt.“ Das französische „réparer“ klingt anders, es bewahrt die Spuren des Versehrten.

Der Zeitraum, den Riboulet durchmisst, reicht vom Jahr 1972, in dem der Zwölfjährige mit seinen Eltern im Sommer nach Polen fährt, bis zum Tag der Maueröffnung im November 1989, dem Tag, an dem sein Freund Martin an Aids stirbt. Sein erzählerisches Geheimnis besteht darin, die Geschichte nicht vergehen zu lassen.

Das verbindet Riboulet mit den Autoren eines Essay-Bandes, den die Edition Récherches 1973 unter dem Titel Trois Milliards de Pervers veröffentlichte. Zu den Autoren gehörten unter anderen Gilles Châtelet, Gilles Deleuze, Félix Guattari, Michel Foucault, Jean Genet, Guy Hocquenghem und Jean-Paul Sartre. Kaum ein Jahrzehnt, nachdem die Leichen ermordeter Araber die Seine hinabtrieben, besingen die Autoren die Liebe zu diesen. Alle Texte der Anthologie blieben anonym. Es bleibt linguistischer Forensik überlassen, 44 Jahre später einzelne Texte dem Korpus ihrer Autoren zuzuordnen. Als Mathieu Riboulet kürzlich seinen Roman im Berliner Buchladen Prinz Eisenherz vorstellte, kam das Gespräch auch auf diesen Band. Es muss für den 14-Jährigen wie eine Offenbarung gewesen sein, für den 54-jährigen Autor wie ein Triebanker im Raum des Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens.

In den frühen Jahren der Aids-Epidemie kam es zu herzzerreißenden Szenen, wenn die Familien der todkranken Liebhaber den Freunden Besuche im Krankenhaus verboten, sie vor die Tür der gemeinsamen Wohnung setzten und ihren Besitz auf den Müll warfen. Pier Vittorio Tondelli, der auch so früh an Aids gestorbene italienische Autor, hat darüber in einem ähnlichen Ton wie Riboulet geschrieben. Kein Wunder, dass es kaum eine Seite gibt, auf der Riboulet nicht den Tod der Dahingegangenen und Ermordeten vergleicht mit dem Tod eines Hundes auf der Straße. Wir sind überlebende Hunde, kein schlechter Ausgangspunkt für das desillusionierte Nachdenken und Schreiben in der Welt von heute.

Wie ein Hund

Deswegen kann Riboulet den historischen Bogen seines Buchs bis zu seiner Urgroßmutter und ihrer Erinnerung an die ermordeten Kommunarden von 1871 ausdehnen. Mit der Erinnerung an Morde in Deutschland, Frankreich und Italien durchzieht das Buch eine europäische Melancholie. Anders als die nationalen Geschichtsschreiber und die blinden Flecken ihres Erzählens findet Riboulet dafür einen Ton des Erbarmens, der die Unversöhnlichkeit der bleiernen Jahre überwindet, ohne darüber sentimental zu werden oder die linksradikalen Kasperl, wie er sie nennt, irgendwie posthistorisch zu heroisieren.

Der junge Mathieu schlug sich zeitweilig auf ihre Seite, aber es waren eher die Geste des Aufstands und die Chance der Liebe in ihrem Windschatten, die den Erzähler bewegt haben, ein Geist lüsterner Brüderlichkeit, der ihn mit Pasolini verbindet. Mikropolitisch erhebt er damit die Unhintergehbarkeit des Körperlichen in eine andere Dimension jenseits politischer und moralischer Zwänge, findet eine Idee für die Möglichkeit ihrer Freiheit, die sie davor bewahren möchte, in einem Krankenhausbett zu verschimmeln oder aus einem Fenster geworfen zu werden, wie er vor zwei Jahren in einem Interview erzählte. So beschwört Riboulet einen Geist der Freundschaft, der Jahrhunderte der Revolution bis zum unsichtbaren Komitee dieser Zeit überspannt.

Die Namen der von Riboulet wie eine Litanei immer wieder angestimmten Toten in Deutschland, Frankreich und Italien erinnern an die politischen Opfer der Jahre 1967 bis 1989. Sie als Dahingegangene eines nicht erklärten europäischen Bürgerkriegs zu verstehen, bahnt der Idee eines anderen neuen europäischen Gründungsaktes den Weg in unsere Gegenwart. Europa wird als Festung nicht bestehen, wohl aber als Zuflucht für die Davongekommenen. Manche wissen es noch nicht oder wehren sich dagegen, weil sie sich auf sicherer Seite wähnen. Insofern lese ich Riboulets Buch wie ein desillusionierendes Gegengift.

Info

Und dazwischen nichts Mathieu Riboulet Karin Uttendörfer (Übers.), Matthes und Seitz 2017, 218 S., 20 €

06:00 06.09.2017

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