„Als wäre er bei Fremden“

Winnenden Sein Sohn Tim hat bei einem Amoklauf 15 Menschen und sich selbst erschossen. Nun steht Jörg Kretschmer vor Gericht

Jörg Kretschmer hat viel geleistet, sein Leben war eine Erfolgsstory. Bis zum 11. März 2009. An diesem Tag wurde sein Sohn Tim in Winnenden zum Schul­-Amokläufer. Nun wird vor dem Landgericht Stuttgart der Prozess gegen den Vater eröffnet. Wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz – die Pistole, mit der die Bluttat begangen wurde, hatte der 51-Jährige fahrlässig im Schlafzimmer aufbewahrt. Um seine Familie zu schützen, wie er es bei der Polizei ausgesagt hat. Es hat viele Familien zerstört.

Jörg Kretschmer ist der Vater eines Mörders. Was ist sonst an ihm interessant? Er stammt aus kleinen Verhältnissen, geht zur Hauptschule und in die Lehre, kämpft sich strebsam nach oben, wird wohlhabend. „Wir unterstützen Sie bei der Steigerung der Produktivität, helfen Ihnen, Ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern“, steht auf der Homepage seines Unternehmens in Affalterbach nahe Marbach. Produktivität und Wettbewerb, ein Motto nicht nur der Firma, sondern auch von Kretschmer persönlich. Das Ergebnis: eine ansehnliche Villa, gesichert mit Alarmsirenen, davor ein Porsche. So wohnt ein Mitglied der Leistungselite. Die Familie mit den zwei Kindern ist aktiv im örtlichen Sportverein, den Kretschmer sponsert. Seine Frau Ute hilft in der Firma. Beide sind viel beschäftigt.

Doch das bürgerliche Idyll hat eine dunkle Seite. Jörg Kretschmer rüstet auf. Er besitzt 15 legale Schusswaffen, darunter großkalibrige. Er lagert 4.600 Schuss Munition, eine Beretta-Pistole liegt immer schussbereit. Das Projektil einer solchen Waffe fliegt zwei Kilometer weit, es durchschlägt Ziegelwände. Sein Sohn wird sie an jenem Märztag im Jahr 2009 benutzen. Ins Schießen ist Kretschmer offenbar verliebt. Gelegenheit bietet ihm der Schützenverein, Tim ist ab und zu dabei.

Privater Rüstungswahn

Worauf Kretschmers privater Rüstungswahn zielt, wird deutlicher, wenn man auf seinen Sohn schaut. Tim ist ein weiches Kind, in der Pubertät wird er rundlich. Ein lieber Junge, sensibel, aber offenbar zunehmend geplagt von schlimmen Gefühlen. Depressionen, ein Hass auf die Welt, Lust auf Bilder von gefesselten Frauen, Tötungsphantasien. Er fühlt sich zurückgesetzt durch seine jüngere Schwester, die schulisch erfolgreicher ist und vorzeigbarer. Ausgerechnet ein Mädchen!

Für Jörg Kretschmer, den Vater, sind das Innenwelten, die nicht in sein Konzept passen, von denen er – wie auch die Mutter – nichts wissen will. So recherchiert der Sohn selbst im Internet über psychische Störungen. Ein Jahr vor dem Amoklauf regt er an, sich psychiatrisch untersuchen zu lassen. Einige Termine werden wahrgenommen. Doch dann versandet dieser Anlauf.

Stattdessen wird bei den Kretschmers weiter aufgerüstet. Der Vater erwirbt mehrere Softair-Waffen, Druckluft-Schießgeräte, die er sichtbar im Zimmer des Jungen drapiert. Für ihren Sohn ersteht die Mutter Filme und Killerspiele für den Computer, die ihm selbst wegen der Altersbeschränkung noch nicht verkauft werden dürften. Vater und Sohn decken sich gemeinsam mit 1.000 Schuss Munition ein – ein Geschenk für Jörg Kretschmer zum 50. Geburtstag, so hieß es später.

Fixierung auf Erfolg und Leistung

Doch reicht das alles nicht. Aus Tim soll ein Mann werden, aber er bleibt ein Problemfall. Er ist ein mäßiger Schüler, sozial eher isoliert, er hat keine Freundin. Für den Vater muss dieser mädchenhafte Junge eine einzige Beleidigung seiner Männlichkeitsphantasien gewesen sein, seiner eigenen geleugneten, weil ach so normalen psychischen Störung: einer besessenen Fixierung an Erfolg und Leistung. Aber wenigstens Tischtennis spielt der Junge und das gar nicht schlecht. Er gewinnt sogar Preise, der Vater treibt ihn an. Wird er Champion, erfolgt großes Lob und Tim bekommt Geld. Wird kein Sieg eingefahren, droht Liebes­entzug. Doch aus der Sicht des Vaters bleibt der Sohn auf der Verliererseite.

In welcher Welt lebt dieser Vater eines Mörders? Es gibt nur eine Antwort: in der unseren. In der sind Väter emotional und auch physisch oft abwesend. Wie sollten sie auf den Gedanken verfallen, dass sich Söhne nach Liebe, Nähe und Anerkennung sehnen? Tims Mutter Ute hatte Krebs. Das Verhältnis des Sohnes zu ihr wird als emotionslos geschildert. Mitschüler, die bei der Familie Kretschmer zu Hause waren, beschreiben die Atmosphäre als sachlich und kühl. Der Sohn habe sich gefühlt „als wäre er bei Fremden“. Jörg Kretschmer und seine Familie als Zwangsanstalt zur Vermeidung böser Gefühle? Abstiegs­angst, Furcht vor der Zukunft, das Durcheinander einer Pubertät, die Krankheit der Mutter – all das musste draußen bleiben. Und wie um Himmels Willen soll der Sohn dem Vater beweisen, dass er ein Siegertyp ist?

Der Wert des Redens

Tim hat in Winnenden 15 Menschen und schließlich sich selbst erschossen. Vater Jörg Kretschmer steht nicht vor Gericht, weil er Beihilfe zu gezielter Tötung geleistet hätte. Lediglich wegen des fahrlässigen Umgangs mit seinen Waffen. Trotzdem kann man ihn sich nur als gebrochenen Mann vorstellen. „Die Familie hat alles verloren: Ihr Kind, ihr Haus und ihre Heimat“, sagte der Winnender Bürgermeister Jürgen Kiesl, als die Familie den Ort im vorigen Jahr verließen. Bis auf eine kleine öffentliche Stellungnahme haben sie bisher geschwiegen.

Dabei wäre es doch so wichtig, sie würden reden. Denn was bei den Familie Kretschmer schief lief, ist typisch für die familiäre Problematik von Schul-Amokläufern überhaupt. Und was bei Schul-Amokläufern typisch ist, findet sich weit verbreitet in einer Gesellschaft, deren Produkte sie sind.

Hans-Peter Waldrich berichtete im Freitag 24/2010 über Bemühungen der Winnenden-Opfer, die Waffengesetze zu verschärfen. Er ist Autor von In blinder Wut. Amoklauf und Schule (PapyRossa)

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15:25 17.09.2010
Geschrieben von

Hans-Peter Waldrich

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gill-bost | Community