Hans-Peter Waldrich

Aller Beschreibung spottend.
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RE: Schmaler Grat ins Leben | 14.12.2010 | 20:25

Nun erreicht mich per Mail ein Leserbrief, der mir Angst machen könnte, wenn die Absenderin (eine Mutter, die als Physikerin arbeitet) wüsste, wo ich wohne. Da ist von "Schmierenjournalismus" die Rede und meiner betonten Absicht, Frauen sexistisch wieder zu "Muttertieren" zu degradieren! Dem Freitag wird angedroht, ihn nun rechts liegen zu lassen.
(Also, was mich angeht, so stehe ich links vom Freitag, das nur am Rande.) Und ansonsten: Es ist gnadenlos, welch gewaltige Emotionen in so einem Thema stecken! Kaum werden (so guts in ner Zeitung halt geht) Ergebnisse von Studien berichtet, ensteht der Pulverdampf eines Schlachtgetümmels. (Dabei hab ich ja bloß Studien referiert, die - ich gebs ja zu - bis auf eine davon nicht so neu sind und für jeden Fachpsychologen schichtes Basiswissen.)
Aber nun mal gesellschaftliche gewendet: Ist es so ganz unmöglich, zur Kenntnis zu nehmen, dass in aller Regel der weibliche Teil der Menschheit bereits im eigenen Leib eine enge B e z i e h u n g zur Leibesfrucht aufbaut, die sich augenblicklich nach der Geburt folgenreich fortentwickelt? Wen sollte man für diese Festestellung prügeln müssen? Und ist jemand, der es mitteilt, ein Sexist?
Noch einmal: frühe Bindung (man braucht sie auch nicht unbedingt als "Liebe" zu bezeichnen) ist nach allem was wir bislang wissen, offenbar eine der stärksten Einflussfaktoren der Persönlichkeitsentwicklung. Das wars was gesagt worden war und kaum mehr.

RE: Schmaler Grat ins Leben | 11.12.2010 | 09:57

Der Beitrag hatte schon redaktionell Stirnerunzeln hervorgerufen. Man sollte ihn eigentlich nur lesen dürfen, wenn man zunächst einmal normative Fragen von empirischen sauber zu trennen bereit ist. Weshalb? Die psychologische Bindungsforschung gehört unterdessen mit zu den am besten abgesicherten Bereichen der Psychologie. So weit Psychologie überhaupt so etwas verfügen kann, handelt es sich hier einfach um Fakten.
Aber: Für mich gibt es auch einen normativen Anteil, der mich eigentlich zu diesem Artikel bewogen hat. Immer deutlicher ist nachweisbar, in welchem Ausmaß Menschen Wesen sind, die auf Liebe angewiesen sind. Liebe ist fast schon ein Teil ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit und ihrer Lebenserwartung. Aus den sentimentalen Bereichen romantischer Empfindungen hat sich das zu einem harten Faktum der Wissenschaft entwickelt, was übrigens auch für die Stressforschung gilt.
Daraus könnte man nun eine ganze Menge gesellschaftliche Konsequenzen ziehen – natürlich auch die Konsequenz, den Vätern eine ganz andere Rolle zuzusprechen oder vielleicht auch die Konsequenz, an die Stelle der Kleinfamilie andere Formen des Zusammenlebens zu etablierten. Nur eben: ohne früh vermittelte Liebe und Bindung geht es nicht!!

Zum Thema selbst gibt es eine Menge Literatur. Ich empfehle vor allem als soziologisch vernetzten guten Überblick: Christel Hopf, Frühe Bindung und Sozialisation. Eine Einführung, Weinheim und München 2005

RE: Direkte Demokratie als Hamburger Klassenkampf von oben | 20.07.2010 | 11:34

Lieber j-ap,
natürlich hat das, was du mir hier unterstellst, nichts mit meiner Auffassung zu tun und schon gar nicht mit der Position der "Aktion Humane Schule e. V. "
Demokratie hat auch was mit dem Aushalten von Spannungen und Widersprüchen zu tun. Demokratie ist zunächst eine "Form". Ihr formales Ergebnis ist immer zu respektieren (jedenfalls solange es die Grund- und Menschenrechte beachtet). Aber i n h a l t l i c h können der Vorgang der Abstimmung wie auch das Ergebnis durchaus beklagenswert sein. Eine solche Klage ist braucht noch lange keine Option für die Diktatur zu sein.

RE: Zehn Minuten Psychose | 11.03.2010 | 16:11

Lieber Herr Leusch,
also noch einmal: zu suggerieren, Psychotiker, Schizophrene etc. seien gewaltsamer als andere Menschen, war natürlich nicht meine Absicht. Das trifft schon eher den von mir zitierten Autor Langmann. Die These der "Zehnminuten-Schizophrenie" und auch der Hinweis auf das anschließende "Aufwachen" stammt vom Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp (Nebenrealität, Jugendgewalt und Zukunftsangst, 2009). Und die folgenden, von Ihnen oben notierten Sätze geben genau meine eigene Position wieder. Sie schreiben, es wäre "am Ziel vorbei, zu behaupten, Amoktäter seien überwiegend Schizophrene. - In der Regel wird genau das Gegenteil zutreffen." Genau das, denke ich mit Gründen, ist richtig.

Ich selbst bin kein Psychiater, bin aber genötigt, zur Erforschung des überaus komplexen (und alle Fachgrenzen sprengenden Problems) auf Psychiatrisches zuzugreifen, nach bestem Wissen und Gewissen. Sofern Sie, Herr Leusch, auf diesem Feld, wie es ganz offenbar der Fall ist, Nützliches beitragen können, würde ich mich freuen, wir kämen in Kontakt. Unter meinen Freunden befinden sich zwar Psychoanalytiker, die mir Rückmeldung geben, aber keine Psychiater. Soviel in Eile. Mit Gruß Hans-Peter Waldrich
h.p.waldrich@web.de

RE: Zehn Minuten Psychose | 11.03.2010 | 14:45

Auf keinen Fall sind "Psychotiker" gewalttätiger als "Gesunde"! Ich hoffe nicht, dass eine solche Aussage unabsichtlich in meinem Beitrag steckt. Sehr interessant ist yaars Hinweis, Psychosen seien Stressreaktionen. Die Verhaltensweisen von Schulamokläufern sind nämlich genau das: Reaktionen auf unerträgliche Vereinsamung bei gleichzeitigem Druck von allen Seiten. Die in dieser Lage entstehende Angst ist zugleich extremer Stress. Gegenwärtig besteht aber die Tendenz, Schulamokläufe durch ein kranke Veranlagung zu erklären. Überspitzt ausgedrückt: es würde mich nicht wundern, wenn man demnächst ein Gen für Schulamokläufe entdeckt. Die Konsequenz könnte darin liegen, den ungeheuren Stress, den die neoliberal zugerichtete Gesellschaft produziert, auszublenden und potentielle Täter in die Psychiatrie abzuschieben. So schrieb Andrian Kreye einmal in der Süddeutschen Zeitung: "Es gibt nur einen einzigen Grund für einen Amoklauf: die Pathologie des Täters". (18.04.07) Das ist falsch.

RE: Auch die Großen lernen noch | 12.07.2009 | 10:04

Ich will zunächst zu „goch“ Stellung nehmen: Die eigentliche Spezialistin für die Fragen inklusiver Erziehung und auch die diesbezügliche UNO-Konvention ist Brigitte Schumann, die auch das Buch „Ich schäme mich ja so“ geschrieben hat, das sich mit solcher Thematik befasst. Einschlägige Infos von Schumann befinden sich auch im Internet.

Der Kritik von „walkie“ an meiner Darstellung kann ich Punkt für Punkt beipflichten. Die Grenzen einer Wirklichkeitswahrnehmung und auch Wirklichkeitsdarstellung in einem kurzen Artikel sind mir voll bewusst, aber schier unübersteigbar.
Beispiel: Die „parkähnliche Umgebung“, die der Integrativen Waldorfschule Emmendingen als Schulhof dient, - sie gehört zum Parkt der dortigen Psychiatrie, auf deren Gelände die Schule steht. Hätte ich das benennen müssen?
Gleichwohl fragt es sich bei meinem Artikel und auch denjenigen Reinhard Kahls: Handelt es sich um „Poesien“, also um Idyllisierungen und damit um Ideologie? Enthalten solche vielleicht nicht zur allerletzten Gänze realistischen Darstellungen nicht auch ein Stück positive Utopie, so wie es die Leserin „goch“ (siehe oben) und übrigens auch ich selbst aufgefasst haben?
Dennoch: Die von „walkie“ angemerkten Verwerfungen existieren tatsächlich: nämlich eine heillose Verwurstelung reformpädagogischer Ansätze mit den in ihrer Konsequenz restlos ökonomisierten Zielen von Bertelsmann, McKinsey und Konsorten! Ein arges Problem. In einem demnächst in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ erscheinenden Aufsatz über die schulpädagogischen Ziele der Bertelsmann Stiftung habe ich das ganz im Sinne von „walkie“ herausgearbeitet.
Im Übrigen hatte ich nicht das Gefühl, dass Bertelsmann in Emmendingen viel zu sagen hat.

Noch eins: „walkie“ hat ein „grundsätzliches Textmisstrauen“. Solches ist mehr als gesund! Die Übertreibung beginnt erst dort, wo es jemanden davon abhalten sollte, einmal selbst hinzusehen. Das lohnt sich sogar bei Reinhard Kahl und den Schulen, zu denen er Texte und Filme macht. Denn diese Schulen sind um Meilen besser als die konventionellen.

RE: Der Allmächtl von Amstetten | 22.03.2009 | 19:22

Kann Quenzel (Kommentar vom 16.03.) über Hitler, wie er sagt, nichts herausbringen, dann hat er sich nicht bemüht. Aber "bemühen" will er sich ja nicht. Oder will er damit seine moralische Verachtung ausdrücken.? Das tut er zu Recht.
Zu Unrecht wirft er aber Schandel verblasene Ironie vor. Schandel zeigt sehr schön, dass das Böse nicht wie "ein Naturphänomen über die Gesellschaft" kommt. Wem zu Fritzel aber partout nichts einfällt, der nimmt hin, dass noch viele weitere Fritzls entstehen.
Zum Glück ist der psychiatrischen Gutachterin Adelheid Kastner während des Prozesse zu Fritzl etwas eingefallen. Es ist etwa das Gleiche auf das schon Alice Miller vor Jahrzehnten aufmerksam gemacht hat, als sie unter andern die Tragödie des Kindermörders Jürgen Bartsch analysierte: die geschlagenen, geschundenen, missachteten und ungeliebten Kinder entwickeln sich oft zu "Monstern", an denen man sich dann ratlos glotzend ergötzen kann, wie es etwa die "Bild"-Zeitzung tut.
Geschundene, geschlagene, verlassene und verhungernde Kinder, deren Mütter selbst Opfer schlimmer sozialer Verhältnisse sind - dies ist durchaus ein Thema, zu dem einem manches einfallen könnte.