Schmaler Grat ins Leben

Mutterliebe Kinder brauchen Mutterliebe, das weiß jeder irgendwie. Aber wie fundamental das frühe Erleben ist, erkennen Forscher erst allmählich

Auf verrotteten Matratzen, verwahrlost, fast verhungert und völlig vereinsamt hockten sie in ihrem eigenen Schmutz – rumänische Waisenkinder, die man 1990 in herunter gekommenen Kinderheimen vorfand, als das Ceausescu-Regime zusammengebrochen war. Viele von ihnen wurden von Familien aus aller Welt adoptiert, doch sie blieben unfreiwillige Studienobjekte. Man wollte wissen, welche Langzeitfolgen solche menschenfeindliche Behandlung haben würden und fand heraus, dass bis zu 40 Prozent der misshandelten Kinder schwere psychische Störungen entwickelt hatten.

Wer die Bilder vor 20 Jahren noch vor Augen hat, aus Cighid, aus Bradca, aus einem jener rumänischen Heime, in die oft schon Neugeborene gelangten, wird noch immer ratlos sein, wie man Babys und Kinder in all dem Dreck wie Tiere halten konnte. Wie sich jedoch zeigen sollte, waren es nicht so sehr der Schmutz, die Dunkelheit und die körperliche Verwahrlosung, die aus völlig gesunden Babys oft Kinder mit schweren seelischen Erkrankungen machten und noch weitere Folgeschäden hervorriefen. Was den Kindern in erster Linie fehlte, war die Mutterliebe.

Nichts ist so ausschlaggebend für die emotionale und körperliche Entwicklung eines Menschen wie die Mutter. Ein Mensch, der auf allerfrüheste Bedürfnisse eingeht, mit uns schmust, mit uns lacht und uns Trost spendet. Deutlich wie nie zuvor bestätigen das nun die Ergebnisse eine Studie, die kürzlich im Fachblatt Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlicht wurde. Die Forscher um die Sozialepidemiologin Joanna Maselko bewerteten die Bindungen zwischen 482 Müttern und ihren Kleinkindern während eines Enwicklungstests. Drei Jahrzehnte später wurde die emotionale Stabilität der mittlerweile Erwachsenen beurteilt. Wer besonders liebevoll von seiner Mutter betreut worden war, klagte im mittleren Alter weniger über Ängste, war seltener feindselig und aggressiv und konnte besser mit Belastungen umgehen.

Die Studie erhärtet, was man immer schon geahnt hat, die Schlüsselstellung der Mütter. Auf allen Ebenen ist es die Kommunikation, die wichtige Weichen für das Leben stellt. Die Blicke, das Lachen, Berührungen, winzige Gesten, die Modulation der Stimme, der Hautkontakt spielen eine Rolle. Dabei kommt es auf das Ausmaß der Sensitivität der Mutter an, auf ihre Fähigkeit, die Signale und Bedürfnisse des Babys zu verstehen. in der richtigen Weise zu antworten und zu reagieren. Die meisten Mütter haben – von einer gewissen Unsicherheit in den ersten Wochen abgesehen– keine Probleme, denn wie man ein Baby oder Kleinkind bemuttert, muss nicht erst erlernt werden, sondern ist intuitiv. Mehr als die Hälfte der heutigen Erwachsenen blickt tatsächlich auf eine gute Bemutterung zurück, und das zeigt, dass die meisten Mütter von ganz allein alles „richtig“ machen. Was nicht heißt, dass Waisenkinder ohne Mutter verloren wären: Die Rolle der Mutter kann auch von anderen Bezugspersonen übernommen werden, sofern die Umstände es verlangen.

Wichtig ist die Art der Bindung, die Babys und Kleinkinder im Hinblick auf ihre echte oder stellvertretende Mutter entwickeln. Aus einer guten Mutterbeziehung resultiert eine sichere Bindung mit positiven Folgen für das gesamte Leben. Erheblichen Störungen in der Mutterbindung dagegen führen zu einer Art Bruch zwischen Mutter und Kind, der sich häufig verhängnisvoll auswirkt. Falls die Mutter oder eine andere frühe Bindungsperson das Baby ernsthaft gefährdet, ist das Kind zutiefst irritiert. Denn es kann nicht anders, als genau dort Schutz und Fürsorge zu suchen, wo auch die Lebensbedrohung herkommt. Das ist die Situation, die sich beispielsweise durch Misshandlungen und Kindesmissbrauch entfaltet.

Liebe beginnt vor der Geburt

Die Bindung zwischen Mutter und Kind beginnt bereits vor der Geburt. So konnte Janet DiPietro, Professorin an der John Hopkins Universität in Baltimore, zeigen, dass gestresste, angsterfüllte oder depressive Mütter das Risiko der Babys erhöhen, mit einem unterdurchschnittlich entwickelten zentralen Nervensystem zur Welt zu kommen. Der amerikanische Sozialepidemiologe Ralph Catalano und der schwedische Psychologe Terry Hartig wiesen nach, dass selbst Ereignisse, die im sozialen Umfeld oder gar in der Politik stattfinden, auf das Kind im Mutterleib Einfluss nehmen können. Sie untersuchten, ob Unglücksfälle, die sie „kommunale Trauersituationen“ nannten, möglicherweise statistisch signifikante Abweichungen bei den Geburten hervorbringen. Dabei registrierten sie zwischen 1973 und 1994 die Quote der untergewichtigen Neugeborenen. In dieser Zeit ereigneten sich zwei nationale Katastrophen, von denen die schwedische Öffentlichkeit nachhaltig betroffen war und die in den Medien breit dargestellt wurde: die Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme und der Untergang der Fähre Estonia, bei dem 852 Menschen starben. Nach beiden Ereignissen erhöhte sich die Zahl der niedrig-gewichtigen Neugeburten erheblich.

Direkt nach der Geburt geht dieser folgenreiche Tanz zwischen Mutter und Kind weiter. Die Väter stehen allerdings nicht abseits, auch wenn sie den Umständen entsprechend erst einmal in der zweiten Reihe bleiben. Im Fortgang der kindlichen Entwicklung und möglicherweise im Hinblick auf andere Arten der Einflussnahme sind auch die Väter von großer Bedeutung – das haben die Forscher zum Glück erkannt und schenken den Vätern jetzt endlich mehr Beachtung.

Sicher ist, dass ein Kind aus seiner frühen Erfahrung ein inneres Modell zwischenmenschlicher Beziehungen entwickelt. Alle späteren Kontakte, Freundschaften oder Partnerschaften werden von diesem Modell bestimmt. Seit die Begründer der psychologischen Bindungsforschung, der Kinderpsychiater John Bowlby und die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, eine Typologie des Bindungsverhaltens aufstellten, waren häufig die weniger günstigen Bindungsformen von Interesse. Zu dieser Frage wurden eine ganze Reihe von Längsschnittstudien durchgeführt. „Aus diesen Studien ergibt sich der wiederholte Befund, dass delinquente Jugendliche in ihrer Kindheit zum einen wenig emotionale Unterstützung durch ihre Eltern erhielten und zum anderen in ihrem Elternhaus mit besonders harten Strafen rechnen mussten“, so die Bindungsforscherin an der Universität Hildesheim Christel Hopf.

Erfahrene Gewalt wird zu Gewalt

Werden Kinder gar misshandelt, missbraucht oder extrem vernachlässigt, setzt oft ein verhängnisvoller Kreislauf der Gewalt ein. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien zeigt, dass die Gewalt, die man am eigenen Leibe erfahren hat, später meist weitergegeben wird – und extreme familiäre Gewalterfahrungen sind nicht so selten, wie man annehmen möchte. In einer Anfang der neunziger Jahre durchgeführten repräsentativen Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen über Gewalterfahrungen in der Kindheit, gaben zwischen zehn und elf Prozent der Befragten an, in ihrer Kindheit von ihren Eltern schwer misshandelt worden zu sein. Dabei ging es um Schlagen mit der Faust, um Würgen, absichtliches Verbrennen oder Verbrühen oder um Angriffe mit einem Messer und dergleichen. Überraschenderweise zeigte sich, dass die Mütter häufiger Gewalt ausübten als die Väter.

Inzwischen ist klar, dass eine derartige Erfahrung deutliche Spuren im Gehirn zurücklässt, sich regelrecht ins neuronale Netzwerk eingräbt. „Sie ist der erste emotionale Prozess, der das Gehirn des Neugeborenen beeinflusst“, erläutert der Biologe Jörg Bock von der Universität Magdeburg. „Diese Erfahrung ist so grundlegend, dass sie an allen späteren Lernprozessen beteiligt ist. Nahe emotionelle Kontakte fördern die Entwicklung der Netzwerke, während negative Erfahrungen zu fehlerhaften Netzwerken führen.“

Craig F. Ferris von der Northeastern Universität in Boston konnte zeigen, dass selbst bei Ratten frühe Erfahrungen deutliche neuronale Spuren hinterlassen. Bei erlebter Gewalt veränderte sich ihr Gehirnstoffwechsel sowie die neuroanatomische Struktur bestimmter Gehirnregionen und es kam zu Verhaltensbeeinträchtigungen. Werden junge Ratten jedoch liebevoll und ausgiebig geleckt und gepflegt, wies die Hirnregion des Hippocampus eine deutlich reichhaltigere Hirnarchitektur auf. In Leistungstests schnitten sie besser ab und gegen Stress waren sie resistenter.

Das Milieu lässt wenig Raum

Ratten sind normalerweise von sicheren Instinkten geleitet, wenn es um die Aufzucht ihrer Jungen geht. Menschen sind dies weit weniger. Deren Verhalten ist kulturell bedingt und variiert je nach Milieu und sozialer Schicht. So wird fast alles, was Menschen tun, letztendlich auch zu einer im weiteren Sinne politischen Frage.

Die extreme Behandlung von Waisenkindern im kommunistischen Rumänien war gewiss ein historischer Ausnahmefall. Aber auch in Deutschland wird heute weitgehend hingenommen, dass Milieus entstehen, in denen Babys und Kinder von Anfang an durchschnittlich schlechtere Karten haben als die Nachkommen der besser gestellten Kreise. So sind Kindesmisshandlungen überwiegend ein Phänomen in den Unterschichten. Der Psychologe an der Universität Leiden, Marinus van Ijzendoorn, untersuchte die Schichtverteilung der unterschiedlichen Bindungsformen. In der Mittelklasse fand er einen Anteil von zirka 15 Prozent an Kindern mit sehr ungünstigen Bindungen. Bei Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status waren es zwischen 25 und 34 Prozent. Mütter in problematischer sozialer Lage haben es schwerer, ihren Kindern das seelische Grundkapital weiterzugeben, auf das Menschen ein Anrecht haben. „Neueren Schätzungen zufolge“, so Wilhelm Brinkmann, Pädagoge an der Universität Kiel, „sind Familien, in denen Kinder vernachlässigt werden, zu fast 90 Prozent arme Familien.“

Liebe ist leider auch nicht alles


Die Klassenzugehörigkeit der Eltern hat einen größeren Einfluss auf die schulischen Leistungen als die häusliche Förderung, etwa durch das Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten. Das zeigt eine Studie mit 11.000 Kindern. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der Nachwuchs von Berufstätigen und Managern den Kindern von Langzeitarbeitslosen in ihrer Entwicklung um mindestens acht Monate voraus ist und dass dieser Vorsprung mit dem Alter wächst bei Siebenjährigen ist er um vier Monate größer als bei denselben Kindern im Alter von fünf Jahren.

Die Wissenschaftler von der University of London berücksichtigten für ihre Untersuchung auch Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit und Familiengröße. Sie prüften die Kinder unter anderem hinsichtlich ihrer Lesekompetenz, mathematischen Fähigkeiten, ihrer Fähigkeit zuzuhören und analysierten die Beurteilungen ihrer Lehrer.


Nach der Analyse aller Daten stellten die Forscher fest, dass der soziale Status der Eltern, als die Kinder drei Jahre alt waren, deren Entwicklung zwischen fünftem und siebten Lebensjahr stärker geprägt hatte als die Zuwendung der Eltern. Das widerspricht vor allem der beliebten These zahlreicher Politiker, soziale Ungleichheit be- deute keinesfalls ungleiche Chancen, sondern sei vielmehr eine Frage der Erziehung und des Bemühens der Eltern.


Dass die soziale Stellung immer noch einen so starken Einfluss auf die Unterschiede in den kognitiven und schulischen Leistungen von Fünf- und Siebenjährigen hat, widerlegt vieles von dem, was wir bislang geglaubt haben, sagt die Leiterin der Studie, Alice Sullivan.

Die Untersuchung zeige, dass Erziehung zwar wichtig sei, eine Politik, die sich allein auf diese konzentriere aber nicht ausreiche, um die Folgen sozialer Ungleichheit auf Kinder zu bekämpfen. Eine Politik der Umverteilung könnte weit mehr bewirken als direkte Appelle an eine bessere Erziehung und gute Ratschläge, meint Sullivan.


(Jessica Shepherd, Übersetzung: Holger Hutt)

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15:00 09.12.2010
Geschrieben von

Hans-Peter Waldrich

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