RE: Geldpolitik for Future | 17.12.2020 | 12:12

Man kann keine reinen Buchgewinne verteilen, weil es sie nur auf dem Papier gibt. Würden die Aktionäre Aktien verkaufen, um die Schecks zu decken, stürzte der Kurs in den Keller und die Gewinne aus der vorhergehenden Hausse wären futsch. Man könnte zwar mit einem befristeten Verkaufsverbot belegte Aktien umverteilen, aber wozu? Man braucht doch für eine Vermögensabgabe solch windige Begründungen nicht. Die Feststellung, dass es zu viele Superreiche und zu viele Arme gibt, sollte doch reichen.

Ich halte die Aufspaltung des kapitalistischen Systems einen "guten" realwirtschaftlichen und einen "bösen" Finanzwirtschaftlichen Sektor, wie man sie auch hier im Forum findet, für äußerst zweifelhaft. Das führt nämlich schnell zur fatalen Behauptung einer moralischen Überlegenheit der Eigentümer von mutmaßlich nützlichen deutschen Autofirmen und ihrer Agenten über das angeblich gesellschaftsschädigende Schmarotzertum der Eigentümer von US-Banken und ihren Agenten. Dafür gibts dann Beifall von der falschen Seite. (Richtig ist natürlich, dass Gelegenheit Diebe macht, und Abgaswerte zu manipulieren nicht so häufig möglich ist, wie Geld da vorzutäuschen, wo keines ist.)

RE: Geldpolitik for Future | 15.12.2020 | 12:13

Jeder Staat muss sich verschulden, und er kann (und darf bei Strafe eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs!) die Schulden nie zurückzahlen, sondern er refinanziert sie. Das ist ein Schwachpunkt, den Hedgefonds gelegentlich zu spekulativen Attacken genutzt haben. Zu Zeiten goldgedeckter Währung konnte das noch klappen (Soros et al. gegen die Bank of England), heute kann eine Zentralbank das, abwehren. Die EZB hat esgesagt und getan. Whatever it takes and believe me: it will be enough! Was stört sie daran? Lieber Griechenland den Spekulanten zum Fraß vorwerfen? Der politische Skandal gegenüber Griechenland war doch wohl die blödsinnige und menschenverachtende Austeritätspolitik. Und nicht ausgerechnet niedrige Zinsen für Staatsanleihen (oder teilen sie den Quatsch von Sinn und anderen, die fleissigen deutschen Ameisen zahlten für die faulen Südländer? Targetsalden, Billionenbombe?)

Aktienkäufe sind ein durchaus traditionelles Mittel von Zentralbankpolitik, die Schweiz macht es auch, die EZB allerdings derzeit nicht. ZBs kaufen auch Gold, Devisen und Anleihen, warum denn auch nicht? Sie wollen Banken zur Kreditvergabe anstupsen (Kauf von Wertpapieren) oder ihnen dies erschweren (Verkauf). Was schwebt Ihnen denn als geldpolitische Maßnahme vor?

Und was ich nie verstehen werde: die Linken wollen immer, dass alles verstaatlicht wird. Doch wenn, wie wir es gerade sehen, die Zentralbanken, staatliche Institutionen also, etwas mehr das Steuer in die Hand nehmen und nicht mehr einfach nur zusehen, auf was für Ideen Hedgefonds, Geldmarktfonds, Investmentbanken, Geschäftsbanken und Versicherungen so kommen, und ihnen dabei freie Hand lassen (wie das bis vor der Finanzkrise war) - dann ist es auch wieder nicht recht.

RE: Geldpolitik for Future | 15.12.2020 | 11:57

Ich fahre auf der Landstraße in einer weitgezogenen Kurve. Das funktioniert problemlos. Warum sollte nicht immer so weitergemacht werden, wenn es doch so problemlos funktioniert? Vielleicht weil die Kurve irgendwann zuende ist, und man dann besser das Lenkrad in eine andere Richtung dreht?

Wir haben derzeit keinen schwachen Euro, sondern ein starken. Wir haben deflationäre Tendenzen und nicht genügend Preissteigerung (man kann natürlich drüber diskutieren, warum es nun gerade 2% sein sollten). Dementsprechend muss doch die Geldpolitik ausgerichtet werden. Wollen Sie in einer extremen deflationären Situation (Lockdown!) Politik wie Brüning machen? Ich ürde jedenfalls Roosevelt wählen. Wollen Sie denn kein PEPP? Wollen Sie selbst solvente Unternehmen pleite gehen lassen? Herzlichen Glückwunsch: sie sitzen mit fundamentalistischen Neoliberalen in einem Boot!

Sicher wird es schwierig, später umzusteuern. Aber die Geldpolitik oder selbst das Geldsystem verursacht nicht die Probleme, die letztlich in der Ungleichverteilung des Wohlstandes begründet sind, und sie kann sie auch nicht lösen.

Zugegeben: die Vermögenspreissteigerungen (Aktien, Anleihen, Immobilien) werden tatsächlich durch die Geldpolitik befeuert, was aber überhaupt nichts mit einer "hidden agenda" zu tun hat, sondern teil der offiziellen Geldpolitik ist. Mal auf den Seiten der EZB oder Bundesbank das Stichwort "Vermögenspreiskanal" suchen. Diese Vermögenspreisinflation vergrößert die Kluft zwischen arm und reich allerdings nur scheinbar, es sind reine Buchwerte, die sich bei Realisierung (Verkauf der Wertpapiere) ins Nichts auflösen. Anders gesagt: der Aktionärsgewinn bei einem Aktienboom wird von Aktionären bezahlt, ein Nullsummenspiel, bei dem Vermögen unter Vermögenden umgeschichtet wird. (Wieso der Vermögenspreis überhaupt funktionieren könnte, ist eine schwierige Frage; zudem funktioniert er nicht besonders).

Aber führt das bei Immobilien nicht zu Mietsteigerungen? Ja, unter einer ganz bestimmten Voraussetzung würde es das: wenn Vermieter von ihren Mietern möglichst wenig Miete eiunnehmen wollten und nur soviel verlangten, dass ihre Kosten so gerade gedeckt sind. Dann müssten sie, wenn die Häuser teurer werden, - gegen ihrten Willen, die Miete möglichst niedrig zu halten-, eine höhere Miete verlangen. Und sie würden natürlich, sobald die Immobilienpreise sinken (wie das beispielsweise in der Finanzkrise der Fall war), sofort auch die Mieten senken. Glauben Sie, dass das eine realistische Beschreibung des Mietmarktes ist? Wurde Ihre Miete in der Finanzkrise gesenkt? Oder ist es nicht eher so, dass ein Vermieter so viel Miete verlangt, wie es die Gesetze und die Wohnungsnachfrage erlauben?

Wenn das der Fall ist, dann sinkt einfach Mietrendite (wie dies Anleiherenditen auch tun), wenn die Immobilienpreise steigen. Die Gefahr ist nicht, dass dadurch die Mieten steigen, die Gefahr ist, dass nicht mehr gebaut wird. Und auch hier liegt die Lösung in der Politik, nicht in der Geldpolitik. Sie lautet Sozialwohnungsbau.

RE: Geldpolitik for Future | 14.12.2020 | 21:58

Im Prinzip alles richtig, was im Artikel steht, und erfreulich kenntnisreicher als das übliche Beklagen der "Geldschöpfung aus dem Nichts", der bei den Monetaristen abgekupferte Verurteilung übermäßiger Geldschöpfung, der geldtheoretisch kenntnislosen Verurteilung des gesetzlichen Zahlungsmittels als "Monopolygeld", oder dem Staunen darüber, dass doch Papiergeld nichts wert sei. Dennoch wäre etwas mehr Genauigkeit im Detail wünschenswert.

Natürlich kann die EZB durch das QE die Menge an umlaufenden Zahlungsmitteln nicht vergrößern, sie kann die Bankbilanzen nicht direkt verlängern (das war sicher gemeint), aber der Aktivtausch von risikobehafteten Wertpapieren in risikolose Reserven verändert die Bilanz durchaus erheblich ... indem es diese stabilisiert. Die EZB übernimmt Risiken von den Banken, da sie, im Unterschied zu diesen, nie Liquiditätsprobleme bekommt und deshalb Zwangsverkäufe von Wertpapieren tätigen muss. Das ist ein Vorgehen, dass aktuell sinnvoll ist, aber bitte doch kein Dauerzustand werden soll (Stichworte u.a.: Anforderung an Liquiditätsreserven und Eigenkapital).

Der Hinweis, dass das Banksystem die derzeit teuren, durch Wertpapierverkauf angehäuften Überschussreserven nur abbauen kann, wenn Kunden sich Bargeld auszahlen lassen, worauf die Banken direkt keinen Einfluss haben, hätte auch beim Verstänis geholfen.

Und dass die EZB Unternehmensanleihen am Sekundäremarkt (also bei Banken, Versicherungen und Fonds) kauft und nicht bei den Unternehmen, wäre auch wichtig zu betonen. Denn das bedeutet, dass dadurch kein direkter Einfluss auf die Finanzierung einzelner Unternehmen genommen wird.

Voll und ganz anschließen möchte ich mich der Kernaussage des Artikels: Geldpolitik soll und kann keine (Finanz-)Politik ersetzen.

RE: Purer Impfnationalismus | 07.12.2020 | 21:28

Ja klar, Yeadon ist ja schon deshalb als Superxperte ausgewiesen, weil er so ziemlich als einziger Mitte Oktober das Ende der Pandemie in GB festgestellt hat. Diese ganzen Leute jetzt in den Krankenhäusern auf der ganzen Welt und in GB: alles Simulanten! Dabei fällt mir ein Witz ein. Krankenschwester: "Herr Doktor, der Simulant von Zimmer 123 ist verstorben". Doktor: "Jetzt übertreibt er aber!"

RE: Und wenn Biden erst erkrankt! | 10.10.2020 | 22:30

Sehr interessant. Die schlüssigste Hypothese zu dem Thema, die ich bislang gelesen habe. Kompliment.

RE: Das Schreckgespenst | 02.10.2020 | 11:39

Die Mainstream-Makroökonomie basiert weitgehend auf Modellen, in denen einzelne Zusammenhänge unter der Vorgabe untersucht werden, dass alle anderen Variablen gleich bleiben. Würde sich die Ökonomik damit bescheiden, wäre sie ein Gedankenspiel, das durchaus Mosaiksteine zum Verständnis einer komplexen Realität liefern könnte. Aber viele Makroökonomen wollen politischen Einfluss nehmen und tun das auch, wie in Deutschland beispielsweise Hans-Werner Sinn oder global die Mont Plerin Society. Sie benutzen eindimensionale Modellerkenntnisse, um ein bestimmtes politisches Ziel zu erreichen und unterstellen dafür einen "gesetzlichen" Zusammenhang. Beispielsweise wird dann verkündet, würde der Mindestlohn erhöht, stiege die Arbeitslosigkeit, dabei aber unterschlagen, dass dies nur gilt, "wenn alles andere gleich bleibt". Es bleibt aber gar nichts gleich. Vor allem ändert sich, wie eigentlich bei allen wirtschaftspolitischen Entscheidungen, eine ganz wesentliche Variable: die Vermögensverteilung. Wird der Mindestlohn erhöht, steigen die Einkünfte von Putzkräfte und die von Herrn Piepenbrock, dem Eigentümer der größten deutsche Gebäudereinigerfirma, sinken, was einen ganzen Rattenschwanz von Änderungen nach sich zieht. So könnte die Nachfrage nach Babynahrung, Playstations oder Primark Kleidung steigen, die Nachfrage nach Ferienhäusern in Mallorca, Jachten oder Aktien könnte dagegen sinken. Vielleicht werden mehr Ford K und weniger Mercedes S-Klasse verkauft. Vielleicht streicht Piepenbrock seiner Kunststiftung Gelder und irgendwo wird eine Kuratorin auf halbe Stelle gesetzt, während in fünf Eckkneipen neues Servicepersonal eingestellt wird. Die Welt ist also komplex und die Zukunft ungewiss. Es gibt endlos viele Wirtschaftsdaten, aus denen man sich für jede politisch gewünschte Aussage eine jeweils passende herauspicken kann. Zum Verständnis des Finanzkapitalismus trägt dies wenig bei. Auf die Frage von Deflations- und Inflationsspirale gewendet: zu einer Spirale würde es nur, wenn alles andere gleich bliebe. Doch wie wir aktuell gerade sehen, greifen die Notenbanken und Regierungen ein. Es gibt kein "muss", wie Sie richtig schreiben. Zum Glück ist ja nicht alles den Märkten überlassen, wie in den Modellen unterstellt wird. Allerdings ist es für eine Notenbank schwerer, eine Deflations- als eine Inflationsspirale zu verhindern. Denn sie kann Geschäftsbanken die Liquidität abschneiden, die diese für die Schöpfung von Giraldgeld benötigen. Das führt dann zu einer schweren Wirtschaftskrise, aber die Inflation endet, denn wenn niemand mehr Geld hat, können die Preise nicht steigen. Aber die Notenbank kann die Menschen derzeit nicht unmittelbar zum Geldausgeben zwingen und so eine Deflation beenden. Dazu müsste sie die Nullzinsgrenze aufheben und Bargeld abschaffen. Geld vom Hubschrauber abzuwerfen würde ziemlich sicher auch gegen eine Deflation helfen. Aber so weit sind wir noch nicht.

RE: Das Schreckgespenst | 30.09.2020 | 21:08

Ihr Einwand zu der Zuverlässigkeit von Prognosen über das Verhalten von Marktteilnehmern ist völlig berechtigt. Weniger spekulativ sind die Aussagen über das Gewicht von Schulden: bei Inflation nimmt die Belastung der Schuldner ab, bei Deflation zu. Da viele bis Oberkante Lippe in Schulden stecken, kann jede Zunahme der Schuldenlast fatale Auswirkungen haben. Darauf müssen die Notenbanken reagieren durch (beispielsweise) Reduzierung der Anforderung an Sicherheiten oder langfristige Geldleihe (statt tageweise wie früher). JedeMaßnahme stößtaber irgendwann an Grenzen, wie die Negativzinsen an die der Bargeldhaltung, und dann kann aus einem Preisrückgang tatsächlich schnell eine schwer zu bremsende Deflationsspirale werden. Inflation kann man dagegen eigentlich heutzutage immer durch energische Zinserhöhungen stoppen (das ist nur meine Auffassung, den Realitätstest hat es bisher nicht gegeben). (Die Gefahr des steigenden Außenwertes der Währung bei Deflation schätze ich allerdings als geringer als Tooze ein, Recht hat er aber mit seinem Hinweis auf die Umverteilungsaspekte jeder Geldpolitik)

RE: Die Maske ist links | 08.09.2020 | 10:11

Sie haben völlig Recht. Nur dass hier nicht zwei unterschiedliche Standpunkte aufeinandertreffen, nicht zwei Perspektiven, die die Tatsachen unterschiedlich bewerten. Sondern es wird von einer krakeelenden Minderheit jede evidenzbasierte rationale Erkenntnis bestritten. Die Wirksamkeit von Masken sowie deren Grenzen ist aus einer Vielzahl von Studien inzwischen bekannt und belegt. Deshalb empfehlen weit über 99% aller Epidemologen und Virologen weltweit deren Gebrauch zum Eindämmen von Infektionsherden. Dem kann man eigentlich rational so wenig widersprechen wie der Tatsache, dass die Erde eine Kugel ist oder dass es menschengemachten Klimawandel gibt. Bei beiden Themen findet sich nun das das gleiche Leugnungsmuster: erstens gebe es gar keine Pandemie/keinen Kilmawandel. Zweitens wird irgendwo unter vielen Tausend Wissenschaftlern irgendwo der eine Exot ausgegraben, der die Wirksamkeit von Begrenzung des CO2-Ausstoßes/der Masken abstreitet. Jeder konnte in den vergangenen Monaten sehen, wie sich die Infektionen in Ländern entwickelt haben, in denen es Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gab (z.B. D), und wo nicht (USA, Brasilien). In Frankreich hat eine strenge Ausgangssperre eine Katastrophe verhindert, nun droht die Pandemie wieder wegen der Urlaubssaison und den geminderten Hygienemaßnahmen auszubrechen. Glücklicherweise gibt es dort nicht so viele Vollidioten, die kein anderes Problem als ein Stück Stoff vor der Nase während des Einkaufens haben. Deshalb darf man auf einen glimpflichen Verlauf hoffen. Trifft er ein, wird das hier dann wieder als Beweis angeführt, dass die Masken unnötig waren. Händewaschen, das noch zum Artikel, ist übrigens weder links noch rechts, sondern nur sauber und vernünftig. Es ist nicht alles politisch. Manches ist auch einfach nur wahr oder falsch.

RE: Die Maske ist links | 07.09.2020 | 11:09

Lieber Pfleifel, freut mich sehr, dass sie den logischen Fehler in meiner Bemerkung entdeckt haben. Noch mehr hätte ich gefreut, wenn Sie in den Text geschaut hätten, auf den sich meine Bemerkung bezog und dort den gleichen logischen Fehler entdeckt hätten. Darüber, über den logischen Bruch, hatte ich mich nämlich lustig gemacht, das ist eine rhetorische Figur, die man "Ironie" nennt. Wenn Sie genaueres darüber wissen wollen, finden sie das auf Wikipedia sehr schön erklärt.