"Weder rassistisch, sexistisch noch homophob"

Gelbwesten Gilets Jaunes Eine Übersetzung des auf der "Versammlung der Versammlungen" verabschiedeten Aufrufs der Gelbwesten
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Am 26. und 27. Januar trafen sich in Sorcy-Saint-Martin, Department Meuse, 350 Vertreter von 100 Gruppen der Gilets Jaunes zu einer "assemblée des assemblées". Sie verabschiedeten einen Aufruf, der ein Markstein für die Bewegung werden kann. Bislang stammten alle Äußerungen der Gelbwesten von Einzelpersonen, einzelnen Gruppen oder ausnahmsweise einzelnen regionalen Versammlungen. Erstmals kann nun ein Aufruf eine gewisse Repräsentativität für sich beanspruchen, auch wenn er nur von 100 der mehreren tausend Gruppen von Gilets Jaunes verabschiedet wurde.

Da über die "Versammlung der Versammlungen" in der deutschen Presse m.W. bislang nicht berichtet wurde, habe ich den Aufruf übersetzt. Im Original kann man ihn sich auf Youtube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=gJI5_us3RJI

Ein Blick auf den Film lohnt sich auch für diejenigen, die kein französisch sprechen. Die folgende Übersetzung ohne Gewähr beruht auf der in der französischen Presse veröffentlichten schriftlichen Fassung.

Aufruf der ersten „Versammlung der Versammlungen“ der Gelbwesten

Wir, die Gilets Jaunes der Kreisverkehre, Parkplätze, Plätze, Versammlungen und Demonstrationen, trafen uns am 26. und 27. Januar 2019 in der "Versammlung der Versammlungen", zu der die Gilets Jaunes von Commercy aufgerufen hatten. Hundert Delegationen sind diesem Aufruf gefolgt.


Seit dem 17. November, vom kleinsten Dorf, vom ländlichen Raum bis zur größten Stadt, haben wir uns gegen diese zutiefst gewalttätige, ungerechte und unerträgliche Gesellschaft erhoben. Wir lassen es uns nicht weiter gefallen! Wir revoltieren gegen die hohen Lebenshaltungskosten, Prekarität und Armut. Wir wollen für unsere Lieben, unsere Familien und unsere Kinder ein würdevolles Leben. 26 Milliardäre besitzen so viel die Hälfte der Menschheit. Das ist inakzeptabel. Teilen wir den Reichtum und nicht das Elend! Schluss mit der sozialen Ungleichheit!

Wir fordern eine sofortige Erhöhung der Löhne, der sozialen Grundsicherung, der Beihilfen und Altersbezüge, ein uneingeschränktes Recht auf Wohnen, Gesundheit und Ausbildung, sowie kostenlose öffentliche Dienstleistungen für alle.

Wir, mit unseren gelben Westen, ergreifen nun das Wort, das wir nie gehabt haben.

Und was ist die Antwort der Regierung? Unterdrückung, Verachtung, Verunglimpfung. Tote und Tausende von Verwundeten, der massive Einsatz von Gummigeschossen, die verstümmeln, Menschen das Augenlicht nehmen, verwunden und traumatisieren. Mehr als 1.000 Menschen wurden willkürlich verurteilt und inhaftiert. Und jetzt soll das neue so genannte "Anti-Randalierer"-Gesetz verhindern, dass wir demonstrieren. Wir verurteilen jede Gewalt gegen Demonstranten, sei es durch die Polizei oder durch kleine gewalttätige Gruppen. Nichts davon wird uns aufhalten! Demonstration ist ein Grundrecht. Schluss mit der Straflosigkeit für die Ordnungskräfte! Amnestie für alle Opfer von Unterdrückung!

Und was für ein Schwindel ist die große nationale Debatte, die tatsächliche eine Kommunikationskampagne der Regierung ist, die unseren Wunsch nach Debatte und Entscheidungen instrumentalisiert. Wir praktizieren wahre Demokratie auf unseren Versammlungen, in unseren Kreisverkehren. Sie findet weder im Fernsehen, noch an Macrons Pseudo-Runden-Tischen statt.

Nachdem er uns beleidigt und uns Nichtsnutze genannt hat, präsentiert er uns nun als faschistoide und fremdenfeindliche Wutbürger. Aber wir sind genau das Gegenteil: weder rassistisch, sexistisch noch homophob, wir sind stolz darauf, gemeinsam mit all unseren Unterschieden eine solidarische Gesellschaft aufzubauen.

Wir sind stark dank der Vielfalt unserer Diskussionen, selbst in diesem Moment entwickeln und schlagen hunderte von Versammlungen ihre eigenen Forderungen vor. Sie betreffen echte Demokratie, soziale und fiskalische Gerechtigkeit, Arbeitsbedingungen, Ökologie, den Klimawandel und die Beendigung von Diskriminierung. Zu den am häufigsten diskutierten strategischen Forderungen und Vorschlägen gehören: die Beseitigung der Armut in all ihren Formen, die Transformation der Institutionen (konstitunionelle Verankerung von Volksabstimmungen/RIC, Abschaffung der Privilegien von Abgeordneten), der ökologische Wandel (Energieknappheit, industrielle Umweltverschmutzung....), die Gleichstellung und Berücksichtigung aller Menschen unabhängig von ihrer Nationalität (Menschen mit Behinderungen, Geschlechtergleichstellung, Schluss mit der Vernachlässigung der populären Stadtviertel, der ländlichen Bezirke und der überseeischen Gebiete...).
Wir, Gilets Jaunes, laden jeden ein, zu uns zu stoßen und uns mit seinen eigenen Mitteln und nach seinen eigenen Maßgaben zu unterstützen. Wir fordern die Fortsetzung der Aktionen (Akt 12 gegen polizeiliche Gewalt vor den Polizeistationen, Akt 13, 14....), die Fortsetzung der Kreiselbesetzungen und die Blockade der Wirtschaft sowie einen mächtigen und unbefristeten Streik ab dem 5. Februar. Wir schlagen die Bildung von Kommittees an den Arbeits- und Ausbildungsplätzen und überall sonst vor, damit dieser Streik an der Basis von den Streikenden selbst aufgebaut werden kann. Nehmen wir unsere Sache in die eigenen Hände! Bleibt nicht allein, reiht Euch ein!
Organisieren wir uns demokratisch, autonom und unabhängig! Diese Versammlung der Versammlungen ist ein wichtiger Schritt, der es uns ermöglicht, unsere Forderungen und unsere Aktionsformen zu diskutieren. Vereinigen wir uns für die Transformation der Gesellschaft!
Wir schlagen allen Gelbwesten vor, diesen Aufruf zu verbreiten.

Wenn Sie als Gilet Jaune den Aufruf unterstützen wollen, senden Sie als Unterschrift nach Commercy (assembleedesassemblees@gmail.com). Gerne können Sie Vorschläge für die nächsten "Assemblies of Assemblies" diskutieren und formulieren, die wir bereits vorbereiten.

Macron, tritt zurück!

Alle Macht dem Volk, für das Volk und durch das Volk.
Aufruf vorgeschlagen von der Versammlung der Versammlungen von Commercy.
Er wird zur Annahme in jeder lokalen Versammlung vorgeschlagen."

10:15 30.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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