Der Euro fällt, weil er fällt

KOMMENTAR Keine Erklärung, nirgends

Mindestens 20.000 Mark Reingewinn für jeden in den USA verkauften Daimler. Paul, der einzige geschäftstüchtige Cousin in meiner weit verzweigten katholischen Sippschaft, hatte die Kosten für Anschaffung, Katalysator-Nachrüstung, Versicherung,

Ozean-Überführung und Werbung exakt kalkuliert und war sich des Ergebnisses sicher, das wir mit unserer furiosen Exportfirma erzielen würden. Was sollte auch schief gehen im Frühjahr 1985? Der Dollar näherte sich der Marke von 3,50 DM. Wir hätten also, rückgerechnet in Mark, fantastische Preise erzielt. Paul war bereit. Aber ich hatte noch Bedenken, geschäftlich wie politisch. Was passiert, wenn der Dollar-Kurs plötzlich und schnell absackt? Und ist es nicht pervers, öffentlich gegen Reagans Rüstungskurs zu demonstrieren und privat an ihm zu verdienen? Wer solche Fragen stellt, muss scheitern. Der Deal platzte, weil mein Zögern einfach nicht zu Pauls Tatendrang passte.

Unflexibel und bedenkenbeladen läuft heute noch vieles in Europa. Wir begreifen nicht, dass Rentengelder in Fonds gesammelt und an der Börse investiert werden müssen, dass Gesundheit vor allem eine Zukunftsbranche ist. Trotz gewisser Fortschritte ist die Liste der Versäumnisse noch lang. Die Amerikaner dagegen ergreifen jede Gelegenheit, bleiben stets optimistisch und beherrschen auch deshalb die entscheidenden High-Tech-Industrien. Kein Wunder also, dass der Euro im Verhältnis zum Dollar auf verlorenem Posten steht?

Je tiefer der Euro-Kurs sinkt, desto schwachsinniger werden die Interpretationen. Aktuell ist wieder der strukturelle Reformstau en vogue. Im Herbst vergangenen Jahres waren es die zu hohen Unternehmenssteuern in Deutschland und vorher hatte man bereits die Wachstumsdifferenz zugunsten der USA bemüht. Wie beliebig und irreführend all diese Versuche sind, zeigt der Vergleich mit dem Yen. Denn auch im Verhältnis zur japanischen Währung ist der Euro schwach und selbst der Dollar hat gegenüber dem Yen an Wert verloren. Trotz des minimalen Wachstums der japanischen Wirtschaft. Trotz "struktureller Probleme", die - so die Kommentatoren - weit über das europäische Maß hinausgehen. Und trotz eines Zinssatzes der japanischen Zentralbank, der nahe bei Null liegt. Selbst Zinsdifferenzen taugen nicht mehr als Erklärungsansatz.

Der Euro fällt, weil er fällt. Wer sich trotz des Versagens herkömmlicher Theorien einen Reim auf die Sache machen will, muss paradox denken beziehungsweise einfach der Tatsache ins Auge sehen, dass Währungen Spekulationsobjekte sind. Kurse fallen, wenn erwartet wird, dass sie fallen. Und umgekehrt. Der Bezug zur Realwirtschaft ist für die Devisenhändler letztlich ein sachfremder Gesichtspunkt. Das hatte selbst Paul damals nicht begriffen. Auf die Idee, Geld mit Geld zu verdienen, ist er nicht gekommen.

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