Ellwangen oder Singapur

VORREITER Gelingt der IG Metall die Rückkehr zur deutschen Teilhabe-Normalität?

Um 24 Prozent müssen die Reallöhne in Deutschland durchschnittlich sinken, damit die Arbeitslosigkeit beseitigt werden kann. Das war vor einiger Zeit der Beitrag des Wirtschaftsweisen Horst Siebert zur aktuellen tarifästhetischen Debatte. Die Forderungen der IG Metall passen nicht in die Landschaft, weil sich erstens der Beschäftigungsstand aus der Lohnhöhe ergibt und weil zweitens die Erfahrung lehrt, daß jeder Prozentpunkt Lohnzurückhaltung etwa 0,5 Prozent mehr Arbeitsplätze bringt. Bei 34 Millionen Erwerbstätigen und über vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland errechnet sich so die Siebertsche Radikalkur.

Der Mann hat unsere Firmenwerbung zu ernst genommen, werden sich die Metaller bei der Robert Bosch GmbH gedacht haben. Denn was genial einfach, einfach genial klingt, widerspricht ihren Erfahrungen diametral. Sie wie ihre Kollegen andernorts haben in den vergangenen fünf Jahren Verluste bei den Bruttogehältern und, wegen steigender Steuern und Abgaben, vor allem bei den Nettolöhnen hinnehmen müssen. Gleichzeitig ist die Zahl der Metall-Arbeitsplätze um rund 500.000 gesunken. Dagegen hatten die Unternehmen alle Vorteile auf ihrer Seite: sinkende Löhne, steigende Produktivität und Exportboom. Im Ergebnis sind die Gewinne der Branche geradezu explodiert: nach neun Milliarden im Rezessionsjahr 1993 auf über 50 Milliarden im vergangenen Jahr.

Vor diesem Hintergrund wird die Haltung der IG Metall verständlich: Rückkehr zur produktivitätsorientierten Lohnpolitik plus ein bescheidener Nachschlag für die Verluste der vergangenen Jahre. Der Nachschlag ist Verhandlungsmasse und wohl kaum durchzusetzen. Essentiell dagegen ist die Bindung der Lohn- an die Produktivitätsentwicklung - vor allem auch als Signal an Branchen, die auf den Abschluß des Vorreiters Metall warten. Wenn die IG Metall sich durchsetzt und wenn auch andere Bereiche dem Beispiel folgen, dann wäre - passend zu dem rot-grünen Versuch, die Steuerlast gerechter zu verteilen - auch bei den Primäreinkommen der bislang vorherrschende, für die Beschäftigten negative Trend unterbrochen.

Ob allerdings die frühere deutsche Teilhabe-Normalität auf Dauer wiederhergestellt werden kann, ist zweifelhaft. Die in Nürnberg verwaltete Reservearmee bleibt den Unternehmern, wie die neuen Zahlen zeigen, auf absehbare Zeit als Druckmittel erhalten. Hinzu kommt, daß sich speziell in der Metall-Industrie die Ertragslage der Unternehmen durchaus unterschiedlich darstellt. Die börsennotierten Konzerne und selbst mittelgroße Unternehmen könnten die geforderten 6,5 Prozent Lohnerhöhung ohne weiteres verkraften. Viele kleine können das nicht.

Mit dem Vorschlag ertragsabhängiger Zahlungen haben die Arbeitgeberverbände auf dieses Problem geschickt reagiert und das eigene Lager zusammengehalten. Noch gelingt es den Gewerkschaften, mit dem Hinweis zu kontern, daß den Beschäftigten neben dem Arbeitsplatz- nicht auch noch das Ertragsrisiko aufgebürdet werden kann. Wenn sich aber, wie absehbar, die Situation der Unternehmen weiter differenziert, wird diese Position schwer durchzuhalten sein.

Spätestens dann müssen die Gewerkschaften einen eigenen Vorschlag entwickeln, der Solidarität innerhalb der Branche gewährleistet, aber auch die Interessen von Belegschaften ertragsschwacher Unternehmen berücksichtigt. Das Beharren auf dem Flächentarifvertrag wird kaum reichen. Hinzukommen müßte eine vehemente politische Initiative mit dem Ziel, die Gewinne der Weltmarkt-Champions für die binnenwirtschaftliche Entwicklung nutzbar zu machen. Vielleicht verstärkt sich dann auch ein Trend, der in jüngster Zeit zu beobachten ist: die Rückkehr von Firmen, die einst dem Standort Deutschland entflohen sind. So produziert der Batteriehersteller Varta nun statt in Singapur wieder im württembergischen Ellwangen - ein Ort, der in Horst Sieberts Landschaft nicht vorkommt.

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