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WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL Ein bißchen Entschuldung für die Armen und reichlich Liquidität für die Investoren

Am kommenden Wochenende könnte theoretisch Ungeheures passieren. Die reichen G7-Staaten beschließen ein 1.000-Milliarden-Dollar-Programm, um die ärgsten Probleme der Menschheit in den Griff zu bekommen: vollständige Entschuldung der ärmsten Länder, umfangreiche Unterstützung sozialer und ökologischer Entwicklung des Südens, drastische Senkung des Ressourcenverbrauchs und Vermeidung ungleicher Lebenschancen im Norden.

Um dieses Programm zu finanzieren, beschließen Clinton, Schröder, Blair und Co: Spekulative Geldflüsse werden besteuert, Steueroasen geschlossen, Vermögenseinkünfte und Kursgewinne einer G7-einheitlichen Besteuerung von 40 Prozent unterworfen, Rüstungsausgaben um einen festgelegten Prozentsatz jährlich reduziert. Man einigt sich auch darüber, nicht-nachhaltige Technologien wie atomare und fossile Energie und nicht-zukunftsfähige Konsummuster wie die ausufernde Mobilität schrittweise zu verteuern. Positive Anreize für ressourcenschonendes Verhalten werden festgeschrieben. So sollen bis zum Jahr 2020 die sonnenreichen Länder weitgehend auf Solar-Basis wirtschaften. Kreativen Unternehmen und Individuen winkt ein stattlich dotierter Global Peace Prize für die effektivsten Lösungen grundlegender Probleme menschlicher Entwicklung.

All das könnte passieren, wenn in Köln Politiker (also Vertreter des Gemeinwohls) zusammenträfen, um Probleme der Weltwirtschaft (also aller Länder) für die nähere Zukunft (also nachhaltig) zu lösen. All das wäre keine Revolution, kein Abschied von Kapital, Markt und Privateigentum, sondern eigentlich nur eine kleine Trendwende hin zu verantwortlichem Handeln, die allerdings angesichts der herrschenden Verhältnisse wie eine große Utopie erscheinen muß.

Tatsächlich geht es aber nicht um das Gemeinwohl, nicht um alle Länder und nicht um Nachhaltigkeit. Zur Debatte steht vielmehr, wie bei solchen Veranstaltungen üblich, der kleinste gemeinsame Nenner der großen Industrieländer, sozusagen die System interessen, die gemeinsam zu wahren sind, wenn nicht alle verlieren wollen. Dazu zählt auch die teilweise Entschuldung der ärmsten Länder, die in Köln wohl beschlossen wird. Natürlich ist auch das kein barmherziger Akt, sondern nur die Abschreibung von Krediten, die schon jetzt nicht mehr bedient werden und auch künftig nicht einzutreiben sind.

Eigentliches Thema ist aber wohl die Frage, mit welchen Instrumentarien Engpässe im globalen Kapitalfluß künftig vermieden werden können. Michel Camdessus, der Direktor des Internationalen Währungsfonds, hat keinen Zweifel an der heilsamen Wirkung der Asien-, Rußland und Brasilienkrise: »Die Katastrophe war so nah im letzten Oktober, der Schock sitzt so tief, daß ich überzeugt bin, die Verantwortlichen werden im Falle einer vorübergehenden Liquiditätskrise sehr rasch handeln.«

Von den vielfältigen Reformdiskussionen, die im Anschluß an die Krisen der vergangenen Jahre geführt worden sind, ist vor allem eines übriggeblieben: Liquiditätsmanagement, also die Vermeidung von Systemkrisen, von denen auch die Reichen betroffen sein könnten. Vor allem in diesem einen Punkt treffen sich die G7-Länder. Entsprechend wurde und wird der Internationale Währungsfonds mit zusätzlichen Mitteln und neuen Finanzierungsinstrumenten ausgestattet - in der Hoffnung, einseitigen und hektischen Bewegungen der Investorenherde besser begegnen zu können.

Während Keynes noch meinte, der Rentier müsse einen »sanften Tod« erleiden, damit der Kapitalismus seine produktive Kraft entfalten kann, beherrscht heute der Standpunkt des Anlegers Wirtschaft und Politik gleichermaßen. Entstanden ist eine Renditemaschine, die Körper, Geist und Seele nur noch als verwertbaren Rohstoff wahrzunehmen weiß. Alles Menschliche liegt ihr fern. Es scheint, als müsse dieser globale Entfremdungsakt erst auf die Spitze getrieben werden, damit er sich als der Wahnsinn zeigt, der er jetzt schon ist.

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