Milliardengrab

KOMMENTAR Ron Sommer und Hans Eichel versagen im globalen Telekom-Poker

Normalerweise lassen sich Plus und Minus klar unterscheiden. Es gibt Kosten, in der Regel negativ, und Einkünfte, die vorwiegend positiv bewertet werden. Hin und wieder aber entziehen sich die Begriffe dieser eindeutigen Trennung. So wird in vielen Unternehmen darüber nachgedacht, ob das Personal, das in der Vergangenheit ohne jeden Zweifel als Kostenfaktor anzusehen war und auch so behandelt wurde, nicht in den Rang eines Vermögenswertes erhoben werden sollte. Immerhin bilden zumindest in High-tech-Branchen die Fähigkeiten der Mitarbeiter die einzige nennenswerte Ressource. Ihr innovatives Potenzial macht den jeweiligen Unternehmenswert aus. Konsequent zu Ende gedacht, müsste also der Faktor Arbeit auf die Aktiv-Seite der Bilanz wandern. So weit sind wir noch nicht.

Eine andere Art der Verwandlung eines Kostgängers in einen Vermögensgegenstand ist dagegen längst vollzogen. Und weil er zu 58 Prozent der Bundesrepublik Deutschland, also uns, gehört, sollten wir mit Argwohn beobachten, was mit ihm geschieht. Was aber macht Ron Sommer mit der Deutschen Telekom, mit unserem Anteil, der zur Zeit noch einen Wert von knapp 200 Milliarden Mark hat? Er betreibt Kurspflege der schlechtesten Art. Nachdem in der Vergangenheit Kooperationen (France Telecom) oder Übernahmeversuche (Telecom Italia) gescheitert sind, will er jetzt offenbar jeden Preis zahlen, um zum globalen Akteur aufzusteigen.

Trotz einhelliger Kritik aller Analysten, dass 106 Milliarden Mark für das zweitklassige US-Unternehmen Voicestream eine gegenüber vergleichbaren Übernahmen dreifach überhöhte Summe darstellen, hält Sommer mit Rückendeckung des Bundesfinanzministeriums an diesem Wahnsinnsakt fest. Was für uns alle schlecht ist, wird für Li Kashing zu einem der besten Deals, die es in der Wirtschaftsgeschichte jemals gegeben hat. Der aus Hongkong stammende Superstar aller Telekom-Investoren hatte vor zwei Jahren 1,2 Milliarden Dollar in Voicestream investiert und wird nun von der Deutschen Telekom - teils in Aktien, teils in bar - elf Milliarden Dollar erhalten. Mit unseren Anteilen veranstaltet Sommer ein Programm der Vermögensbildung für Milliardäre. Der Aufsichtsrat sollte ihm sofort das Mandat entziehen.

Dass dies nicht geschieht, hat allerdings auch seine Logik. Denn der Hauptaktionär Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch Hans Eichel, ist selbst gerade dabei, Milliarden zu verschenken. Statt die Versteigerung der UMTS-Lizenzen so zu terminieren, dass man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von einem freundlichen und damit preistreibenden Börsenklima ausgehen kann, wie dies die Briten getan haben, findet die deutsche Auktion im Sommerloch statt - mit Preisabschlägen, die in ihrer Summe dem Schaden entsprechen dürften, den der Telekom-Chef selbst anrichtet. So versagen Ron Sommer und Hans Eichel gemeinsam im globalen Telekom-Poker.

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