Partner oder Gegner?

KOMMENTAR China mit WTO-Label

Gedämpfter Applaus und aufschlussreiche Prophetien flankieren den Durchbruch für Chinas baldige WTO-Mitgliedschaft. Die Mehrheit des US-Kongresses reicht Bill Clinton eine Teilentschädigung für das Debakel beim WTO-Treffen von Seattle herüber. Ein Präsident, der einst mit NAFTA begann, über die WTO ins Straucheln geriet, reüssiert noch einmal als virtueller Handelskommissar der Weltökonomie: Der sozialistischen Volksrepublik wird im Waren- und Finanzverkehr mit den USA Ebenbürtigkeit zugestanden. Die amerikanische Innenpolitik muss fortan auf das alljährliche Ritual einer ideologietrunkenen Debatte über die Frage verzichten, womit sich denn China die Meistbegünstigung verdient haben sollte. Warum die Waffe Menschenrechte so stumpf bleibt, dass nicht einmal mehr ein ordentlicher Handelskrieg gegen die Erben Maos zu lohnen scheint.

Mit solchen Jeremiaden ist nun Schluss. Allerorten kursiert die Erwartung, mit dem langen Marsch auf Chinas Märkte könnte die sozialistische Marktwirtschaft so umgepflügt werden wie seinerzeit das ganze System, als die Reformen Deng Xiaopings zu greifen begannen. Propheten gefallen sich in Horrorvisionen, wenn steigende Einfuhrquoten und sinkende Zölle mit einem Crash des chinesischen Arbeitsmarktes zwangsvermählt werden: Von bald 400, 500, 600 Millionen Erwerbslosen ist die Rede - aus der großzügigen Quotierung des Elends sickert die Hoffnung, die vermisste demokratische Revolution werde durch Hungerrevolten ersetzt - und die Volksrepublik? Die gleich mit? Und wodurch? Vielleicht eine "blühende Landschaft" mehr in einer sich selbst genügenden Globalökonomie? Ein sozialer Kollaps in einem Land mit inzwischen 1,4 Milliarden Menschen würde vermutlich zum Selbstläufer der Apokaplypse. Zweifellos taugt "freier Handel" zu politischer Disziplinierung und sozialer Flurbereinigung, aber gerade deshalb ist er bekanntlich nicht so frei, wie er stets geredet wird. Das wissen natürlich auch all jene Apologeten, die derzeit den "Freihandel" mit China zum besten aller Vorkämpfer für "freie Marktwirtschaft" und Demokratie hochstilisieren. Der ökonomische Wettbewerb soll das Passepartout für ein Feindbild liefern, mit dem der Konkurrent China als Gegner stigmatisiert und nicht als Partner respektiert wird. Ein Vorgehen, das allerdings einer Fehleinschätzung des chinesischen Parts unterliegt. Schließlich hat sich eine WTO-Aufnahme Chinas nicht deshalb verzögert, weil Premier Zhu Rongji das eigene Wirtschaftsmodell wie ein Reservat behandelt, sondern dessen Interessen geschützt sehen wollte. China möchte mit seinen Stärken und Schwächen nicht in einen Überlebenskampf gedrängt werden, sondern Gewinn abschöpfen - auch im Interesse seines Arbeitsmarktes. Es hat die Marktwirtschaft und deren Glitzerboa Freihandel durchaus verstanden - nur eben eigene Vorstellungen, wie damit umzugehen ist.

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