roboto sapiens

MASCHINEN GEBÄREN MASCHINEN US-Forscher und die Menschenfrage

Der Mensch ist »langsam, unaufmerksam, konzentrationsschwach, abergläubisch, depressiv.« Er hat in seinem schlecht organisierten Hirn »riesige Mengen nutzloser Informationen gespeichert« und sein Stoffwechsel sei immer noch ein ungeregeltes, erbärmlich stinkendes Naturereignis, klagte schon vor Jahren Marvin Minsky, einer der Päpste der künstlichen Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology (MIT); sein Fachkollege Daniel Hillis - ebenfalls überzeugt, dass der Mensch nicht das letzte Wort der Evolution sein kann - sekundierte: »Wir bauen eine Maschine, die stolz auf uns sein wird!« - Respekt gegenüber ihren menschlichen Vorfahren haben sie noch nicht geäußert, die merkwürdigen Wesen, die von MIT-Forschern in der vergangenen Woche präsentiert wurden. Wohl aber eine gewisse Fähigkeit zur Reproduktion ihrer Gattung. Der Gattung roboto sapiens, wie sie fortan wohl zu nennen wäre. Die technophilen Kritiker der fleisch- und neuronengebundenen Peinlichkeit Mensch sind begeistert. Erstmals sei es gelungen, Roboter so einzurichten, dass sie in einem rechnergestützten, die Evolutionsprinzipien Mutation und Selektion simulierenden Prozess kleine Exemplare ihrer eigenen Art hervorbringen. Wie primitiv diese ersten fortpflanzungsfähigen Geräte auch erscheinen, sie sind weit mehr als skurrile Spielereien der Wissenschaftler. Denn an vielen Instituten dieser Welt wird daran gearbeitet, Roboter zu produzieren, die sich wie Menschen verhalten.

Fällt irgendwann der Mensch unter die Herrschaft seiner eigenen Kreation? Das wohl nicht, kommentiert Rodney Brooks, eine weitere MIT-Koryphäe, aber die Idee seiner Einzigartigkeit stehe zur Disposition: »Was uns vorläufig bleibt, sind unsere Gefühle - wir sind keine kalten Maschinen. Aber die neuen menschenähnlichen Roboter werden diese letzte Gewissheit erschüttern ... Eines Tages werden wir in einer Gesellschaft aufwachen, die Maschinen als intelligente und fühlende Wesen akzeptiert.« Im übrigen - so Brooks weiter- verliere die Herrschaftsfrage allmählich ihren Sinn, weil sich beide Seiten vermengen. Spätestens, wenn sie - die Roboter - dem menschlichen Repertoire sehr nahe gekommen sind, wird es uns - die Menschen - als reines Naturprodukt nicht mehr geben. Gefüllt mit Implantaten, genetisch korrigiert und mit Neuro-Chips unter der Schädeldecke sind wir dann selbst Hybride geworden. Marvin Minsky könnte triumphieren: Der Mensch ist schnell, aufmerksam, konzentriert, maschinell-vernünftig, ohne Gemüt.

Auf dem politischen und moralischen Schlachtfeld wird in den kommenden Dekaden zu entscheiden sein, ob solche MITologien Wirklichkeit werden. Dass gerade die USA - mehrheitlich ungebildet und mit Trivialitäten vollgeblasen, mit ihrer technophilen Intelligenz und ihrer rabiaten Business Class - Robotertechnik, Informatik und Biowissenschaften beherrschen, verheißt nichts Gutes. Den Fluchtpunkt der technischen Möglichkeiten hat Joseph Weizenbaum - einst Computer-Pionier und später der bekannteste Renegat am MIT - drastisch formuliert: Minsky und Co. geht es um die »finale Lösung der Menschenfrage«.

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