Schröders Märchen

BÜNDNIS FÜR ARBEIT Für Gewerkschaften und Unternehmer ist Altersteilzeit lediglich eine Verschiebemasse im ganz gewöhnlichen Tarifpoker

Die Grundschule "An den Buchen" im Nordosten Berlins hat 420 Schüler, 20 Lehrer und einen Hausmeister. Der Hausmeister verwaltet ein jährliches Reparaturbudget von 100 DM. Das reicht immerhin für etliche Glühbirnen. Einige Geschossdecken hängen etwas durch, sind aber angeblich statisch in Ordnung. Die Fenster schließen schlecht und spotten jeder Öko-Bilanz. Der Lehrkörper hat das Durchschnittsalter 50 fast erreicht und verbarrikadiert sich in seinen gesicherten Positionen: Dienst nach Vorschrift und Lehrplan bis zur Befreiung von den zappeligen Großstadtkindern, die den Frust ihrer von Nur-Arbeit getriebenen oder an Nicht-Arbeit erkrankten Eltern in den Unterricht tragen.

Wer den Rohstoff sucht, den ein Bündnis für Arbeit verarbeiten müsste, wird an dieser Berliner Grundschule und an vielen anderen Stellen der Republik schnell fündig. Aber anstatt die naheliegenden öffentlichen Aufgaben der ökologischen Stadterneuerung, der Bildung und der Verzahnung von Arbeit und Qualifikation von vornherein zu einem wesentlichen Element eines Bündnisses für Arbeit zu machen, beschränkt sich die Bundesregierung auf die Moderation eines Tarifvertragsrahmens.

Selbst wenn es kurz vor Weihnachten doch noch zu einer Einigung über die Altersteilzeit kommen sollte, wird dieses Ergebnis nur ein weiteres Kapitel in der bundesdeutschen Tradition sein, die Probleme innerhalb eines bestehenden Rahmens lediglich verschiebt. Beschäftigungspolitisch ergibt sich nicht einmal ein Nullsummenspiel, weil erfahrungsgemäß nur ein Teil der ausscheidenden Älteren durch Jüngere ersetzt wird. Von dem gesellschaftlichen Problem Arbeitslosigkeit hat sich die ganze Veranstaltung offenbar längst verabschiedet. Der Teppich der "Armen Socken", der regelmäßig von Arbeitslosen ini tia tiven ausgerollt wird, wird genauso regelmäßig überrollt.

Letztlich geht es nur noch um eine Vorabverständigung für die anstehenden Tarifverhandlungen. Die tarifgebundenen Unternehmen wollen Verträge durchsetzen, die für mehrere Jahre einen moderaten Lohnanstieg festschreiben und bieten dafür den Gewerkschaften Konzessionen bei dem, was die für ihre industrielle Stammklientel fordern. Die Gewichte zwischen den Kerngruppen der Erwerbsgesellschaft werden neu austariert. Mehr nicht.

Politik, die gar nicht erst den Anspruch erhebt, gestalten zu wollen, kann letztlich nicht mehr bieten als ein schön moderiertes Weihnachtsmärchen. Von einem Bündnis für Arbeit zu sprechen, ergibt eigentlich nur dann einen Sinn, wenn über das Primat der Politik Konsens besteht und die Vielfalt heutiger Arbeitsformen zur Kenntnis genommen wird. De facto geht es bei den Kanzlerrunden aber nur um einen eng begrenzten Bereich männlicher Erwerbsarbeit. Eine solche Initiative wie die "Holzmann-Rettung" für Verkäuferinnen, Putzfrauen und Lehrerinnen kann man sich bei Schröder schwerlich vorstellen. Ebensowenig Initiativen, die sich das Ziel setzen, mehr Menschen in soziale und mehr Männer in reproduktive Arbeit zu integrieren. Und in diesem Punkt sind die Gewerkschaften wohl ähnlich blind wie Arbeitgeber und Regierung. Die gewerkschaftliche Vorstellung einer Rente mit 60 blickt nicht über den aktuellen Kuchen der Erwerbsarbeit hinaus.

Sofern am 23. Dezember eine Einigung zustande kommt, können die Stammbelegschaften von DaimlerChrysler, Bosch und anderen Großbetrieben wie auch die Konzernleitungen und natürlich vor allem Schröder zufrieden sein. Nur mit dem eigentlichen Thema hat diese Veranstaltung dann nichts mehr zu tun, es sei denn die aktuellen Auseinandersetzungen werden zum Ausgangspunkt für die überfällige Repolitisierung des Beschäftigungsproblems. In einem solchen Kontext hätte dann auch Altersteilzeit ihren Platz: Zum Beispiel für die ausgebrannten Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule "An den Buchen".

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