Spalt offen

KOMMENTAR Bündnis für Arbeit

Unternehmer Nägele aus dem badischen Neckargemünd hat an sich kein Problem, abgesehen von den hohen Kosten und von der Jugend, mit der er wenig anfangen kann. Sein Metier, den hochspezialisierten Bau von Werkzeugmaschinen, hat er voll im Griff. Da ist er besser als die Japaner, ganz zu schweigen von den Amerikanern, die eigentlich nur Billigware liefern. Dank seiner langjährigen Mitarbeiter, die nicht nur die Mechanik bis ins letzte, sondern mittlerweile auch die Feinheiten elektronischer Steuerung beherrschen, muss er den Weltmarkt nicht fürchten. Technologisch kann ihm kaum ein Unternehmer dieser Welt etwas vormachen. Er kennt die Details und weiß, wie schwierig es ist, die Mechanik im Bereich kleinster Toleranzen in digitale Impulse zu verwandeln. Auch die Feinheiten der Bilanzkosmetik sind für ihn keine Hürde. Er ist eben ein Meister der Technik, egal ob mechanisch oder finanziell. Nur die "hohe Koschte" und die Jugend - die, wo möglich bekifft - im Internet hängt, die mag er nicht. Und sprunghafte Veränderungen, revolutionäre Produkt-Innovationen, die mag er auch nicht. Er weiß, dass Mechanik, natural wie in ihrem finanziellen Ausdruck, nur Stück für Stück verbessert werden kann und muss.

Multiplizieren wir unseren Herrn Nägele mit dem Faktor 10.000, so haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, was das mittelständische industrielle Unternehmertum in Deutschland ausmacht: eine technisch versierte Gemeinde, die ihre Stärken vor allem im Bereich höherwertiger Investitionsgüter hat. Der alljährlich vom Bundeswirtschaftsministerium herausgegebene Bericht "Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands" bestätigt immer wieder dieses Ergebnis: bei den mittleren und höherwertigen Technologien, nicht jedoch bei den oft mit radikalen Neuheiten verbundenen Hochtechnologien liegen die komparativen Vorteile des Landes.

Zu den Nägeles und ihrer Produktpalette passt das deutsche Wirtschafts- und Sozialsystem: Obwohl es auch hier manchmal zum Arbeitskampf kommt, überwiegt doch das Miteinander, das Austarieren von Interessen, sei es im Betrieb oder in der Branche. Nur so lassen sich Belegschaften aufbauen, die hinsichtlich ihrer Motivation und Qualifikation ihresgleichen suchen. Amerikanisch geführt, würde ein schwäbischer Maschinenbauer schnell zugrunde gehen. Und doch hat das System Nägele einen gravierenden Nachteil. Die "hohe Koschte" lassen sich nur wieder reinholen, wenn ständig rationalisiert wird und Neueinstellungen nur im äußersten Notfall erfolgen. So entsteht eine geschlossene Betriebsgesellschaft, die ganz offensichtlich nur durch eine überbetriebliche Anstrengung reformiert werden kann. Der passende Deal wäre also: Nägele, Du erhältst für einige Jahre Planungssicherheit für Deine Kosten. Dafür musst Du bereit sein, den einen oder anderen älteren Mitarbeiter ziehen zu lassen und Deinen Laden für jüngere zu öffnen. Dieser Deal ist der Kern der diplomatischen Erklärung, die das Triumvirat Schröder, Hundt und Zwickel quasi als ideeller Gesamtkapitalist am vergangenen Sonntag abgegeben hat. Man darf gespannt sein, inwieweit sich die Absicht tarifvertraglich materialisiert.

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