Die Optimistin

ALLTAG Ich sitze im Taxi und lese Zeitung. Da piept die Rufsäule: »Bitte einen Wagen zur Krankenkasse, Grasseallee 2!« Als ich die Vorhalle betrete mit dem ...

Ich sitze im Taxi und lese Zeitung. Da piept die Rufsäule: »Bitte einen Wagen zur Krankenkasse, Grasseallee 2!« Als ich die Vorhalle betrete mit dem Ausruf: »Taxi?« schaut mich der Pförtner mitleidig an und brummelt beiläufig: »Die Dame da will ein Taxi.« Dabei zeigt er in eine dunkle Ecke, in der an einem alten, kahlen Holztisch eine kleine, alte Frau zusammengesunken sitzt.

Ich begebe mich in die Ecke. Die alte Frau begreift zunächst nicht, dass ich der Taxifahrer bin; als ich ihr aber aufhelfe, hakt sie sich bei mir ein und schlurft langsam neben mir her. Die fünf Stufen aus dem Gebäude schafft sie schnaufend und ächzend allein. Für die letzten 15 Meter bis zum Auto krallt sie sich fest in meinen Ärmel. Ich staune über ihre Kraft; wenn sie jetzt stolpert, reißt mein Ärmel aus.

Endlich sitzen wir im Auto. Ich erwarte, dass sie das Fahrziel nennt, aber es kommt nichts. Ich schaue also notwendig nach hinten. Sie erwidert meinen Blick erwartungsvoll und überaus fröhlich.

»Nun?« frage ich vorsichtig.

Sie strahlt, sagt aber kein Wort.

»Na, wo möchten Sie denn gern hin?« frage ich ebenso gut gelaunt.

Nun ist sie irritiert, das Lächeln weicht schlagartig aus ihrem Gesicht.

»Na, äh, nach der ..., nach ..., äh ...«

Oje, denke ich, das wird schwierig. Ein Fahrgast, der nicht weiß, wohin er will. Aber ruhig Blut!

»Ich meine, in welche Straße soll ich Sie denn fahren?«

»Na, in die ..., in ..., na, sagen Sie doch mal, in die ..., ach Gott, ich bin aber auch vergesslerisch heute (sie sagt wirklich vergesslerisch).«

Ich gebe nicht auf: »Macht doch nichts! Wo sind Sie denn hergekommen?«

»Von der ..., na, von der Krankenkasse.«

Sie atmet erleichtert auf.

»Aber da sind wir doch!« gebe ich zu bedenken.

Sie sieht angestrengt aus dem Fenster: »Ja, tatsächlich!«

Sie wendet sich mir wieder zu, hilflos aber fröhlich lächelnd. Eine seelische Verschnaufpause vor neuen Qualen. Ich muss das nächste Register ziehen.

»Wo wohnen Sie denn? Wollen Sie nach Hause?«

»Ja!« strahlt sie wieder.

»Und wo ist das?«

Wieder Verwirrung: »Na, in der ..., äh, warten Sie mal!« Sie holt eine verknitterte Taxiquittung aus der Handtasche. »Hier, Ihr Kollege hat mich doch hergefahren.«

»Ja, er hat 'raufgeschrieben, was es gekostet hat, aber nicht die Fahrstrecke.«

»Ach!« ruft sie aus, inzwischen doch verzweifelt.

Ich überlege, was zu tun ist. Die Polizei, fährt es mir ungut in den Sinn; aber das ist das Stichwort für den letzten Versuch: »Haben Sie denn nicht einen Ausweis dabei?« Das habe ich noch nie jemanden gefragt.

Eilig beginnt sie in ihrer Handtasche zu kramen: »Ja, ich habe doch da so ... einen neuen ... aus Plastik ...« Da hält sie ihn mir stolz entgegen.

Ich lese: »Lauenberger Straße 22. Wohnen Sie da? Wollen Sie da hin?«

Ein breites, entspanntes, ja glückliches Lächeln umfängt mich. »Ja«, sagt sie erleichtert, »ja, da will ich hin!«

Auch ich atme auf und starte durch.

Auf der ganzen Fahrt spricht sie kein einziges Wort. In welchen Gedanken sie wohl lebt? Wie sie wohl ihr Leben meistert? Ein bisschen davon soll ich gleich noch erfahren.

Wir kommen in der Lauenberger Straße an: ein Abrisshaus zum Erschrecken.

»Ist das hier richtig?« frage ich ungläubig.

Sie guckt aus dem Fenster: »Ja, hier ist es richtig.« Sie zahlt. Ich helfe ihr aus dem Auto. Als wir auf den Eingang zugehen, flattern im dritten Obergeschoss Tauben in ein herausgeschlagenes Fenster. Ein Nebeneingang ist zugemauert. Die Wohnungstür im Erdgeschoss ist aufgebrochen, dahinter ist Schutt und Gerümpel zu erkennen.

Sie krallt sich ans wackelige Geländer und strahlt wieder: »So, das schaffe ich schon allein. Oben warten bestimmt schon meine Täubchen! Auf Wiedersehen.«

Als ich wieder im Auto sitze, schaue ich mir noch mal das Haus an. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Der Fahrgast vorher ist zu seiner Luxusvilla gefahren und hat nur von Risiko und Unglück geredet.

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