Dzien Dobry, Danuta

KEHRSEITE Sie stellt ihren Koffer vor sich auf den Boden. Um sie herum auf dem Bahnhof Stimmengewirr, das Geräusch einfahrender Züge, Lautsprecherdurchsagen. ...

Sie stellt ihren Koffer vor sich auf den Boden. Um sie herum auf dem Bahnhof Stimmengewirr, das Geräusch einfahrender Züge, Lautsprecherdurchsagen. Nein, ihr Zug fährt noch nicht. Sie hat noch Zeit, eine Weile zu verschnaufen.

Ihre Füße sind vor Müdigkeit schwer wie Blei. Schon droht sie, von der Monotonie umgeben, stehend einzuschlafen. Doch das darf nicht passieren. Sie nimmt ihren Koffer auf, geht zur Toilette und schließt sich ein. Sie öffnet den Koffer und blickt stolz auf den Inhalt. 15 Liter polnische Suppe bester Qualität. Andrzej hat in der Branche einen guten Ruf.

Sie muss lachen beim Gedanken an das Theater, das sie gespielt hat, nur damit die polnischen und deutschen Zöllner nicht unter ihren Sitz schauen würden.

Jetzt ist es an ihr, die Adresse, die ihr Schwager Zygmunt mitgegeben hat, zu finden. Nur - diese Sprache hier! Gräfenhainichen! Wer soll das je aussprechen können, wenn nicht ein Deutscher?

Die Anspannung und die lange Fahrt fordern nun doch ihren Tribut. Sie gähnt und sieht auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt. Sie darf jetzt nicht schlappmachen.

Also, wie hat Andrzej gesagt? 50 Milliliter darf sie für sich abzweigen. Sie entnimmt einem kleinen Seitenfach das Spritzbesteck und eine 50-Milliliter-Ampulle. Langsam zieht sie die Spritze auf. Sie schiebt ihren linken Ärmel zurück und setzt die Nadel an die Vene im Ellenbogen. Dort geht es am einfachsten. Sie stößt langsam zu und drückt mit dem Daumen die ganze Ration auf einmal ins Blut. Dann ballt sie die linke Faust und atmet tief durch.

Es dauert keine zwei Minuten, da kommt ihre Kraft wieder, begleitet von wunderschönen Bildern und Empfindungen. Wie ist das Leben doch schön! Und so farbig und leicht! Man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen.

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